Oft heißt es, extreme Wetterlagen habe es auch früher schon gegeben. Und das ist auch richtig: Zu Menschengedenken gab es bereits große und kleine Eiszeiten, Warmperioden, Verdunklungen der Atmosphäre nach großen Vulkanausbrüchen, die Fläche besiedelter Landstriche dehnte sich aus oder zog sich wieder zurück. Sogar der Hexenwahn der Frühen Neuzeit stand in enger Wechselwirkung mit schlechtem Wetter, und das über Jahrhunderte hinweg. Oft forderte die Bevölkerung von den Obrigkeiten der Frühen Neuzeit sogar, Hexen zu verbrennen, weil man glaubte, die Ernten würden besser, die Hagelstürme und Fröste bis in den Sommer hinein ein Ende nehmen.
Mit „Das gab es alles früher schon einmal“ als Reaktion auf Wetterkapriolen der Gegenwart ist heute meistens gemeint, dass das Wetter in den Kindheiten der 1950er-1980er Jahre ein anderes war als heute. Auch damals habe es demnach heiße Sommer oder besonders kalte, schneereiche Winter gegeben. Die Wetteraufzeichnungen geben genauen Aufschluss über das Temperaturverhalten, oft erweist sich „früher“ als ein gefühlter Zustand. Immerhin: Hinsichtlich der kälteren Winter in Mitteleuropa vor 1990 liegen diese Aussagen durchaus richtig. Die Umweltbewegungen hatten das Klima schon im gesamten 20. Jahrhundert auf dem Schirm, doch ein vergleichbar großer Aufreger in der Politik waren Wetter und Klima außerhalb fachlich informierter Kreise oder der Grünen Partei nicht.

Was heute weniger bekannt ist: Wenn man noch weiter zurückgeht in der europäischen Geschichte, dann stößt man auf viel folgenreichere Klimaveränderungen – wie etwa die Kleine Eiszeit, die Behringer in seinem Buch ausführlich behandelt. Diese lange Phase relativer Kälte in Europa dauerte von der Frühen Neuzeit bis Ende des 19. Jahrhunderts und hat sich erheblich auf das Denken und die Politik ausgewirkt. So steht zum Beispiel der Hexenwahn – fälschlicherweise oft dem Mittelalter zugeschrieben – in engem Zusammenhang mit dem schlechten Wetter, dem Ausbruch von Seuchen, den vielen Missernten in der Frühen Neuzeit.
Aufbau des Buches
Das Buch setzt aber viel früher an und ist in fünf Kapitel gegliedert:
- Was wir über das Klima wissen (S. 17-45): Im ersten Kapitel bietet der Autor eine Übersicht über klimabestimmende geologische Faktoren, Erdzeitalter, die „Archive der Erde“ (z.B. in fossilem Eis) und die Möglichkeiten und Grenzen des Wissens über Klimaveränderungen vor den menschlichen Wetteraufzeichnungen.
- Globale Erwärmung: Das Holozän (S. 47-115): Das zweite Kapitel behandelt das Holozän, das andauernde Großkapitel des Homo sapiens sapiens, der Afrika (wie schon die Frühmenschen vor ihm) aufgrund eines Klimawandels verließ, so Behringer (S. 51 ff.). Hier behandelt der Autor das Auf und Ab von Eiszeit und Warmzeiten, die bestimmend waren für die ersten großen Zivilisationen, zum Beispiel die Austrocknung der Sahara und der Aufstieg Ägyptens im „postglazialen Optimum“ (S. 72 ff.).
- Globale Abkühlung: Die Kleine Eiszeit (S. 117-162): In der sogenannten Kleinen Eiszeit kam es nach dem postglazialen Optimum vom 13.-19. Jahrhundert zu einer fast 600-jährigen Phase der Abkühlung, über die wir bereits viel mehr menschlich dokumentiertes Wissen verfügen. So sind in Europa viele „Wüstungen“ (verlassene Dörfer) auf die Klimaveränderungen zurückzuführen (S. 140 ff.), aber auch gehäufte Selbstmorde und Depressionen werden beschrieben und mit dem Wetter in Zusammenhang gebracht (S. 158 ff.).
- Kulturelle Konsequenzen der Kleinen Eiszeit (S. 163-221): In diesem Kapitel werden die in der Geschichtsschreibung oft eher indirekt auf das Wetter zurückgeführten Veränderungen in der Frühen Neuzeit genauer beschrieben, darunter die Entstehung einer „Sündenökonomie als Motor der Veränderung“ (S. 180 ff.). Soziale Außenseiter:innen wie Witwen, vermeintliche Zauberer und andere Unangepasste wurden zu zig-Tausenden auf Scheiterhaufen als Hexen verbrannt. Die Kleine Eiszeit schlug sich aber auch auf Malerei, Musik und Kultur nieder (187 ff.). In der zweiten Hälfte der Frühen Neuzeit erreichten Wissenschaft und Aufklärung neue Höhen, womit aber auch erbitterte Auseinandersetzungen und politische Unruhen einhergingen (S. 16 ff.).
