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Neomotion

Ressentiment als protofaschistische Triebfeder bei Eva Illouz und Cynthia Fleury

Emotionen und Affekte bilden Triebfedern des neopopulistischen Progresses weltweit. Wie in der Logik des Geschichtsrevisionismus, wo Gefühle über Fakten herrschen, regiert der Populismus über ein niedertriebiges Affektregister. Ressentiment nimmt dabei eine prominente Stellung ein. Sowohl Eva Illouz als auch Cynthia Fleury tragen in ihren Arbeiten wichtige Erkenntnisse bei zum Verständnis darüber, warum gerade von Ungleichheit gebeutelte Demokratien so anfällig für kollektive Ressentiments sind.

Man könnte unzählige Beispiele aufzählen von „undemokratischen Emotionen“, wie sie Eva Illouz im gleichnamigen Buch nennt — darunter sorgsam kultivierte Liebe zur Nation, Verunsicherung, Zorn, Abscheu und Ekel und viele weitere. Ein atemberaubendes Spektakel für die Verheerungen durch undemokratische Emotionen liefert die Entwicklung in den USA, wo Gefühle und Affekte anscheinend das Prinzipat von Vernunft und Faktizität auf die Ränge selektiver Instrumente verwiesen haben. Man hat inzwischen vielleicht aufgehört, sich tagtäglich zu fragen, wie das „Charisma“ eines Donald Trump eigentlich wirken kann und was die letztlich ausschlaggebende Masse amerikanischer Wählerinnen und Wähler dazu bringen konnte, es so weit kommen zu lassen.

Für deutsche Geisteswissenschaftler ist in dieser Frage die nötige Demut geboten, aber auch ein besonders wacher und geschärfter Blick gefragt. Es ist unerlässlich, sich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen und bestenfalls aus dem abhorrenten Erfahrungsschatz des Nationalsozialismus zur Bekämpfung des Neo-Faschismus oder Proto-Faschismus heute beizutragen, zumal die USA im liberal-demokratischen Lager vielleicht zur Avantgard gehören mögen, aber hierzulande fortgeschrittene, ähnliche Dynamiken zu beobachten sind. Freilich — und das kann niemanden beruhigen — sind auch das restliche Europa und der Rest der Welt in je unterschiedlichen Ausprägungen betroffen. Zwei Perspektiven auf Gefühle in der Politik und die Herausbildung öffentlicher Meinungen über Ressentiment sollen hier aufgezeigt werden, nämlich die der Soziologin Eva Illouz und der Philosophin und Psychoanalytikerin Cynthia Fleury.

Eva Illouz: Undemokratische Gefühle

Eva Illouz, die von Israel ausgeht, wo sie die Herausbildung des Proto-Faschismus analysiert, schreibt zur Rolle von Gefühlen in der politischen Orientierungsfindung:

Dass Gefühle unsere politischen Orientierungen anleiten, gilt für das gesamte politische Spektrum, doch bei manchen führenden Politikern, manchen Ideologien und unter manchen historischen Umständen trifft diese Tatsache in besonderem Maße zu — wie im Fall des gegenwärtigen Populismus. So mag das Übergewicht emotionaler Orientierungen der Grund dafür sein, warum sich an Trumps Popularität im Lauf der Jahre kaum etwas geändert hat, ganz gleich, in welche Skandale er verwickelt war.

Illouz, E. (2023), S. 18-19.

