Dieses Open-Science-Projekt erforscht die globale Komplizenschaft von Geschichtsrevisionismus, Klimakatastrophe und illiberalen Populismusbewegungen mit Schwerpunkt Europa. Neopopulismus wird hier unter vier Aspekten erforscht:

Neopolis

Erstens entfaltet sich die Dynamik des Neopopulismus vor dem Hintergrund tiefgreifender Veränderungen des politischen Prozesses: das Organisationsprinzip von Nationalstaatlichkeit ist nach wie vor dominant, während die Herausforderungen der Meta-Katastrophe global und kosmopolitisch sind. In diesem Zusammenhang muss die Problematik des Methodologischen Nationalismus erkannt werden: die etablierte Denkweise im nationalstaatlichen Rahmen droht, politisches Denken auch dort auf einen nationalen Rahmen einzuengen, wo die gobale Wirklichkeit eine weitere Perspektive erfordert. Dies betrifft vor allem traditionelle Sicherheitsparadigmen aus der nationalstaatlichen Ära, die immer in erster Linie die Sicherheit des jeweiligen Nationalstaats bedeuten. Vor diesem Hintergrund wird der Imperativ Interspezifischer Sicherheit entwickelt: Sicherheit für alle Spezies und Aspekte des Klimasystems sind alternativlos, aber besonders im lokalen Rahmen noch unterentwickelt; in den politischen Projekten neopopulistischer Regime spielt interspezifische Sicherheit gar keine oder allenfalls eine negative Rolle. Diese Aspekte werden unter der Kategorie Neopolis behandelt.

Neovox

Zweitens bauen alle populistischen Bewegungen auf Zustimmung und Polarisierung öffentlicher Meinungen (vox populi). Diese lassen sich zum einen über das Sammeln von Metaphern und Stereotypen systematisch erfassen; über die vergleichende Metaphernanalyse können Diskurse, kollektive Denkweisen, Ideologien, Sinngebungsprozesse und Handlungslogiken offengelegt werden. Die Sendung öffentlicher Meinungen wird über Neue Medien in nie dagewesene Reichweiten propelliert und untergräbt dabei politische Instutionen liberaler Demokratien. Deshalb müssen der Plattform- und Meinungskapitalismus und seine Auswirkungen auf politische Gemeinwesen analysiert werden. Außerdem müssen Möglichkeiten alternativer, öffentlicher Diplomatie gefunden werden, deren Relevanz neopopulistische Regime erkannt haben und intensiv nutzen. Diese Zusammenhänge werden unter der Kategorie Neovox erfasst.

Neostory

Drittens wird sowohl auf liberaler wie auf illiberaler Seite die Forderung laut, bestehende Geschichtsbilder zu hinterfragen. Dies ist ein uneinheitliches und ambivalentes Unterfangen: einerseits kündet es vom begründeten Bedarf nach Revision — wenn es zum Beispiel um postkoloniale Revision geht. Noch weniger präsent ist hingegen der Ruf nach Revision einer insgesamt weitestgehend anthropozentrischen Historiographie, in der stets die Geschichte der Menschen im Zentrum steht; das hat die Unterrepräsentanz nicht-menschlicher Umwelt zur Folge, was sich im relativ betrachtet geringen Umfang von Umwelt- und Katatstrophenhistoriographie spiegelt. Andererseits rufen auch neopopulistische Akteur:innen nach Revision, die sie jedoch selektiv und zur Erreichung eigener Ziele vornehmen. Populistischer Geschichtsrevisionismus und seine Komplizenschaft mit Desinformationskampagnen, „alternativen Fakten“ und die therapeutischen Rufe nach der „harten Hand“ müssen ernst genommen und dekonstruiert werden, damit die Geschichte der Zukunft als interspezifisch gerechtes Projekt gelingen kann. Dieser Kontext wird unter der Kategorie Neostory erforscht.

Neomotion

Viertens basiert die Attraktivität neopopulistischer Sendung auf Affekten, starken Emotionen und dem Repertoire unterschiedlicher Glaubenssysteme und Grundüberzeugungen.

Das Gesamtprojekt

Neopopulismus ist das erste von drei Teilprojekten von Hermannova: Grounded Theory from Berlin and Bosnia. Nachdem unter Neopopulismus eine vertiefte Problemanalyse auf das Zusammenspiel von Geschichtsrevisionismus, Klimawandel und die illiberalen, populistischen Bewegungen in Europa sowie weltweit erfolgt ist, geht es in Teil zwei (Berlin) und Teil drei (Bosnien) des Projekts um zwei unterschiedliche Mikro-Ebenen: zum einen um Erfahrungswerte im superdiversen Berlin (mit Schwerpunkt Neukölln), zum anderen in den erprobten Differenzgemeinschaften des Balkans (mit Schwerpunkt Krivajatal in Bosnien-Herzegowina). In der Synthese aller dreier Projekte sollen Policies und Empfehlungen für das interspezifische Zusammenleben in Differenz unter Berücksichtigung der Bedingungen der Meta-Katastrophe Klimawandel erarbeitet werden.

Neueste Beiträge:

  • Demokratische Autokratieförderung: der lange Hall des Kalten Kriegs
    Angesichts der Geschehnisse im Iran, wo sich nach dem Tod von Jina Mahsa Amini die Menschen erneut gegen das seit 1979 herrschende Mullah-Regime erhoben haben, sowie der sich gleichzeitig entfaltenden Eskalation des Putin-Regimes in der Russländischen Föderation, das sich nun zur Teilmobilmachung entschieden hat und wiederholt mit…
  • Wladimir Kara-Mursa über Putins Populismus
    In diesem Beitrag gehe ich der Frage nach, ob und wann der Zeitpunkt ermittelt werden kann, ab dem neopopulistische Herrschaft eine Schwelle überschreitet, ab der es zu spät sein könnte, ihre inhärente, progressive Dynamik der sich immer weiter steigernden Eskalation aufzuhalten. Hierbei nehme ich die Eskalationen des Putin-Regimes unter die Lupe, indem ich ein äußerst aufschlussreiches Interview mit dem oppositionellen russischen Politiker Wladimir Kara-Mursa aus dem Jahr 2017 analysiere und kommentiere.
  • Syllabus: Populismus, Revision und Geschichtsrevisionismus in Europa
    Über die Lehrveranstaltung Geschichtsrevisionismus ist eine markante diskursive Strategie neopopulistischer Regime, die in den letzten Jahren verstärkt zu beobachten ist. Insbesondere im Krieg des Putin-Regimes gegen die Ukraine wird sie als Legitimationsgrundlage bemüht. Dennoch handelt es sich bei Geschichtsrevisionismus um ein Phänomen, das keineswegs erst im 21.…