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Zur Schließung der Bilgi Universität Istanbul

Das hier ist ein adhoc-Kommentar zu einer Nachricht, die gerade wie ein lauter Aufschrei durch meine Social Media Feeds geht: Die Istanbuler Bilgi Universität wird (oder ist wohl schon) geschlossen – einfach so, von jetzt auf dann, weil es Präsident Erdoğan so beschlossen hat. Ich fühle mich verpflichtet, dagegen zu protestieren, denn ich habe der Bilgi Universität selbst so einiges zu verdanken. Viel relevanter und schockierender ist aber, dass damit ein wichtiger Wissenschaftsstandort verloren geht und dass viele Student:innen, wissenschaftliche Mitarbeiter:innen, Mitarbeiter:innen der Verwaltung ihre Uni, ihren Arbeitsplatz, ihren Ort der Forschung und Lehre verlieren. Freund:innen und Kolleg:innen sind direkt betroffen.

Ich habe die Bilgi Universität 2007 kennengelernt, als auf dem dortigen Dolapdere Campus Ende Januar die erste Internationale Konferenz über Gewissenverweigerung (Kriegsdienstverweigerung) in der Türkei stattfand. Das war ein echter Paukenschlag, weil die Wehrpflicht bis dahin als nahezu unantastbar galt. Es war eine hochkarätige, mutige Konferenz, an der so beeindruckende Personen wie der Verweigerer Mehmet Tarhan teilgenommen haben. Die Bilgi hat sich auch bereit erklärt, die berühmte Konferenz über den Armenier-Genozid zu hosten, nachdem sich andere Universitäten zurückgezogen hatten. Dank Professor Ayhan Kaya und über die Vermittlung durch Muhteşem Hande durfte ich 2014/2015 an der Bilgi Universität als Visiting Researcher des European Institute während meines einjährigen Forschungsaufenthalts zu Feldstudien alle Einrichtungen (wie die Bibliothek) benutzen und ein Working Paper in einer Reihe der Bilgi Universität veröffentlichen. Ich konnte außerdem an einer sehr wichtigen Konferenz über Human Security teilnehmen, was ein wichtiger Meilenstein hin zum Denken über interspezifische bzw. mehr-als-menschliche Sicherheit war, deren Spur in diesem Forschungsprojekt verfolgt wird. 2017 hatte ich das Glück, an einem Workshop der Bilgi und der Queens University Belfast über das Thema „Loss“ teilzunehmen, wobei die blutigen Entwicklungen im Land den Workshop stark beeinflussten.1Ich habe einen Vortrag über den Verlust des Rechts, Rechte zu haben im Lichte der sogenannten Flüchtlingskrise und Balkanroute beigetragen. So war der Campus Santral am Ende des Goldenen Horns inzwischen mit Security Checks versehen und nicht mehr so offen wie früher. Das Gelände stand vorher übers Wochenende für die Anwohner offen, die auf den gepflegten Rasenflächen zum Beispiel picknicken konnten, was in einer zubetonierten Stadt wie Istanbul durchaus wertvoll ist. Die Liste von Meriten der Universität ist viel länger, wenn man allein an die unzähligen Publikationen und menschlichen Vernetzungen denkt, die hier einen Ort hatten. Aber diese persönlichen Bezüge und Erfahrungen sollen hier genügen.

Auch Katzen hatten freien Zutritt zur Bilgi Universität (hier in der Bibliothek des Santral Campus) und machten es sich schon mal auf meiner Tastatur bequem, wenn sie sich diese Freiheit nehmen wollten.

Man kann die plötzliche Schließung auf zwei Hauptgründe zurückführen, wobei ich dazu sagen will, dass beide keine „Gründe“ sein können; so wie auch weitere Gründe für die willkürliche, despotische Schließung der Bilgi Universität schwer vorstellbar sind:

Erstens wäre die generelle Wissenschaftsfeindlichkeit zu nennen, welche die herrschende Partei (AKP) und ihren Führer, Recep Tayyip Erdoğan, wie alle populistischen Parteien und Regime auszeichnet. Erdoğan gibt nicht nur den Ton in „seiner“ Partei an, er ist gleichzeitig Staatspräsident, was dem Regime im Türkischen die Klassifizierung Tek adam rejimi eingebracht hat: Ein-Mann-Regime. Man kann diese Person durchaus mit Putin vergleichen, denn er weist eine sehr lange Kontinuität auf und war seit seinem ersten Amtsantritt als Regierungschef (Premierminister) lenkend, zumindest aber „siegreich“ — etwa im Vergleich zu anderen Personen und Verbündeten wie Abdullah Gül und Ahmet Davutoğlu, die er quasi ruhiggestellt hat, oder gar der Gülen-Bewegung, die von engsten Verbündeten zur Terror-Organisation abgestuft wurde und für den nie aufgeklärten, missglückten Putsch-Versuch 2016 verantwortlich gemacht wird.