Man müsste hier freilich noch viel weiter ausholen. Unendlich viel wurde inzwischen darüber sinniert, wie Trump es fertigbringen konnte, die Lüge zu einem ganz normalen, probaten Mittel zur Herstellung politischer Zustimmung und einer Pseudo-Wirklichkeit zu machen — und wofür natürlich die neuen Medien nicht außer Acht zu lassen sind. Doch ich will stattdessen hier kurz auf eine Gemeinsamkeit von Eva Illouz und der französischen Psychologin Cynthia Fleury eingehen, nämlich das Ressentiment. Das Ressentiment ist nicht gerade als Emotion oder Affekt an sich zu verstehen, sondern eher als affektiver Ruck, als Dynamik in eine bestimmte Richtung, hin zu einem Zustand, wo man sich gut fühlen soll. Derselbe Zweck wurde auch für den Geschichtsrevisionismus so beschrieben: Aviezer Tucker schreibt zum Beispiel in seiner Unterscheidung von relevanz- und faktenbasiertem Revision einerseits und verschiedenen Formen von Revisionismus andererseits von der „therapeutischen Funktion“, die Geschichtsschreibung einnimmt, die Fakten und Wissenschaftlichkeit zugunsten identitätsbasierter Emotionen untergrabe.1Tucker, A. (2008) „Historiographic Revision and Revisionism: The evidential difference“, in M. Kopecek (Hrsg.) Past in the Making. 1. Aufl. Budapest: Central European University Press, S. 1–14.

Illouz, Eva (2023): Undemokratische Emotionen: das Beispiel Israel. Deutsche Erstausgabe. Übersetzt von M. Adrian. Berlin: Suhrkamp.

Eva Illouz sieht Zorn, Verunsicherung, Abstiegs- und Verlustängste als entscheidene Emotionen an, die für das Ressentiment charakteristisch sind. Interessanterweise habe Ressentiment viel mit Demokratie zu tun, so Illouz. Das hilft auch, die US-amerikanische Entwicklung zu verstehen, wo es in einem ähnlichen Sinn wie im folgenden Zitat für große Massen der Bevölkerung Gleichheit immer nur als etwas unerreichbares, wenn auch als ideal gepriesenes Grundversprechen der Demokratie gibt (sofern Gleichheit natürlich nicht als „sozialistisch“ oder „kommunistisch“ verteufelt wird). Dafür finden sich Parallelen im Deutschland der Zwischenkriegszeit, im heutigen Israel, sowie überall da, wo Gleichheit schon als Ressourcenfrage als etwas unerreichbares ausgeschlossen werden muss:

Die enge Beziehung zwischen Ressentiment und Demokratie wurde im 19. Jahrhundert, dem Jahrhundert demokratischer Forderungen, deutlich. Deutsche Denker gingen sogar dazu über, das französische Wort ressentiment zu verwenden, um diese Filiation zu kennzeichnen. Ressentiment ist kein demokratisches Gefühl per se, es wird aber, wie Nietzsche geltend machte, typischerweise von Demokratien hervorgebracht. Denn Ressentiments empfinden am ehesten Mitglieder von Gruppen, die sich unterlegen fühlen, aber an einer Norm der Gleichheit festhalten, während sie aus rechtlichen, physischen oder normativen Gründen keine Gleichheit erlangen und ihr Minderwertigkeitsgefühl weder heilen noch sich dafür rächen können.

Illouz, E. (2023) Undemokratische Emotionen: das Beispiel Israel. Deutsche Erstausgabe. Übersetzt von M. Adrian. Berlin: Suhrkamp, S. 121.

Cynthia Fleury: Hier liegt Bitterkeit begraben

Auch Cynthia Fleury macht Ressentiment zum zentralen Thema ihres Buches „Hier liegt Bitterkeit begraben: Über Ressentiments und ihre Heilung“.2Fleury, C. (2025) Hier liegt Bitterkeit begraben: über Ressentiments und ihre Heilung. Erste Auflage. Übersetzt von A. Hemminger. Berlin: Suhrkamp (suhrkamp taschenbuch wissenschaft, 2461). Interessanterweise beginnt sie das Buch, das im französischen Original den Titel Ci-gît l’amer trägt, mit einer begrifflichen Spielerei, die sich dann auch durch das ganze Buch zieht: L’amer bedeutet das Bittere bzw. Bitterkeit, ist aber homophon (gleichklingend) zu la mer (das Meer, der Ozean) und la mère (die Mutter). Das zeigt schon an, worauf man sich bei der Lektüre dieses psychoanalytisch unterbauten Buches alles gefasst machen sollte: Die Autorin steigt tief in die Archetypik ein, kommt immer wieder auf Freud, Libido, Todestrieb und Triebhaftigkeit insgesamt zurück.