- Globale Erwärmung: Die Moderne Warmzeit (S. 223-271): Das letzte Kapitel schließlich steht in engstem Zusammenhang mit der Industrialisierung, welche zusammen mit der Agrikulturellen Revolution die einschneidendsten anthropogenen ( = menschengemachten) Veränderungen für das Antlitz der Erde mit sich brachte: Sümpfe wurden großflächig trockengelegt, Flüsse begradigt, Böden gedüngt und ertragreicher gemacht – und in der Industrie kam es zum Einsatz neuester Technologie. Dampfmaschinen wurden nun befeuert von fossilen Energieträgern wie Kohle und schließlich Öl und Gas, gefolgt von immer neuen Erfindungen.
Besonders das letzte Kapitel ist aus heutiger Sicht relevant, weil der Temperaturanstieg und die atmosphärischen Veränderungen unserer Zeit (durch den erhöhten CO2-Gehalt) aus der Industrialisierung hervorgehen. Die 1950er Jahre, die vor allem in Westdeutschland als Zeit des Wirtschaftswunders erinnert werden, stellen eine Wegmarke für sich dar, in deren Folge es in jeder Hinsicht „aufwärts“ ging. Das lässt sich natürlich einerseits in im Wiederaufbau der beschädigten Industrieanlagen und der Neuindustrialisierung beobachten, es wird aber aber auch im Kleinen deutlich, nämlich in den Privathaushalten und in der Zunahme des Konsums energieintensiver Güter:
Erst jetzt begannen energiefressende Konsumgüter die Privathaushalte zu bevölkern: Elektroherd und Waschmaschine, Kühlschrank und Toaster, Kühltruhe und Mikrowelle, Spülmaschine und Staubsauger, elektrisches Bügeleisen und elektrische Zahnbürste, Fön und Trockenhaube, Radio und Fernseher, Plattenspieler, Kassetten- und Videorekorder, Computer, Drucker, Scanner – jede Wohnung wurde seither zum Maschinenpark. Und die maschinelle Aufrüstung ging in Keller, Garage und Hobbyraum weiter: Bohrmaschine, Schraubendreher, Stichsäge, Rasenmäher, Heckenschneider etc. In jedem Zimmer ein Ofen und eine Vielzahl von Lampen – all das war noch zu Beginn des vorigen Jahrhunderts und für die meisten vor den 1950er Jahren – selbst wenn die Technik schon existierte – unbekannt. Bis zur ersten Ölpreiskrise von 1973/1974 spielte die Sparsamkeit des Verbrauchs bei Maschinen oder Geräten keine Rolle.
Behringer (2020): Kulturgeschichte, S. 237.
Die Entdeckung der globalen Erwärmung fußt auf Erkenntnissen, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreichen. Empirisch ist sie über regelmäßige und ununterbrochene Messungen aber seit Ende der 1950er Jahre nachgewiesen:
Im Jahr 1957 legte Charles Keeling anlässlich des Internationalen Geophysikalischen Jahres , das den Geo- und Klimawissenschaften zu einem nachhaltigen Entwicklungssprung verhalf, eine langjährige Messreihe vor, die ihm Berühmtheit eintragen sollte. Keeling wollte mit seinen Messungen die jahreszeitlichen Schwankungen der CO2-Konzentration in der Atmosphäre nachweisen und damit gewissermaßen das Ein- und Ausatmen der Biosphäre im Jahreszeitenrhythmus veranschaulichen. Als Messbasis wählte er mit dem Mauna Loa auf Hawaii einen Ort, der, abgelegen von großen Städten und weitab der Kontinente, ein Bild versprach, das nicht durch Umweltverschmutzung gestört war. Eher unerwartet wurde der Jahresrhythmus von einer zweiten Entwicklung überlagert: einem kontinuierlichen Aufwärtstrend in der Konzentration von CO2 in der Atmosphäre. Die sogenannte Keeling-Kurve gehört heute zu den Ikonen der Klimaforschung, weist sie doch exemplarisch die Anreicherung des Treibhausgases in der Atmosphäre nach.
Behringer (2020): Kulturgeschichte, S. 245.