Wie Putin, der ebenfalls massive Erfahrungen im Feld Terrorismus gesammelt hat (dazu genauer in den Beiträgen Wladimir Kara-Mursa über Putins Populismus (Juli 2022) und Autokratisches Lernen: Parallelen des russischen und türkischen Neopopulismus (Dezember 2022)), hat Erdoğan mehrmals den Posten gewechselt, sich aber schließlich über einen Akt des plebiszitären Cäsarismus – die Abschaffung des Parlamentarismus und die Einführung des Präsidialsystems nach einem populistischen Referendum – seine Machtposition gestärkt. Seit 2002 ist er an der Macht, also seit fast 24 Jahren (Putin seit 1999). Grundsätzlich beruht die Macht des AKP-Regimes und ihres Alphas Erdoğans auf identitärem Populismus – und wie jedem Populismus „that made it“ ist dem AKP-Regime Wissenschaftsfeindlichkeit inhärent. Das ist seit langem klar, und es betrifft (oder betraf) zuerst nicht in erster Linie die Hochschulen, sondern wurde am Schulsystem am stärksten umgesetzt.

Dazu muss man zur Person Erdoğans und seiner Entourage ausholen. Erdoğan gilt sich selbst und seinen Anhänger:innen als „religiös“, wobei natürlich fraglich ist, wie sich die Bilanz seines Handelns – und vor allem die schiere Gewalttätigkeit – gegen Kurden, Oppositionelle, Minderheiten, LGBTQs/Kuirs/Lubunyas, Nachbarländer, Frauen, Andere mit „Religion“ vereinbaren lässt. Jedenfalls hat er mit religiösen Argumenten durchgesetzt, dass im ganzen Land in massenhafter Zahl sogenannte İmam Hatip Schulen gebaut werden, ursprünglich zur Ausbilung von Imamen vorgesehen, wo eine von ihm anvisierte, „fromme Generation“ herangezogen werden sollte – und zwar völlig erfolglos. Um dennoch seinem Ziel näher zu kommen (vermutlich langfristig ebenso erfolglos) wurde 2017 beschlossen, dass die Evolutionstheorie nicht mehr unterrichtet werden darf, denn diese sei „zu kompliziert und kontrovers“ für die Schüler:innen, die stattdessen die islamische Lesart von Kreationismus lernen (bzw. was dafür gehalten wird).

Was das theoretisch alles nach sich zieht, nämlich im Prinzip eine Absage an die komplette und unverzichtbare Wissenschaftsdisziplin der (Evolutions-)Biologie, ist mir vor kurzem erst wieder bewusst geworden, als ich mich intensiv mit Lynn Margulis‘ Buch Der symbiotische Planet beschäftigt habe. Ich habe das Buch nicht nur rigoros durchgearbeitet und rezensiert, sondern auch mit und gegen unausweichliche Fragen des Anthropozäns und vor allem gegen die anthropozentrisch definierte und gelesene Menschenrechtsfrage und ihre Aporien diskutiert; genau da stehen wir nämlich heute, angesichts der ungeheuerlichen, aber ungeahndeten Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Palästina und andernorts. Um es abzukürzen: Wer schon bei der Evolutionstheorie aussteigt, ist für die Zukunft und jeden politischen Prozess nicht nur verloren, sondern ein Hindernis. Biologie ist vielleicht sogar die wichtigste aller Wissenschaftsdisziplinen – und für einen tumben Kreationismus ist eine längst konsenserprobte Theorie wie Margulis‘ Serielle Endosymbiontentheorie (SET) natürlich ein rotes Tuch2Interessanterweise gilt in der Islamischen Republik Iran kein solches Verbot der Evolutionslehre, was man eigentlich erwarten müsste.. Das heißt natürlich nicht, dass nicht auch alle anderen Disziplinen neben einer gegängelten, kontrollierten Theologie „gefährlich“ für ein religiös verbrämtes Tek adam rejimi sind. Die Bilgi ist besonders bekannt für ihre mutigen Konferenzen im Bereich der Geistes- und Sozialwissenschaften, wie bereits genannt.

