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Normale Wissenschaft und das iranische Geleit: Hier ist gar nichts mehr »normal«

Normale Wissenschaft (normal science) ist ein analytischer Begriff, den Thomas S. Kuhn schon Anfang der 1960er Jahre geprägt hat, und zwar in der Prägung des größeren Überbegriffs Paradigma. Paradigmen (Paradigmata) beschreiben eine grundsätzliche Übereinkunft dessen, was sag- und denkbar ist, nachdem es sich in einem erprobten Rahmen bewährt hatte: Nicht umsonst sprechen wir von (Wissenschafts-)Disziplinen. Paradigmen sind aber nicht mit einem Zensurmodell zu verwechseln, wie „Denk- und Sagbarkeit“ suggerieren könnte, sondern eher heuristisch-kognitive Modelle, die innerhalb von Disziplinen die Erfassung außersprachlicher Wirklichkeit durch wissenschaftliche Sprache ermöglichen.

Zu den fortschreitenden Disziplinierungen könnte man ganz grundsätzlich noch viel weiter ausholen, um neben den Errungenschaften der Wissenschaftsgeschichte und ihrer Begriffsapparaturen auch ihre Schlagseiten sichtbar zu machen. Norbert Elias hatte etwa davor gewarnt, aus allem eine kleine Wissenschaftsdisziplin zu machen. Und genau das ist geschehen: Unzählige Disziplinen und inhärente Paradigmen sind über die Jahrzehnte entstanden – mal mit größerer, mal mit fragwürdigerer Berechtigung. So wird in vielen Boxen gedacht, und manchmal auch in nur einer einzigen. Traditionelle Sicherheit ist eine davon, und genau diese versagt gerade am Beispiel der Expertisen zu Iran, wie ich in diesem Beitrag argumentiere.

Denkboxen, wie man Paradigmen also auch etwas despektierlich nennen könnte, sind nicht unbedingt da, um für immer so zu bleiben, wie sie heute beschaffen sind. Nichts ist „in Stein gemeißelt“, keine Normalität von ewiger Dauer. Oder vielleicht bleiben wir lieber bei der Metapher der Prägung: „Notions are coined“ – „Begriffe werden geprägt“, wie man ursprünglich Münzen prägte. Doch während Münzen „eigentlich geprägt“ werden (also dinglich), werden Begriffe „uneigentlich geprägt“ (also abstrakt). Von eigentlich nach uneigentlich (oder abstrakt) finden Übersetzungen und Metaphorisierungen statt, die uns helfen sollen, die soziale Wirklichkeit begrifflich fassbar zu machen. Sie sind bald so normal, dass sie niemand mehr hinterfragt. Wenn sie normal geworden sind, sprechen wir also von normaler Wissenschaft, die sich dieser Begrifflichkeiten bedient, die in und mit ihnen „kohärent“ und logisch argumentiert.

Wir bekommen aber unter Umständen ein Problem mit der Begriffsapparatur, wenn die Verbindung zwischen Abstraktion und eigentlicher Wirklichkeit verloren geht. Einzelne Begriffe und Metaphern sind nicht das Problem: sie können versteinern (petrifzieren), lexikalisieren. Es ist heute relativ egal, ob die Nation „eigentlich“ Geburt bedeutet, auch wenn es kein uninteressantes Detail ist. Aber ein Paradigma ist viel mehr als das: Es ist ein Inaneinandergreifen vieler Übertragungen, und es sollte stimmig zugehen. Je länger man sich mit Iran beschäftigt – und ich würde sagen, dass es dabei nicht genügt, der Kommentatorin oder dem Influencer des Vertrauens zu folgen – desto deutlicher kann sich der Eindruck erhärten, dass sich Wirklichkeit und begriffliche Fassbarkeit innerhalb des normalen Sprach- und Denkaparats abhanden gekommen sind. Mein persönlicher Eindruck, mit dem ich natürlich falsch liegen kann, ist, dass wir auf das zusteuern, was Kuhn als wissenschaftliche Revolution bezeichnet hat.

Die normale Wissenschaftsexpertise sagt hinsichtlich des iranischen Geleits gerade abziehbildhaft oft: „Luftangriffe von außen können keinen Regimewechsel in Iran bewirken“. Interessant ist natürlich, dass dabei die Agency der iranischen Straße ausgeblendet wird, oder auch die Möglichkeit, dass Analogieschlüsse (Irak, Libyen, Syrien, Afghanistan, you name it) untauglich sein könnten. Sie sagt paradigmatisch nie oder nur ganz selten – zumindest nicht außerhalb von Konversationen, die ich gerade z.B. mit einem so fein- wie scharfsinnigen iranischen Freund führe: „Wenn die iranische Bevölkerung jetzt die Gelegenheit ergreift und Trumps Aufforderung pariert, dann könnte (…)“ / oder: „Das Regime ist durch Umweltzerstörungen und Glaubensverlust dermaßen unterhöhlt, dass jetzt im Zusammenspiel als konzertierte Aktion dies und das passieren könnte (…)“ / oder:„Der Sohn des letzten Schahs, sofern er dieses und jenes (nicht) täte, böte eine einmalige Gelegenheit für eine parlamentarische oder konstitutionelle, aber demokratische Monarchie nach Vorbild von X, Y, und Z“. Über all diese Szenarien ließe sich hervorragend streiten. Doch dazu kommt es gar nicht. Oder auch viel schneller, als wir alle gerade denken mögen.

