Kategorien
Kommentar Neopolis

Warum Faschismus trendet

Didier Eribon, Eva von Redecker, Edouard Louis und Amina Aziz sind am 23. Juli im Haus der Kulturen der Welt Berlin zusammengekommen. Unter dem Motto »Queer und Klasse« haben sie darüber gesprochen, wie die eigene Perspektive der Ausgrenzungserfahrung den Blick auf neoliberale Verdrängung und Demokratiebeschädigung schärft.

Was war das gestern für ein kluges, inspirierendes und hochaktuelles Event in Berlin: Zwei Tage vor dem Pride in Berlin haben die Rosa-Luxemburg-Stiftung, der Christopher Street Day Berlin und der Verein Helle Panke e.V. – Rosa-Luxemburg-Stiftung Berlin im Haus der Kulturen der Welt zur Diskussion über die Erfolge der Rechten und Rechtspopulisten aufgerufen. Der Titel lautete »Queer und Klasse«. Die Gesprächspartner waren – wenn ich das ohne jede despektierliche Absicht so sagen darf – intellektuelle Superstars: Didier Eribon, Édouard Louis und Eva von Redecker. Hervorragend moderiert wurde die Veranstaltung von Amina Aziz, die kurzfristig für die erkrankte Miriam Davoudvandi eingesprungen war. Die Besetzung eines Panels zu diesem Zusammenhang hatte quasi wie selbstverständlich nach französisch-deutscher Kooperation verlangt. Gesprochen wurde Französisch und Deutsch, bei simultaner Übersetzung.

V.l.n.r.: Didier Eribon, Eva von Redecker, Amina Aziz, Édouard Louis. Foto: Thomas Schad.

Didier Eribon

Denn wer hat eindrücklicher als Didier Eribon beschrieben, was es in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bedeutete, als schwuler Jugendlicher in einer französischen Provinzstadt aufzuwachsen und permanenten Beleidigungen ausgesetzt zu sein, während das Elternhaus der Arbeiterklasse noch ganz selbstverständlich links wählte? Wie Eribon in seinem in Deutschland bekanntesten Buch »Rückkehr nach Reims« auf der Grundlage seiner autobiographischen Erfahrung und dem Geleit seiner Familie analysiert hat, haben sich nicht nur in Nordfrankreich die Koordinaten ganz grundlegend verschoben: Das Rassemblement National (der frühere Front National) ist in ganz Frankreich längst zur wichtigsten, rechtspopulistischen Kraft aufgestiegen. Arbeiter, die früher Kommunisten wählten, geben heute Marine Le Pen ihre Stimme, womit sie auch gegen ihre eigenen Interessen votieren. Ganz ähnliche Dynamiken lassen sich überall in Europa beobachten. Man denke nur an die deklassierten Wähler in Deutschland und die wachsende Zustimmung für die AfD, woran auch während der Veranstaltung wiederholt erinnert wurde.

Eribon kommt gar nicht darauf klar, dass die deutsche Presse Emmanuel Macron ständig so schmeichelt: Es sei schließlich Macrons Politik der Austerität, die Marine Le Pen den Weg zur Präsidentschaft ebne. Es war Macron, der veranlasste, dass die Gelbwesten-Aufstände brutal niedergeschlagen wurden. Wer systematisch ganze Landstriche und Menschengruppen abhänge, ausschließe und damit bei diesen Menschen tiefe Kränkungen, Ressentiments und Verletzungen verursache, sei auch dafür verantwortlich, wenn sich diese Menschen rechten, faschistischen Versprechungen von »Sicherheit« zuwenden, so fehlgeleitet das Ganze auch sei. Andererseits lasse sich nämlich auch beobachten, so Eribon, dass sich das Wahlverhalten quasi augenblicklich ändere, sobald man aufhöre, an der Bildung, am Gesundheitswesen, am öffentlichen Nahverkehr und anderen zentralen Lebensadern der praktischen Teilhabe zu sparen.

Wie brutal sich Verdrängungen und Marginalisierungen im Einzelfall auswirken, zeigt auch sein letztes Buch. Während »Rückkehr nach Reims« entstand, kurz nachdem sein Vater gestorben war, habe Eribon »Eine Arbeiterin: Leben, Alter und Sterben« nach dem Ableben seiner Mutter geschrieben (auf Deutsch 2025 erschienen). Diese starb nur wenige Wochen, nachdem sie in ein Heim umziehen musste, wo sie nach einem insgesamt unglücklichen Leben im Unglück verschied. Eva von Redeckers Grundsatz des Bleiberechts für Alle ergänzt sich gut mit Eribons Arbeit: Damit ist hinsichtlich der allgegenwärtigen Verdrängungsmechanismen gemeint, dass alte Menschen ein Recht haben müssen, dort zu bleiben, wo sie leben.

