Was Klimawandel und Populismus verbindet

Neopopulismus und der Zulauf für Autokratien spannen wie ein regressiver Zeitgeist zwischen revisionistischen Fluchten in idealisierte Vergangenheit und der progressiven Klimakatastrophe. Die vier Teilprojekte zu Geschichte, politischen Strukturen, öffentlichen Meinungen und Affektökonomie, die in der klassischen Populismusforschung meistens als getrennte Bereiche unterschiedlicher Disziplinen erforscht werden, bilden in diesem Forschungsprojekt einen Gesamtzusammenhang. Der heutige Neopopulismus verwendet zwar altbekannte Strategien und Demagogik wie eh und je, doch in einem zentralen Merkmal unterscheidet er sich von den Populismen des 20. Jahrhunderts: In Sendung und Resonanz wirkt er grenzübergreifend.

Problemanalyse & Suche nach Lösungen
in vier Forschungsfeldern:

Altes Chemiewerk Rüdersdorf (c) Thomas Schad, 2025

1. NEOSTORY


Die Kategorie NEOSTORY behandelt Geschichte auf unterschiedlichen Ebenen: Zunächst geht der Blick bis in die Frühe Neuzeit und die Europäische Industriemoderne zurück, um die Gewordenheit des heutigen Zustands unserer politischen Gemeinwesen zu verstehen – und vor allem, um das problematische Verhältnis zur nicht-menschlichen Umwelt offenzulegen. Teil dieser Gewordenheit ist das organisatorische und gedankliche Erbe der Ära des Nationalstaats, das auch in Form des methodologischen Nationalismus immer noch unseren Blick einengt. Die historische Rückschau zieht auch Vergleiche zu anderen historischen Wendezeiten (wie Renaissance oder Romantik), als es, vergleichbar zu heute, zu widersprüchlichen Dynamiken zwischen Bedarf nach Revision und revisionistischen Fluchten in verklärte Vergangenheiten gekommen ist. Besondere Aufmerksamkeit sollen Ansätze einer neuen Historiographie erfahren, in der mehr-als-menschliche Geschichte im Zentrum steht.

2. NEOPOLIS


Auch unter der Kategorie NEOPOLIS steht der mehr-als-menschliche Gedanke im Zentrum: Hier sollen auf der Grundlage kritischer Auswertung traditioneller Sicherheitskonzepte Wege und Lösungen hin zu interspezifischer Sicherheit bzw. mehr-als-menschlicher Sicherheit aufgezeigt werden. In der politischen Programmatik neopopulistischer Regime spielt Sicherheit, die über den Horizont staatlicher oder sogar persönlicher Interessen hinausgeht, allenfalls eine negative Rolle. Zum einen liegt das an der für den Neopopulismus der Gegenwart typischen Oligarchisierung, in der große Privateigentümer ihre Partikularinteressen über nationalstaatliche Grenzen hinweg durchzusetzen versuchen. Zum anderen bestehen Trägheitsmomente der nationalstaatlichen Ära fort, die hier unter dem Begriff des methodologischen Nationalismus erfasst werden und den Blick auf kosmopolitische Angelegenheiten verstellt: Es mangelt schlichtweg an alternativen Konzepten, Visionen und Prinzipien. Wenn sich aber die Welt in einer Metamorphose befindet, dann werden auch dringend neue Lösungen gebraucht. Für die Vielzahl der Krisen (oft „Polykrise“ genannt) und ausgerufenen Wenden wird hier das Anthropozän als politischer Arbeitsbegriff an praktischen Beispielen und Lösungskonzepten für Wälder, Flüsse, Böden und andere Aspekte der Biosphäre kritisch diskutiert, um am Ende einen Beitrag zu einem dringend benötigten Paradigmenwechsel leisten zu können.

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3. NEOVOX


Das Forschungsfeld NEOVOX geht von der Beobachtung aus, dass neopopulistische Akteure gezielt Public Diplomacy – Öffentliche Diplomatie – einsetzen, um Öffentlichkeiten und Meinungslager auf ihre Seite zu bringen und die Autokratisierung ihrer jeweiligen politischen Gemeinwesen voranzutreiben. Um die Dynamik zu verstehen, werden zunächst öffentliche Meinungen im historischen Rückblick analysiert, die sehr stark von metaphorischer Sprache (Übertragungen, Stereotypen, etc.) geprägt sind. Die Digitale Revolution mit ihren Begleit- und Folgeerscheinungen (mobile Internetgenerationen, geschlossene Algorithmen und Codes, Social Media, KI, etc.) hat zu einer tiefgreifenden Transformation öffentlicher Meinungen geführt, was ohne die Entwicklung des Kapitalismus zum Plattformkapitalismus nicht verständlich wäre: Meinungen – und damit verbunden Gefühle – wurden durch Meinungsplattformen systematisch kommodifiziert. In einer Art „Meinungskapitalismus“ bilden sie auf dem Feld der Public Diplomacy, der Propaganda- und Desinformationsschlachten die höchst rentable Leitwährung. Vor diesem Hintergrund werden Lösungen zur Digitalen Souveränität diskutiert, um das höchste Prinzip der Demokratie zurückzugewinnen: die Mündigkeit der Öffentlichkeit.

4. NEOMOTION

Eines der schwierigsten, aber höchst relevanten Aktionsfelder von Neopopulisten besteht in der Bearbeitung und Instrumentalisierung von Emotionen und Affekten, denen mit rationalen Argumenten nicht beizukommen ist. Ob religiöse Gefühle und Identität, Trauma und Horror Vacui, Furcht vor Anderen und Nonkonformismus, Kränkung und Ressentiment: sie alle stellen zusammen eine „psychologische Großmacht“ dar, die unter dieser Kategorie erfasst werden.


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Hermannova: Grounded Theory from Berlin and Bosnia

Neopopulismus ist das erste von drei Teilprojekten von Hermannova: Grounded Theory from Berlin and Bosnia. Nachdem unter Neopopulismus eine vertiefte Problemanalyse auf das Zusammenspiel von Geschichtsrevisionismus, Klimawandel und die illiberalen, populistischen Bewegungen in Europa sowie weltweit erfolgt ist, geht es in Teil zwei (Berlin) und Teil drei (Bosnien) des Projekts um zwei unterschiedliche Mikro-Ebenen: zum einen um Erfahrungswerte im superdiversen Berlin (mit Schwerpunkt Neukölln), zum anderen in den erprobten Differenzgemeinschaften des Balkans (mit Schwerpunkt Krivajatal in Bosnien-Herzegowina). In der Synthese aller dreier Projekte sollen Policies und Empfehlungen für das interspezifische Zusammenleben in Differenz unter Berücksichtigung der Bedingungen der Meta-Katastrophe Klimawandel erarbeitet werden.