Geschichte spielt im neopopulistischen Diskurs auf zwei Ebenen eine zentrale Rolle: erstens in einem historiographischen Sinn, und zweitens aus diskursanalytischer und sozialpsychologischer Perspektive. Für die Historiographie ist die Ergründung der historischen Gewordenheit der geopolitischen und technologischen Wende von zentraler Bedeutung: diese facettenreiche Wende muss nicht nur als Teil eines kosmopolitischen Prozesses gesehen werden, sondern ist bedingend und grundlegend für die Hervorbringung des heute vorherrschenden Neopopulismus. Deshalb gilt es, in den betrachteten und unterschiedlichen Ländern sowohl den je eigenen, als auch den verbindenden, globalen Kontext zu beachten. Auf der Meta-Ebene der historischen Diskursanalyse und hinsichtlich der Rolle von Geschichte in sozialpsychologischen Zusammenhängen gestalten sich die Herausforderungen für die interdisziplinäre Forschung besonders komplex: Geschichte — in diesem Fall schwerpunktmäßig die Zeitgeschichte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts — kann und muss zu gegebener Zeit einer Relevanz- und Fakten-basierten Revision unterzogen werden. Andererseits wird Geschichte von neopopulistischen Geschichtrevisionisten für politische Bedürfnisse instrumentalisiert, selektiv geformt und für populistische Manipulationsstrategien missbraucht. Obwohl der neopopulistische Missbrauch von Geschichte einer visionslosen Flucht in die Vergangenheit gleichkommt, schmälert dies keineswegs den Bedarf nach kritischen Geschichtszugängen für die Gegenwart und Zukunft: nur über faktenbasierte, kritische Geschichte ist die Genese aktueller und zukunftsgewandter Probleme verstehbar.
Wende und Zeitenwende
Der weltweit zu beobachtende Neopopulismus muss vor dem Hintergrund der Wende begriffen werden, die ihn hervorgebracht hat, die ihn immer wieder aufs Neue hervorbringt und die sich auch in der Art und Weise ausdrückt, wie im neopopulistischen Diskurs kommuniziert wird. In Europa, wo die bipolare Teilung des Kalten Krieges quer durch den Kontinent verlief, werden nach wie vor in erster Linie die späten 1980er und die 1990er Jahre als entscheidende, transformative Wendezeit erinnert: kein Wunder, verlief der sogenannte Eiserne Vorhang doch manchmal direkt vor der eigenen Haustür, durch die eigene Stadt oder innerhalb der eigenen Familie. Doch auch heute ist wieder von einer Wende die Rede — gar von der Zeitenwende und einem neuen, erdgeschichtlichen Zeitalter: dem Anthropozän.
Revision und Historiographie
Wie das prominente Beispiel des deutschen Historikerstreits (1986/87) sowie die unter dem Titel Historikerstreit 2.0 ausgetragene (Online-) Debatte aus dem Jahr 2021 über den Platz von Nationalsozialismus und Kolonialismus im deutschen Geschichtsbewusstsein zeigen, kommt es unter bestimmten Umständen — zum Beispiel durch neue Erkenntnisse oder das Aufkommen neuer Relevanzfragen — zum Ruf nach Revision etablierter Geschichtsbilder und ihrer Auslassungen. Im Fall des vorliegenden Projektes und der Frage danach, was unter der Wende zu verstehen ist, müssen vor allem zeitgeschichtliche Annahmen über die Wendezeit der 1980er-1990er Jahre in Europa sowie ihre Auswirkungen hinterfragt werden. Dazu gehören die Dekonstruktion neoliberaler Sackgassen der Wachstumsideologie ebenso wie die Revision einer insgesamt weitestgehend anthropozentrischen Historiographie, in der stets die Geschichte der Menschen im Zentrum stand. Dies hatte eine Unterrepräsentanz nicht-menschlicher Umwelt zur Folge, was sich im (insgesamt gesehen) geringen Bestand von Umwelt- und Katatstrophenhistoriographie spiegelt.