Édouard Louis

Der Lebensweg von Édouard Louis ist eng mit Didier Eribon verbunden, der auch sein Lehrer in Paris war. Was die beiden trennt, ist der Alters- und Generationenunterschied, denn Édouard Louis wurde 1992 geboren. Wie bei Eribon ist Louis‘ Schreibhaltung die des persönlichen Essays, die in seinem Debutroman »Das Ende von Eddy« ins nordfranzösische Hallencourt führt, wo er als Eddy Bellegueule in schwierige soziale Verhältnisse geboren wurde. Auch Louis hat sich in seinen bisherigen Werken kritisch mit der eigenen Herkunft und seinen Familienmitgliedern beschäftigt. Während in »Das Ende von Eddy« der Autor selbst im Zentrum steht, ist es in »Der Absturz« sein Bruder, der mit nur 38 Jahren an Alkoholismus stirbt. Louis ordnet diesen kurzen Lebensweg auch als Folge von Klassismus, Ausgrenzung und empfundener Machtlosigkeit ein. Zuvor hatte er sich in »Wer hat meinen Vater umgebracht« mit dem körperlichen Verfall und Sterben des eigenen Vaters auseinandergesetzt. Weil er die tragischen Lebensläufe von Bruder und Vater auch in eine Dynamik politischer Schuld einordnet, an der französische Politiker wie Chriac, Sarkozy, Hollande und Macron ihren Anteil gehabt hätten, habe man ihm in Frankreich vorgeworfen, sich gewissermaßen unlauterer Mittel und Erpressung (chantage) zu bedienen – denn wer wolle einem so persönlich formulierten Schuldvorwurf schon mit kalter Kritik begegnen? Genau das sei aber seine Absicht gewesen, so Louis: zu zeigen, dass sich neoliberale Ausgrenzungspolitik zutiefst persönlich, ja tödlich auswirke.

Einen weiteren interessanten und wichtigen Punkt brachte Louis in die Diskussion ein, die schließlich vom Begriff »Queer« gerahmt wurde. Queer sei für Louis nicht der Begriff seiner Wahl, obwohl er sich deswegen nicht den Anliegen entgegenstelle, die in der Queer-Bewegung vertreten werden. Für ihn sei Homosexualität weiterhin die wichtigste, emanzipatorische Referenz, was er auch auf sein Aufwachsen in einem nicht-bourgeoisen, bildungsfernen und weitgehend unpolitischen Umfeld zurückführt. Das heißt: Politisch war man in seinem Elternhaus schon, nämlich insofern klar war, dass der Front National zu wählen sei. Doch über andere Aspekte von Politik, von sozialen Bewegungen und ihren Eigenheiten sei zu Hause nicht gesprochen worden, was seinen später erworbenen Begriffsapparat geprägt habe. Sein Problem mit dem Begriff Queer sei eher, dass die Frage der Sexualität durch den Ruf nach Bewusstwerdung für alle Formen der Ausgrenzung und Diskriminierung drohe, zu einem Nebenschauplatz zu werden. Doch Sexualität, Geschlechterrollen und damit auch die trendende Maskulinität verdienten weiterhin Aufmerksamkeit an und für sich. Auch am Beispiel seines homophoben Bruders habe er beobachten können, wie betonte »Maskulinität als Machtmittel der Armen« (masculinité comme pouvoir des pauvres) besonders dann genutzt würde, wenn keine andere Ressourcen vorhanden wären.

Eva von Redecker

Die Philosophin und Schriftstellerin Eva von Redecker ist eine der produktivsten Stimmen unter den öffentlichen Intellektuellen Deutschlands. Zu großer Bekanntheit ist von Redecker zuletzt durch die Veröffentlichung von »Dieser Drang nach Härte: über den neuen Faschismus« gelangt, wo sie unter anderem den Begriff des »Phantombesitzes« stark macht. Es werde an Besitzansprüche geglaubt, die einer rationalen Grundlage entbehrten, so zum Beispiel im Slogan „Hubraum statt Lebensraum“: Obwohl eine nachhaltige Zukunft de facto unmöglich ist, wenn alle Menschen einfach weiter Verbrennermotoren benutzen (oder erst noch damit anfingen), werde ernsthaft ein solch absurdes Besitzrecht vertreten. Eva von Redecker kommt aus einem völlig anderen sozialen Hintergrund als Didier Eribon und Edouard Louis: In Kiel geboren, wuchs sie auf einem Bauernhof in Schlesweig-Holstein auf. Vor den Merkwürdigkeiten und Verunsicherungen, denen sie erst später in der urbanen Vielstimmigkeit mit ihren facettenreichen Lebensentwürfen begegnet sei, habe sie geglaubt, es gäbe im Prinzip nur eine Handvoll sinnvoller Berufe, zum Beispiel Bauer oder Arzt. Sie sei in einem grundsätzlichen Funktionieren arbeitsteiliger Verhältnisse aufgewachsen, womit das Wort Bodenständigkeit vielleicht am besten harmoniert: Wolle man Kartoffeln anbauen, müsse man eben ganz bestimmte, klare Dinge tun.