Anders die vielfältigen Stimmen aus der iranischen Diaspora, die außerhalb der normalen Wissenschaft stehen – weil sie auch gar nicht anders können. Sie rufen zu mehr Komplexität im Denken auf, was sich voraussichtlich aber erst in den „Expertisen“ niederschlagen wird, wenn sich die normale Wissenschaft anpassen muss, um nicht weggefegt zu werden. Lohnend dazu wäre auch ein Blick auf Revisionen und Selbstkorrekturen in der Osteuropaforschung ab Ende Februar 2022: Was vorher als normal galt – etwa die oft implizite Annahme, die Ukraine ist eigentlich irgendwie immer schon Russland – wurde einer Revision unterzogen. Von Thomas S. Kuhn kann man gut lernen, was mit normaler Wisenschaft in der Krise passieren kann: Zuerst halten Trägheitsmomente der normalen Wissenschaft mit einer gewissen Resilienz am traditionellen Weltbild fest. Erst, wenn das aus offensichtlichen Gründen nicht mehr geht, kommt es zu evidenz- oder relevanzbasierter Revision, wie es Aviezer Tucker genannt hat. Auch an diesen Analogien zeigt sich wieder einmal, dass Geschichtsrevisionismus, sinnvolle Revision revisionsbedürftiger Geschichtsbilder und unsere Wahrnehmung der geopolitischen Gegenwart viel miteinander zu tun haben.

Aber was, wenn nichts mehr „normal“ ist?

Wenn sich dingliche und abstrakte Wirklichkeit abhanden gekommen sind, wenn die soziale Umwelt nicht mehr „normal“ ist – und genau das ist in der Konstellation Iranisches Volk/Islamische Republik/USA/Israel/politikwissenschaftliche Expertisen der Fall –, wenn aber gleichzeitig die politikwissenschaftlichen Expertisen weiterhin mit Denkfiguren und Begrifflichkeiten des „normalen Paradigmas“ hantieren, dann öffnen sich theoretisch neue Perspektiven. Außer, die „normalen“ Ich-Ich-Ich-Perspektiven der normalen Wissenschaft, ob auf LinkedIn oder Instagram oder auch traditionellen Meidenformaten, schreien sie mit ihrem Drang nach „Seht her: ich bin gut!“ in Grund und Boden.

Aber selbst dann ist ein Ende „normaler Wissenschaft“ nicht aufzuhalten. Und es sei zur Beruhigung verzweifelter (vor allem, aber nicht nur iranischer) Geister dazu gesagt: Das vorübergehende Ende normaler Wissenschaft ist keine Katastrophe, sondern eine Notwendigkeit. Es ist gewissermaßen auch „normal“, wie Thomas S. Kuhn in seinen zwölf Essays über die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen immer noch überzeugend dargelegt hat. Ich persönlich halte es auch nicht für problematisch, wenn jetzt falsche Expertisen ausgesprochen werden; immerhin trauen sich diese Leute überhaupt zu, ihr Können und Wissen unter Beweis zu stellen. Falsch zu liegen ist keine Schande. Nichts zu sagen, selbst wenn Wissen und Erfahrung vorhanden und hoch gefragt wären – oft mit öffentlichen Mitteln gefördert – ist m.E. etwas problematischer. Aber auch Ratlosigkeit oder Beobachten ist in Ordnung. Riskant finde ich, auf sicheres Wissen, auf genaues Bescheidwissenkönnen zu pochen. Ist unsere Zeit so beschaffen, so normal?

Ich glaube nicht.

Das Ende normaler Wissenschaft – und in Kuhns Worten: der Anlass für Paradigmenwechsel – gab es schon oft. Denken wir nur an die Inlandeistheorie, wonach Mitteleuropa in den Eiszeiten unter einem dicken Eispanzer lag, was heute gesichertes Wissen ist, aber vor dem wissenschaftlichen Konsens durch Otto Torells Beweisführung 1885 als Spekulation galt. denken wir auch an die Kontinentaldrift, zwei Jahrhunderte zuvor schon formuliert, aber erst im 20. Jahrhundert mit Alfred Wegeners Verdiensten allgemein akzeptiert. Denken wir an physikalische Gesetze, an das geozentrische und heliozentrische Weltbild, an den Hexenwahn und die Kleine Eiszeit. Error and trial sind normal; leider können bei anhaltenden Fehleinschätzungen, beim Festhalten an überkommenen Paradigmen, auch viele Menschenleben verloren gehen.

Um zu einem vorläufigen Schluss zu kommen: Jetzt gerade werden, angesichts der Geschehnisse in Iran, zwei Dinge offensichtlich – auch wenn sie schon viel länger ähnlich hinfällig waren wie das geozentrische Weltbild vor seiner Revision.

