Margulis, Lynn (2021): Der symbiotische Planet oder wie die Evolution wirklich verlief (übersetzt von Sebastian Vogel). Frankfurt/M.: Westend.1
Lynn Margulis wird von der Autorin Charlotte Kerner zusammen mit Rachel Carson und Donna Haraway zu einem Triumfeminat von Öko-Visionärinnen gerechnet.3 Das obige Zitat trifft bereits eine zentrale Unterscheidung, die sich durch das gesamte Buch zieht und letztlich in der Gaia-Hypothese mündet: Nicht die Erde und das Leben an sich, sondern die Menschen haben dringend ein neues Sicherheitsverständnis nötig, wenn sie sich nicht über die Schwelle der Selbstzerstörung manövrieren und unzählige weitere Arten mit in den Abgrund zu reißen möchten. Passend für das Neopopulismus-Projekt, wo es mir um eine theoretische und praktische Suche nach interspezifischer Sicherheit geht – was andere Autorinnen, wie zum Beispiel Donna Haraway, als mehr-als-menschliche Sicherheit bezeichnen würden. Über Donna Haraways Unruhig bleiben (s. voriger Beitrag) bin ich auch auf Lynn Margulis‘ Arbeit neugierig geworden.

Jpedreira, CC BY-SA 2.5 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5, via Wikimedia Commons
Auch nach ihrem Tod 2011 gilt die US-amerikanische Wissenschaftlerin als eine der wichtigsten Evolutionsbiologinnen der Gegenwart. Zeit ihres akademischen Lebens studierte sie die kleinsten aller Lebewesen, die Bakterien. Dass Symbiose (wörtlich: das Zusammenleben) unterschiedlicher Arten einen zentralen Platz in der Evolutionsbiologie einnimmt, ist zu einem großen Teil Margulis zu verdanken. Ihre nach eigener Aussage „beste Leistung“ lässt sich mit dem Akronym „SET“ abkürzen, das im englischen Original wie im Deutschen für „serielle Endosymbiontentheorie“ (Serial Endosymbiosis Theory) steht. Was kompliziert klingt, lässt sich in einfacheren Worten so ausdrücken: Alle Arten, die einen Zellkern besitzen, haben sich nicht alleine in getrennten Linien entwickelt. Vielmehr sind wir bis in unsere kleinsten Zellen hinein das evolutionäre Ergebnis ursprünglicher Verschmelzungen von Bakterien mit bzw. in (endo-) anderen Bakterien. Unsere Verwandtschaft mit allen anderen Lebewesen, einschließlich der Bakterien, reicht demnach bis ins Erdaltertum zurück. Es nimmt daher nicht Wunder, dass sich Donna Haraway in ihrem Postulat, dass wir uns alle als verwandt verstehen und „mit-werden“ müssen, sogar in erster Linie auf die Mikrobiologin Lynn Margulis bezieht – auch wenn zwischen beiden Autorinnen stilistisch gesehen Welten liegen.
Die Liste von Lynn Margulis’ Publikationen ist sehr lang. In ihrem sowohl autobiographischen als auch biologischen Überblickswerk Der symbiotische Planet ist der Autorin besonders daran gelegen, mit dem verbreiteten Vorurteil aufzuräumen, bei Symbiose und symbiontischen Organismen handle es sich um einen Spezialfall der Zusammenarbeit von an und für sich getrennt zu betrachtenden Organismen. Auch die Ansicht, Bakterien seien lediglich problematische Krankheitserreger, hilft das Buch, zu revidieren – mittels faszinierender Einzelheiten über diese uralten, zellkernlosen Einzeller. Am Ende legt sie auch noch eine knappe und überzeugende Version der von James Lovelock und ihr formulierten Gaia-Hypothese über die Erde als Gesamtlebewesen vor. Das Buch erstreckt sich über acht Kapitel, die ich im Folgenden so kurz wie möglich zusammenfasse, bevor ich am Ende zu einer Bewertung gelange und vor allem einige wichtige Themen hervorhebe, die für den Paradigmenwechsel hin zu interspezifischer Sicherheit relevant sind.4
Evolution durch Symbiose
Wie allgegenwärtig Symbiose in unserem Leben ist, zeigt bereits Kapitel 1 Symbiose überall (S. 13-21). Ob im eigenen Körper, wie beispielsweise in der Darmflora, oder in der uns umgebenden Umwelt, etwain den Mycorrhiza genannten Wurzelknollen symbiontischer Pilze und Pflanzen: überall finden sich Symbionten. Doch Symbiose ist noch mehr als das: Sie war konstitutiv für die Evolution, was den Kern der seriellen Endosymbiontentheorie (SET) ausmacht, die sie in Kapitel 3 (S. 49-69) noch genauer in ihren seriellen Schritten erklärt. Nicht spontane und zufällige Mutationen, wie in der (klassischen) darwinistischen Theorie, sondern Verschmelzungen unterschiedlicher Spezies stecken hinter der Evolution, so Margulis. Besonders gut veranschaulicht wird die Grundannahme ihrer Theorie bereits durch Abbildung 1 (S. 16), wo eine Prokaryotenzelle neben einer Eukaryotenzelle zu sehen ist: Nur die eukaryotische Zelle mit Zellkern enthält Mitochondrien und Plastiden, die ihrerseits so aussehen, als seien sie „Sonderzellen“, die von einer eigenen Zellmembran umfasst sind. Und genau das waren sie ursprünglich auch: Es handelt sich um Bakterienzellen, die im Laufe der Evolution – wahrscheinlich im Erdaltertum vor zirka 3,5 – 4 Milliarden Jahren – unvollständig im Inneren einer anderen Zelle überlebt haben und inkorporiert wurden.Im restlichen Kapitel wird dieses urtümliche, symbiontische Prinzip des verschmolzenen Zusammenlebens anhand zahlreicher Beispiele illustriert und noch besser verständlich gemacht.5