Der wiederholten Frage der Moderatorin zur Positionierung zur Identitätspolitik schienen alle drei Gesprächspartner möglichst aus dem Weg zu gehen, wahrscheinlich mit gutem Grund und zum Glück der Veranstaltung. Von Redecker wählte einen allgemeinen, überzeugenden Weg, auf die Frage nach den Fehlern und Verstrickungen der zeitgenössischen Linken zu antworten. Die Linke stehe ihrer Meinung nach wie im Bann einer gedanklichen Megalomanie, wonach die eigenen Misserfolge in allererster Linie ein Werk falscher Denkwege seien: Wenn man folglich nur aufhöre, immer in die falsche Richtung zu denken, könne man das Ruder schon wieder herumreißen. Doch genau das sei eine Illusion. Historische Erfahrungswerte würden dabei außer Acht gelassen: So konnte die Arbeiterschaft im späten 19. Jahrhundert Reformen wie Sozialversicherungen und Arbeitszeitverkürzungen erzwingen, indem sie eine Streikmacht geltend machte, die es heute einfach nicht mehr gibt. Die Bedingungen für linke Erfolge seien einfach denkbar ungünstig und schlecht. Natürlich müsse man sich fragen, ob der Klassenbegriff zu kurz käme, doch dann müsse man sich zwingend auch der Frage stellen, was die Arbeiterklasse heute ausmache – wie auch Eribon und Louis betonten.

»Haltung ist hot« – und Frankreich brennt

Eine wichtige Frage, die hier eher am Rande behandelt wurde, ist der Einfluss des anthropogenen Klimawandels auf den Rechtsruck. „Unter Bedingungen des Anthropozäns“ – dieser Satz fiel ein einziges Mal und wurde von Eva von Redecker geäußert. Didier Eribon kam eher beiläufig darauf zu sprechen, als er nämlich anmerkte, dass der diesjährige Pride in Paris aufgrund der extremen Hitze abgesagt worden sei. Frankreich, wie sich noch alle erinnern, erlebte den heißesten Juni seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. In Paris kletterten die Temperaturen auf 40 Grad Celsius, im Großraum Paris lag die sogenannte Übersterblichkeit bei einem Anteil von 81,2 Prozent. Der diesjährige Pride in Berlin wird morgen, am 25. Juli 2026, bei voraussichtlich gutem Sommerwetter und angenehmen 28 Grad Celsius stattfinden, so die Wetter-App.

Das Motto lautet: „Haltung ist hot“. Man kann diese Parole für eine gelungene Alliteration halten – man kann sich aber auch wünschen, die Kampagnenleitung hätte sich stattdessen lieber für „cool“ entschieden. Wie dem auch sei: Die Veranstalter rufen dazu auf, einer demokratischen Partei die Stimme zu geben und sich gegen weitere Kürzungen zu wehren. Unter der gegenwärtigen Regierung des Merz-Kabinetts, das spüren immer mehr Initiativen wie das Jugendnetzwerk Lambda deutlich, wird die Zivilgesellschaft zermürbt und damit die Basis der Demokratie geschwächt. Es ist dasselbe Kabinett, das sich unter tatkräftiger Unterstützung durch die ehemals sozialdemokratische SPD nach Kräften dafür einsetzt, die Klimaziele aufzuweichen. Die Linke, das werden wir alle noch wiederholt sehen, hat tatsächlich ganz andere Probleme als Identitäts- und Sprachpolitik.

V.l.n.r.: Didier Eribon, Eva von Redecker, Amina Aziz, Édouard Louis. Foto: Thomas Schad.

Weiterführende Literatur

Eribon, Didier: Retour à Reims, Paris 2010.

Eribon, Didier: Rückkehr nach Reims, Berlin 2023.

Eribon, Didier: Gesellschaft als Urteil: Klassen, Identitäten, Wege, , 3. Auflage, Berlin 2025.

Eribon, Didier: Eine Arbeiterin: Leben, Alter und Sterben, , Erste Auflage, Berlin 2025.

Eribon, Didier: Betrachtungen zur Schwulenfrage, , 1. Auflage, Berlin 2027.

Göpel, Maja/Redecker, Eva von/Haas, Maximilian u. a.: Schöpfen und Erschöpfen, , Dritte Auflage, Berlin 2023.

Louis, Édouard: En finir avec Eddy Bellegueule: roman, Paris 2014.

Louis, Édouard: Qui a tué mon père, Paris 2018.

Louis, Édouard: Das Ende von Eddy: Roman, , 8. Auflage, Frankfurt am Main 2022.

Louis, Édouard: Wer hat meinen Vater umgebracht, Frankfurt am Main 2023.

Louis, Édouard: Der Absturz, Ungekürzte Lesung, Berlin 2025.

Redecker, Eva von: Bleibefreiheit, 3. Aufl., Frankfurt am Main 2023.

Redecker, Eva von: Dieser Drang nach Härte: über den neuen Faschismus, Frankfurt am Main 2026.

5 764 décès en excès en France durant la période de canicule du 17 juin au 2 juillet | Santé publique France. https://www.santepubliquefrance.fr/presse/5-764-deces-en-exces-en-france-durant-la-periode-de-canicule-du-17-juin-au-2-juillet, Datum des Zugriffs: 24.07.2026.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.