Revisionistische Flucht
Im Gegensatz zum relevanz- und faktenbasierten Verfahren in Debatten zur Revision von Geschichte greifen neopopulistische Revisionisten typischerweise auf Themen der Vergangenheit zurück, die sie ihren politischen Projekten anpassen und mit ihrem Gespür für die therapeutische Wirkung ihrer Sendung kombinieren. Revisionistischen Schlagwortprojekten wie der Serbischen Welt, der Russischen Welt, dem Neoosmanismus, der Reichsbürgerbewegung, den Querdenkern und Pegidisten, aber auch zahlreichen anderen europäischen und globalen Revisionismusprojekten ist gemein, dass ihre Sendung auf jeweils ethno-national eingrenzbare Sender zurückführbar ist1So geht das Projekt der Serbischen Welt auf serbische, das der Russischen Welt auf russländische, der Neoosmanismus auf türkische, die Reichsbürgerbewegung auf deutsche Ursprünge und Sender zurück und so fort.; andererseits stellen genau diese Sender aber Grenzen in Frage, richten sich an eine vox populi außerhalb des eigenen politischen Gemeinwesens, arbeiten in supranationalen Verbänden zusammen (wie zum Beispiel im EU-Parlament) und lernen effektiv von einander im Kontext des autokratischen Lernens.
Die Leithypothese in diesem Bereich lautet, dass die Effekte des horror vacui, des Nicht-Verstehens der Welt und die physisch spürbare Erhitzung des Planeten dazu führen, dass zu Vergangenheitsrepertoire gegriffen wird, um die Gegenwart scheinbar zu erklären, die Zukunft zu visieren und um sich gegen Verlust des Status Quo zu wehren. Vergleichbare Dynamiken sind auch aus anderen Wendezeiten bekannt, wie etwa in Begleitung und als Folge der sogenannten Holznot im 19. Jahrhundert (Radkau 2008), welches Jürgen Osterhammel (2010) auch als das Jahrhundert der „Verwandlung der Welt“ charakterisiert hat: neureligiöse und okkulte Bewegungen fanden weite Verbreitung (Webb 2009), und vieler Romantiker wandten sich dem Katholizismus und einer generellen Mittelalter-Mode zu, wie von Heinrich Heine in der Romantischen Schule scharfzüngig beschrieben worden ist (Heine 1835). Gegenwärtige, neopopulistische Revisionismen wie „Make America Great Again“ in den USA, die „Russische Welt“ (Русский мир) in der Russländischen Föderation, die „Serbische Welt“ (Srpski Svet) in Serbien und auf dem Westlichen Balkan, der Neoosmanismus (Yeni Osmanlıcılık) in der Türkei, auf dem Balkan und den SWANA-Staaten — aber auch die „Reichsbürgerbewegung“ in Deutschland und unzählige vergleichbarer Projektionen mehr — greifen ebenso typischerweise auf Themen aus der Vergangenheit zurück, die sie ihren Bedürfnissen „therapeutisch“ anpassen (Pető 2015; Tucker 2008). Gleichzeitig stillen sie damit emotionale Bedürfnisse, die als Nostalgie (Yavuz 2020), restaurative Nostalgie (Özçetin 2019; Sert 2013) und einem sich Sehnen nach sicheren, klaren Weltbildern interpretiert worden sind.
Narration, Identität und Zukunft
Geschichten zu erzählen ist maßgeblich für die Ausbildung von Identität, so der französische Philosoph Paul Ricœur — und damit ein menschliches Grundbedürfnis. Doch welche Geschichten erzählen wir uns? Und wie gehen wir angesichts der Meta-Katastrophe des menschlich induzierten Klimawandels damit um, dass vieles von dem, was „normal“ war oder sogar als anstrebenswert galt, in den katastrophischen Progress führte? Ausgehend von der Beobachtung, dass alle revisionistischen Geschichtsprojekte in die umgekehrte Richtung führen, sucht dieses Projekt nach alternativen, tragfähigen Geschichten aus der sozialen Wirklichkeit der Vergangenheit und Gegenwart für die Zukunft.
In der interdisziplinären Fachliteratur über Erinnerungskultur und Erinnerungsräume (Aleida und Jan Assmann), aber auch über vorgestellte Geographien (Maria Todorova, Edward Said), vorgestellte Gemeinschaften (Benedict Anderson) und Nationsbildungsprozesse (Miroslav Hroch), wurde der Stellenwert von geteilten Narrativen und erfundenen Traditionen (Eric Hobsbawm) ausführlich analysiert und beschrieben. Die wichtigsten Ergebnisse dieser und anderer Vorarbeiten sollen in diesem Projektbereich deshalb noch einmal herausgearbeitet und mit praktischen Beispielen aus den europäischen und globalen Fallbeispielen kontextualisiert werden. Daran anschließend soll vor dem Hintergrund nationaler Erzählrahmen von Geschichte und Historiographie einerseits und auf der Grundlage der vielstimmigen Geschichtserfahrungen in Bosnien und Berlin andererseits diskutiert werden, wie Geschichtsschreibung für Gemeinschaften und politische Gemeinwesen gestaltet werden kann, die alles andere als homogen sind.