Alle populistischen Bewegungen bauen auf Zustimmung und Polarisierung öffentlicher Meinungen (vox populi). Diese lassen sich zum einen über das Sammeln von Metaphern und Stereotypen systematisch erfassen, zum anderen kann die vergleichende Metaphernanalyse Diskurse, kollektive Denkweisen, Ideologien, Sinngebungsprozesse und Handlungslogiken offenlegen. Die Sendung öffentlicher Meinungen wird über Neue Medien in nie dagewesene Reichweiten propelliert und untergräbt dabei politische Instutionen liberaler Demokratien. Deshalb müssen die Auswirkungen des Plattform- und Meinungskapitalismus auf Prozesse digitaler und politischer Mündigkeit analysiert werden, bevor Möglichkeiten alternativer, öffentlicher Diplomatie gefunden werden können. Diese Zusammenhänge werden unter der Kategorie Neovox erfasst.
Öffentliche Meinungen und Mündigkeit
Die res publica — die öffentlichen Angelegenheiten der inzwischen metamorphen Staatlichkeiten — sind zutiefst mit der Art und Weise verbunden, wie öffentliche Meinungen gebildet werden. Deshalb ist eine Beschäftigung mit diesem Prozess der Metamorphose auch nur möglich, wenn die Digitalisierung bzw. Medialisierung über digitale Technologien einbezogen wird. Doch kann überhaupt noch, wie es früher immer hieß, von der öffentlichen Meinung die Rede sein — während es millionenfach Meinungen gibt, die wiederum in strenge Binaritäten streben, durch unzugängliche Algorithmen privater Unternehmer kanalisiert?
Durch die fortgeschrittene Medialierung sind mediale Nutzer:innen von Konsument:innen längst zu Prosument:innen geworden. Ereignisse wie die Trump-Wahl in den USA, das Brexit-Referendum in Großbritannien, die plebiszitäre Abschaffung des Parlamentarismus in der Türkei, die grenzübergreifende Propaganda des Putin-Regimes im Zuge der Ukraine-Invasion, sowie das Auftreten zahlreicher anderer, massenhafter Meinungsmobilisierungen haben politische Konstitutionen tief erschüttert. Deshalb ist es in diesem Projektteil NEOVOX notwendig, die Entwicklung der öffentlichen Meinungsbildung seit den frühen medienwissenschaftlichen Studien des 20. Jahrhunderts nachzuzeichnen und zu verstehen. Dazu gehört auch die kontinuierliche Beobachtung netzpolitischer Entwicklungen.
Leben in Metaphern
Die Sprache der Neuen Medien, neopopulistischer Akteure und ihrer Followers und Prosument:innen ist von großer Stereotypizität geprägt. Eine kritische Lesart von Walter Lippmanns (1889-1974) Studie Public Opinion erlaubt eine Neukonzeptualisierung des Begriffs der Stereotype: diesen hatte der Autor 1922 als metaphorische Übertragung der metallischen (dinglichen, „eigentlichen“) Druckerstereotype der damaligen Druckerpressen auf die sprachliche (nicht-dingliche, „uneigentliche“) Ebene geprägt. Dadurch konnte er wiederkehrende, stereotypische Begriffe der öffentlichen Meinung erfassen. Nicht weniger stereotypisch als Anfang des 20. Jahrhunderts ist die neopopulistische Sprache der Neuen Medien einhundert Jahre später. Weil Stereotypen Metaphern sind, werden über Metaphernanalyse und Theorien des Verstehens, Fremdverstehens und Übersetzens zentrale Metaphern erfasst und verglichen. So können zentrale Metaphern zeitgenössischer, neopopulistischer Diskurse erfasst und miteinander verglichen werden.
Plattform- und Meinungskapitalismus
Während Anfang des 20. Jahrhunderts die Printpresse noch das Leitmedium war, hat die rasante technologische Entwicklung der Kommunikationstechnologie zur Digitalen Revolution geführt, wodurch die traditionelle Medienlandschaft fundamental umgepflügt wurde. Geblieben sind bis heute die Stereotypen — die im digitalen Medienzeitalter in neuer und zuvor undenkbarer Geschwindigkeit und Voluminosität durch den diskursiven Raum rasen. Die Digitale Revolution hat allerdings nicht nur Beschleunigung und riesige Sendungsvolumina gebracht, sondern geht — insbesondere seit den jüngeren Internetgenerationen und mobilen Endgeräten — mit einer Entwicklung einher, die von den traditionellen politischen Institutionen des Nationalstaats schwer gestaltbar erscheint: dem Meinungs- und Plattformkapitalismus.
Öffentliche Diplomatie
Ein typisches Merkmal neopopulistischer Sendung ist der starke Gebrauch kulturalistischer und identitärer Kategorien. Diese werden in stereotypischer Sprache über die (unter Meinungskapitalismus beschriebenen) Meinungsplattformen verbreitet, um die öffentlichen Meinungen zu gestalten. In diesen Bereich fallen die grenzübergreifenden Desinformations– und Propagandakampagnen, wie sie etwa die Autoren einer Broschüre der Amadeu Antonio Stiftung von 2022 am Beispiel der neopopulistischen Sendung des Putin-Regimes und ihrer Rezeption durch neokonservative und illiberale Akteure in Deutschland detailliert recherchiert haben (Steinberg/Vitter 2022). In diesselbe Kategorie gehören die Aktivitäten des türkischen AKP-Regimes, das nicht nur in der Türkei, sondern auch in Deutschland, auf dem Balkan und global sendet, wozu eine Reihe neuer Institutionen und Think Tanks gegründet worden ist (Arin 2015); im Fall der kulturalistischen Sendung des AKP-Regimes tritt besonders deutlich zu Tage, was auch anderswo — etwa in der Russländischen Föderation (Bluhm 2023) oder in Iran (La Marca 2022) — der Fall ist: es werden regelrechte Kulturkämpfe ausgetragen (Özçetin 2019; 2018; Turan/Çiçekoğlu 2019). Auch Genozidleugnung, etwa im prominenten Fall des Srebrenica-Genozids von 2015, kann über kulturelle Sendung erfolgen (Schad 2021). Außerdem ist verstärkt autokratisches Lernen zwischen den unterschiedlichen, neopopulistischen und neokonservativen Regimen zu beobachten (Bank/Josua 2017; Bluhm 2023; Schad 2022a, 2022b; Way 2016).
Kultur und Identität sind jedoch — genau wie die damit einhergehenden Kategorien Religion und Spiritualität — ambivalent: sie können auch alternativ und liberal gestaltet werden. Deshalb sollen am Ende dieses Bereichs Vorschläge erarbeitet werden, wie eine alternative Kulturdiplomatie aussehen kann, in der Kultur, Religion, Spiritualität und Identität nicht identitär und nicht kulturalistisch verhandelt werden können.