Zweitens muss diese Schließung im Zusammenhang mit einer zweiten Pfadabhängigkeit gesehen werden: der Holdingisierung der türkischen Wirtschaft. In dieser Lage befinden sich prinzipiell alle türkischen Hochschulen, sofern es sich nicht um staatliche Universitäten handelt, die freilich angesichts der gegenwärtigen Verfasstheit der politischen Kultur der Türkei in einer noch problematischeren Position sind. Bei der Bilgi Universität handelt es sich um eine der zahlreichen, relativ jungen Privatuniversitäten, die in der Türkei meistens Stiftungsuniversität (Vakıf Üniversitesi) genannt werden. Die Bilgi Universität wurde 2019 von der Can Holding übernommen, und diese wiederum wurde unter Zwangsverwaltung des Staates gesetzt, es ist von Korruptionsvorwürfen die Rede. Das gibt der Regierung erst einmal die Befugnis, die Universität zu schließen, denn sie ist ja „Eignerin“, zumindest nach eigener Auffassung.

Die Meinungen über dieses Hochschulmodell gingen immer weit auseinander. Ich habe es immer kritisch gesehen, Bildung und Hochschulbildung zu kommodifizieren, und halte es nicht für nachahmenswert. Das Modell fand aber immer auch viele Fürsprecher, die es in einem progressiv-neoliberalen Duktus für eine Erfolgsgeschichte und besonders effektiv hielten — ganz ähnlich, wie die Erfolgsgeschichte der „Neuen Türkei“ mit den ersten AKP-Kabinetten eingeordnet wurde. Tatsache ist, dass in der Türkei in den letzten drei Jahrzehnten die Universitäten wie die Pilze aus dem Boden schossen, und dass es darunter wichtige Kaderschmieden wie Sabancı oder Koç gibt, jeweils den gleichnamigen Holdings angegliedert. Tatsache ist aber auch, dass selbst an diesen prestigeträchtigen Universitäten weiterhin die Erwartungshaltung vorherrschte, der PhD müsse von einer US-amerikanischen oder europäischen Hochschule kommen — in der Praxis das Eintrittsticket für Aspirant:innen auf akademische Positionen. Es zeigt auch, dass man in der Türkei den Qualitätsstandards dieser Hochschulen im Grunde nie ganz traute. Und, wie man am Beispiel der Bilgi Universität sieht: Was zur Holdingmasse gehört, gehört theoretisch auch zu ihrer Konkursmasse.

Es gibt noch eine Sache, die mich nicht los lässt und die ich ehrlich gesagt wirklich nicht verstehe: Ich sehe immer wieder, wie deutsche, bosnische, amerikanische und andere Akademiker:innen völlig ohne Not und gänzlich unkritisch Nachrichten und Videos türkischer Medien (darunter TRT World) teilen, sobald diese Medien ein Thema appropriieren, das dem eigenen Interessenradius entspricht. In der Türkei bzw. unter Dissident:innen gelten diese Medien als havuz medyası, Pool-Medien, was mit embedded nicht ganz getroffen ist und wofür gleichgeschaltet vielleicht eine Nuance zu hart wäre. Die Holdingisierung der türkischen Wirtschaft bringt mit sich, dass die Branchen Wissenschaft, Medien und Bau über Konzernkonglomerate — Holdings — aufs Engste verbunden sind. Die meisten Holdings stehen unter staatlicher Kontrolle, und dasselbe gilt auch und besonders für staatliche Medien, wozu alle TRT-Ableger gehören. Wer also deren Inhalte teilt, unterstützt das herrschende Regime und verschafft ihm ein normalisiertes Ansehen. Diese Medien sind nicht exklusiv und investigativ; ich habe mich wirklich jahrelang damit beschäftigt und viele Stunden damit verbracht, Inhalte zu analysieren. Es gibt immer bessere Alternativen, auch zu Themen wie Gaza. Jedes populistische Regime kann nichts dringender gebrauchen, als ein gewogenes Ansehen. Ich denke nicht, dass man diesem Regime diesen Gefallen tun sollte. Vor allem ist es nämlich für grobe Menschenrechtsverletzungen verantwortlich. Es sitzen Tausende Menschen wegen freier Meinungsäußerung oder Wahrnehmung ihrer aktiven und passiven politischen Rechte im Gefängnis oder mussten das Land verlassen. Von den vielen Journalisten, die weggesperrt wurden, wird man in den Pool-Medien vergeblich lesen, womit eigentlich alles gesagt sein sollte.

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