Fleury, Cynthia (2025): Hier liegt Bitterkeit begraben: über Ressentiments und ihre Heilung. Erste Auflage. Übersetzt von A. Hemminger. Berlin: Suhrkamp (suhrkamp taschenbuch wissenschaft, 2461).

Hochinteressant sind ihre etymologisch-sprachlichen Schlenker, die im französischen Original mit großer Wahrscheinlichkeit eine weniger starke Lesebarriere als in der deutschen Übersetzung des anspruchsvollen und voraussetzungsreichen Buchs darstellen. Das Bittere (l’amer), dem Ressentiment zueigen, sei etwa vergleichbar mit dem ständigen „Grollen des Wiederkäuens“ (S. 16 ff.), wird mittels „Melancholie im Überfluss“ (S. 34 ff.) bewirtschaftet, ermangelt der „Fähigkeit, zu vergessen“ (S. 60 ff. — übrigens eine so interessante wie gewagte Parallele zu Omri Boehm, den sie nicht zitiert). Das Ressentiment, in Gestalt des Faschismus mit Wilhelm Reich als „emotionale Pest“ verstanden (S. 147 ff.), muss sublimiert und überwunden werden; Sublimation ist die wahrscheinlich häufigste Vokabel in Fleurys Buch, die sie von Freud bezieht, womit die Abwehr unerwünschter, versklavender Triebe gemeint ist, wozu das Ressentiment zählt. Menschen, die dem Ressentiment verfallen sind, so schreibt sie unter Bezug auf Wilhelm Reich, sind „freiheitsunfähig“.3Reich, Wilhelm (1974): Die Massenpsychologie des Faschismus. Frankfurt a.M.: Fischer Taschenbuch Verlag, S. 188, zit. nach Fleury, a.a.O., S. 154. Deswegen seien Erziehung, Fürsorge, kurzum: Kultur dafür verantwortlich, Ressentiment sowie auch generationenübergreifendes Ressentiment und Traumata aufzulösen, „von Generation zu Generation lautet so die zivilisatorische Aufgabe: sich von der Übertragung des Ressentiments abzukoppeln.“ Traumata und Ressentiment sind nicht identisch, aber oft miteinander verstrickt und nur gemeinsam auflösbar.4Fleury, S. 155. Bleiben die Menschen, zumal in Massen, freiheitsunfähig und ressentimentgetrieben, oder

haben sich bewusst versklavt, einen anderen Mittelmäßigen gewählt, der es aber verstand, ihnen in der Kunst der umgekehrten Stigmatisierung vorauszugehen und ein Ressentiment zu erzeugen, das die Illusion von Aktivität vermittelt (…)

Fleury, C. (2025), S. 157.

dann ist — und das sollte uns erschrecken — der „Mechanismus (..) unabwendbar“:

Das Individuum glaubt, zum »Herrentum« zu gehören, und an ein »geniales Führertum«, wenn es »zur bedeutungslosen, kritiklosen Gefolgschaft herabsank«.5Reich, a.a.O., S. 89-90, zit. nach Fleury, a.a.O., S. 157. Kein Chef kann freie Menschen führen; jeder Beliebige kann versklavte Menschen führen.

Ebda.

Interessant an den knapp gehaltenen Ausführungen zu den Eigenschaften eines faschistischen Führers ist die Eigenschaft der Mittelmäßigkeit oder auch der Beliebigkeit: Ist nicht genau diese erstaunliche Eigenschaft dafür ausschlaggebend, dass man sich wieder und wieder fragt, was das vielbesagte „Charisma“ der Männerischen — wie ich die demagogisch-populistischen Führer à la Erdoğan, Vučić, Trump, etc. auch nenne — eigentlich sein soll? In diesem Sinn wäre der Appeal des Beliebigen, der versklavte Menschen führen kann, für freiheitsfähige Menschen schwer zu verstehen oder wenigstens schwer nachzuvollziehen. Auffallend an den Männerischen ist hingegen oft eine zur Perfektion beherrschte Bauernschläue — versteht man diese als die Fähigkeit, nahezu instinkthaft die emotionalen Triebe aufzunehmen, zu gestalten und zu lenken. Deshalb ist auch Unsicherheit ein Grundelixier für den Erfolg der Männerischen und ihrer Demagogie. Abschließen will ich mit einem langen Zitat von Cynthia Fleury, eigentlich ein Transkript, das ich von einem Ausschnitt einer TV-Runde der Sendung En société unter dem Titel La Grande Bascule, le village de la ségrégation, Maduro, le prisonnier de Trump en replay vom 11. Januar 2026 angefertigt und übersetzt habe:

„Der Faschismus ist zunächst etwas, das sich als Erleichterung anbietet.“

„Man ist nie vor traurigen Leidenschaften gefeit, man ist nie … Man darf, wenn man so will, nicht vergessen (…), dass der Faschismus oder Neofaschismus sehr wohl weiß, dass ein politisches Regime immer nur ein politisches Regime ist, dass es ein Regime der Organisation von Affekten ist, ein Regime der Organisation von Trieben, immer.

Und die Demokratie ist ein System zur Organisation von Affekten in dem Sinne, dass die Demokratie sich als eine besondere Matrix zur Bildung des Subjekts, zur Bildung von Subjektivitäten präsentiert. Man vergisst das leicht, aber das ist [auch] die Wahrheit über die Demokratie, dass es nämlich heißt: Seht mal, Bildung ist bei uns eine ernste Angelegenheit, es ist eine politische Angelegenheit. Und deshalb begleiten wir die Menschen, damit sie sich befähigen — in Anführungszeichen: frei zu werden.

Das ist das politische System. Es ist also ein System der besonderen Affekte, und natürlich hat der Faschismus das sehr gut verstanden, da er alle negativen Affekte aktiviert, wenn ich so sagen darf: Angst, Unsicherheit, usw. Und es beginnt immer damit, was man leicht vergisst, dass er sich anbietet — das vergisst man leicht. Der Faschismus ist zunächst etwas, das sich als Erleichterung anbietet. Er ist in erster Linie eine Ausgleichsstruktur. Das vergisst man leicht, bevor man ihn als Mittel der Gewaltanwendung betrachtet. Er ist zunächst etwas, das uns beruhigt.“

Übersetzt aus: Fleury, C. (2026) 2026, La Grande Bascule, le village de la ségrégation, Maduro, le prisonnier de Trump en replay – En société, France.tv. Verfügbar unter: https://www.france.tv/france-5/en-societe/saison-3/8035128-2026-la-grande-bascule-le-village-de-la-segregation-maduro-le-prisonnier-de-trump.html (Zugegriffen: 14. Januar 2026).

Referenzen

Fleury, Cynthia. (2025) Hier liegt Bitterkeit begraben: über Ressentiments und ihre Heilung. Erste Auflage. Übersetzt von A. Hemminger. Berlin: Suhrkamp (suhrkamp taschenbuch wissenschaft, 2461).

Fleury, Cynthia. (2026) 2026, La Grande Bascule, le village de la ségrégation, Maduro, le prisonnier de Trump en replay – En société, France.tv. Verfügbar unter: https://www.france.tv/france-5/en-societe/saison-3/8035128-2026-la-grande-bascule-le-village-de-la-segregation-maduro-le-prisonnier-de-trump.html (Zugegriffen: 14. Januar 2026).

Illouz, Eva. (2023) Undemokratische Emotionen: das Beispiel Israel. Deutsche Erstausgabe. Übersetzt von M. Adrian. Berlin: Suhrkamp.

Reich, Wilhelm. (1977) Die Massenpsychologie des Faschismus. Ungekürzte Ausg., 26.-32. Tsd. Frankfurt am Main: Fischer-Taschenbuch-Verlag (Fischer Taschenbücher, 6250).

Tucker, Aviezer. (2008) „Historiographic Revision and Revisionism: The evidential difference“, in M. Kopecek (Hrsg.) Past in the Making. 1. Aufl. Budapest: Central European University Press, S. 1–14.

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