Erstens, identitätsbasierte Solidarität sollte aufgegeben werden, sofern sie keine Verbindung zu den Interessen der Menschen selbst herstellen kann. Wer Solidarität verlautbart, die im Kern immer Solidarität mit sich selbst ist, mit dem eigenen („normalen“) Weltbild, und vor allem auch einem Drang danach entspringt, sich gut zu fühlen, verursacht eher verwirrenden, energiefressenden Daten-Trash. Diese Stimmen sagen: „Ich bin von den Guten“. Ja, das mag sein, vielleicht bist du von den Guten – nur: Wen interessiert das? Wen interessiert es, wenn dabei universelle Menschenrechte drauf gehen, wenn nicht-menschliche Lebewesen und der locus vivendi des menschlichen wie nicht-menschlichen Lebens insgesamt zerstört werden – nur, weil alles normal bleiben soll, wo nichts mehr normal ist?

Zweitens, das Paradigma traditioneller Sicherheit, das gerade überhaupt nicht anwendbar ist auf die Konstellation mit Iran im Zentrum, sollte unbedingt einer Revision unterzogen werden. Es stimmt hinten und vorne einfach gar nichts mehr. Die einen schreien nach Völkerrecht, das dem Volkstumsgedanken und der Trinität des Nationalstaats entstammt; das zwar auf einen beeindruckenden Fundus von Rechtstraditionen und Wissensbeständen aufbauen kann, doch in der Wirklichkeit, wenn es darauf ankäme, fast nur noch als Farce in Erscheinung tritt. Rufe nach Einhaltung des Völkerrechts stabilisieren ganz oft Regime, die das eigene oder ein anderes Volk tyrannisieren und morden, obwohl behauptet wird, es sei das Völkerrecht – welches wie eine heilige Monstranz behandelt wird – das künftiges Unglück abwenden könne. Ja, mag sein, in der Theorie. Nur: Wovon reden wir in der Praxis? Andere Stimmen, die den ersteren nur scheinbar widersprechen, rufen nach Freiheit – glauben dabei aber, fossile Ressourcen wie Öl und Gas müssten nur gerecht umgeleitet und genutzt werden. Wenn man das schließlich erreicht hätte – ja, dann könnte ein so faszinierendes, gebildetes und reiches Land wie Iran (reich an Kultur und Vielfalt) florieren. Machen wir uns über das Mindset Trumps und Netanyahus nichts vor: Beide werden großer bis größter Verbrechen beschuldigt. Sie werden ganz bestimmt niemandem „Freiheit“ bringen. Niemand, der auf fossile Energieträger setzt, hat eine Berechtigung als konstruktive politische Akteure in der Zukunft.

Nun stehen wir also wie vor einem Scherbenhaufen des Fehlerhaften, um nicht zu sagen: wie Angelus Novus vor den Trümmern der Geschichte über ewigen Fortschritt und ewiges Wachstum. Sollte man jetzt also so zynisch wie fatalistisch abschließen mit einem: „Alles ist scheiße!“?

—Nein!

Frei nach Machiavelli könnte man Hoffnung in der Einzigartigkeit des gegenwärtigen Zeitfensters sehen, und in der kurzen Verweildauer der Occasione (Gelegenheit). Demnach gälte es jetzt, die Occasione beim Schopf zu packen. Es käme rasch darauf an, das Richtige zu tun. Genau das verstehen viele Kommentatoren aus den Reihen: „Ich bin gut!“ nicht. Ich vermute: weil sie es nicht können. Weil sie sich der normalen Wissenschaft gegenüber loyal verhalten und (noch) nicht sehen können, dass hier etwas Fossiles am abfackeln ist, um eine petro-industrielle Metapher zu zeichnen.

In Machiavellis Politikberatung taucht die Figur des Uomo virtuoso auf, des tugendhaften Mannes. Ich stelle mir heute Machiavellis Uomo virtuoso oder die Donna virtuosa als zeitgenössischen Mann oder Frau aus dem Zagros-Gebirge, aus Tehrangeles, aus Hannover oder Paris vor. Ihre Sprache ist Persisch, Kurdisch, Azeri oder eine andere der in Iran gesprochenen Sprachen, aber sie sind polyglott und kosmopolitisch, pflegen weite Netzwerke, sind also weltläufig und können Allianzen schmieden. Sie sind jetzt gefragt: tugendhafte, zupackende Leute. Es könnte aber auch sein, dass es die Zeit des Tricksters ist, und vielleicht gehören die täuschenden Eigenschaften des Tricksters heute sogar zu den Grundtugenden. Auch den Trickster stelle ich mir als eine Figur mit engsten Verbindungen nach dem Zagros vor, lassen wir sie geschlechtlich und ethnisch undefiniert. Eine, die keine Skrupel hat – auch nicht davor, Schurken wie Trump und Netanyahu an der Nase herum und weit hinter die Fichte zu führen. Um die zu Betrügenden nicht aufzuschrecken wäre es aber vielleicht das Beste, über den Trickster noch eine Weile zu schweigen. Man soll ja keine schlafenden Hunde wecken.

Referenzen

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