Drei zentrale Take-aways
Behringers Buch, das zuerst 2011 erschienen ist, gibt uns drei wichtige Take-aways mit auf den Weg:
- Kenntnis und Verständnis von Klimageschichte ist schon immer zentral für die Entwicklung der menschlichen Geschichte und sollte daher immer Eingang finden in die Geschichtsschreibung;
- „Das gab es früher schon“: Ja, auch früher gab es schon Wetterkapriolen – und genau wie heute gab es auch früher schon irrationale Reaktionen, wie das Beispiel der Hexenverfolgungen zeigt und genauer in den anderen Schriften Behringers (und anderer Autor:innen) nachgelesen werden kann;
- Bei der Auseinandersetzung mit Klimadaten und Klimageschichte kommt es auf Fakten an, die vorhanden und überprüfbar sind. Trotzdem bedeutet es nicht, dass sich gesellschaftliche Reaktionen und am wenigste populistische Politik auch an den Fakten orientieren.
»I love that smell of the emissions!«
Sarah Palin, US-Republikanerin, 2011
Neopopulisten wie Donald Trump stellen den letzten Befund immer wieder unter Beweis: Fakten mögen noch so hieb- und stichfest sein, das muss aber noch lange nicht bedeuten, dass sie auch vermittelbar sind. Viel leichter ist es für Neopopulisten stattdessen, auf „gefühlte Fakten“ einzugehen. Aus diesem Grund müssen wir uns mit dem Phänomen der undemokratischen Emotionen auseinandersetzen, denn die sind im Gegensatz zu unangenehmen Fakten oft eher in der Lage, Berge zu versetzen. Darum soll es im nächsten Buchtipp gehen.
Eine kürzere Version des Beitrags als Slide-Show:
Referenzen und weiterführende Literatur (Auswahl)
- Behringer, Wolfgang. 2000. Hexen und Hexenprozesse in Deutschland. 4., überarb. und aktualisierte Aufl. München: dtv.
- Behringer, Wolfgang. 2020. Kulturgeschichte des Klimas: von der Eiszeit bis zur globalen Erwärmung. Ungek. Ausg. 2011, 9. Aufl. München: dtv.
- Beier-de Haan, Rosmarie, Rita Voltmer, Franz Irsigler, Deutsches Historisches Museum, und Musée d’histoire de la ville de Luxembourg, hrsg. 2002. Hexenwahn: Ängste der Neuzeit ; Begleitband zur gleichnamigen Ausstellung des Deutschen Historischen Museums. Berlin: Deutsches Historisches Museum.
- Dierikx, Marc L. J. 2001. „Review of Energie und Stadt in Europa: Von der vorindustriellen ‚Holznot‘ bis zur Ölkrise der 1970er Jahre“. Technology and Culture 42(1): 146–47.
- Glaser, Rüdiger. 2025a. „Höhenrauch, Sommerhitze, Rekordwinter und Hochwasserkatastrophe 1783 und 1784“. In Klimadämmerung: Klimawandel und Gesellschaft in Mitteleuropa seit 1800 – Entwicklungen, Folgen und Perspektiven, hrsg. Rüdiger Glaser. Berlin, Heidelberg: Springer, 25–47. doi:10.1007/978-3-662-71402-7_2.
- Radkau, Joachim. 2008a. Nature and power : a global history of the environment Nature and Power : A Global History of the Environment / Joachim Radkau. 1. Engl. ed. Cambridge [u.a: Cambridge Univ. Press. http://www.loc.gov/catdir/toc/ecip0715/2007015238.html.
- Radkau, Joachim. 2011. Die Ära der Ökologie: Eine Weltgeschichte. Verlag C.H.BECK oHG. doi:10.17104/9783406619021.
- Stanslowski, Volker. 1979. Natur und Staat. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. doi:10.1007/978-3-322-95480-0.
- Thom, Paulina. 2022. „Klimawandel: Grafik über die Temperaturen der letzten 11.000 Jahre führt in die Irre“. correctiv.org. https://correctiv.org/faktencheck/2022/07/21/klimawandel-grafik-ueber-die-temperaturen-der-letzten-11-000-jahre-fuehrt-in-die-irre/ (16. Februar 2026).
- Voltmer, Rita, und Franz Irsigler. 2002. „Die europäischen Hexenverfolgungen der Frühen Neuzeit – Vorurteile, Faktoren und Bilanzen“. In Hexenwahn: Ängste der Neuzeit ; Begleitband zur gleichnamigen Ausstellung des Deutschen Historischen Museums, hrsg. Rosmarie Beier- de Haan, Rita Voltmer, Franz Irsigler, Deutsches Historisches Museum, und Musée d’histoire de la ville de Luxembourg. Berlin: Deutsches Historisches Museum, 30–45.
- Zeilinga De Boer, Jelle, und Donald Theodore Sanders. 2002. Volcanoes in Human History: The Far-Reaching Effects of Major Eruptions. Princeton University Press. doi:10.1515/9781400842858.