Kapitel 2 Entgegen der Lehrmeinung (S. 23-47) beginnt mit Exkursen in die persönliche Biografie der Autorin bis zurück in die Schulzeit und zur Begegnung mit ihrem ersten Ehemann, dem Astrophysiker Carl Sagan.6 Zu ihrer lebenslangen Faszination für Bakterien (und zur SET) sei sie „auf einem Nebengleis“ gekommen, nämlich über die Beschäftigung mit genetischen Systemen, „die sich in den Zellstrukturen (Organellen) außerhalb des Zellkerns befinden und damals kaum beachtet wurden.“7 Mit den Genen außerhalb des Zellkerns, genauer gesagt im Zytoplasma, rückte ein Forschungsfeld in ihre Aufmerksamkeit, das lange als irrelevant für die Genetik und gängige Evolutionstheorien gehalten wurde.8 Sie beschreibt einen holprigen Weg voller Widerstände und zäher Weiterarbeit, bis die serielle Endosymbiontentheorie (SET) schließlich veröffentlicht war.9
Ein besonders interessanter Aspekt für die fachfremde, aber wissenschaftsgeschichtlich interessierte Leserschaft, der Margulis’ Buch immer wieder besondere Tiefe verleiht, zeigt sich am Anfang des Kapitels 3 Einzigartigkeit durch Einverleiben (S. 49-69): Hier geht sie ausführlich auf die Begriffsgeschichte ein und zeichnet beispielsweise nach, dass der Begriff »Symbiose« bereits im Jahr 1873 durch den deutschen Botaniker Anton de Bary (1831-1888), »Symbiogenese« vom russischen Biologen Konstantin Sergejewitsch Mereschkowsky (1855-1921) verwendet wurden.10 Im Zentrum dieses Kapitels stehen die vier „wohlbelegten Postulate“ der seriellen Endosymbiontentheorie:
„Die Grundidee ist einfach: Vier einstmals völlig selbständige, körperlich getrennte Vorfahren fanden sich in einer ganz bestimmten Reihenfolge zur Grünalgenzelle zusammen. Alle vier waren Bakterien, und die Unterschiede zwischen ihnen können wir heute noch nachvollziehen. Nachkommen von allen vieren leben noch heute sowohl in verschmolzener als auch in freier Form. Manche meinen, die vier Typen hätten sich gegenseitig versklavt, eingefangen in der Pflanze und als Pflanze. Doch alle liefern Indizien auf ihre Vorfahren; chemisch betrachtet, ist das Leben so konservativ, dass wir sogar die genaue Reihenfolge ihrer Verschmelzung rekonstruieren können. Auf diese Reihenfolge der Verschmelzungsereignisse deutet der Begriff seriell in der Bezeichnung serielle Endosymbiontentheorie hin.11
In der weiteren Ausführung beschreibt Margulis, wie im biologischen Diskurs zwischen Vertretern einer „gemäßigten“ und einer „extremen“ SET unterschieden wird, wobei sie selbst zu den „Extremen“ gerechnet wurde, weil sie auf der Richtigkeit des nach wie vor nicht bewiesenen, zweiten Schritts bestand. Sie vertrat auch die umstrittene These, wonach sich Neuronen – also Nervenzellen in menschlichen Gehirnen, die aus Mikrotubuli aus dem Protein Tubulin bestehen – ebenso ursprünglich aus Bakterien entwickelt hätten.12
Streitfeld Klassifikationssysteme: Domänen, Reiche, Arten
Das Kapitel 4 Der Name der Rebe(S. 71-93) ist sowohl aus inhaltlicher, als auch aus diskursanalytischer Hinsicht besonders zentral. Zum einen werden die Leser eingeführt in das grundsätzliche Verständnis für die Ordnungskategorien der Lebewesen in Domänen (Domains) und Reiche (Regna; Kingdoms) sowie die damit einhergehenden Widersprüche und Konflikte. Margulis erspart ihren Lesern hier die vollständige Einführung in die Systematik der Biologie (was die Begriffsklärung auch aller Taxa beinhalten müsste), und beschränkt sich stattdessen auf die für ihre Theoriebildung zentralen Begrifflichkeiten. Sie zentriert die Besonderheiten der Bakterien und ihre eigene Klassifikation des Lebens in zwei Domänen (Prokarya, Eukarya) und fünf Reiche (Bacteria, Protoctista, Pilze/Fungi, Tiere/Animalia, Pflanzen/Plantae). Diese Klassifikation wird am grafischen Beispiel der menschlichen Hand abgebildet, hier (s.u.) in einer Zeichnung ihres Sohnes Dorion Sagan. Zum anderen ist das Kapitel aber auch besonders aufschlussreich für alle, die sich mit Fragen wie Entfaltung, Langlebigkeit und Erosion diskursiver Macht (hier: Deutungshoheit über die Durchsetzung einer bestimmten Taxonomie) über die außersprachliche, eigentliche Welt beschäftigen wollen.

So erfahren die Leser, warum der Begriff Protoctisten jenen der Protisten – kleinere Vertreter der Protocisten – nicht ersetzt, sondern erweitert13; worin ihrer Ansicht nach der Vorteil der zweigeteilten Taxonomie von Prokarya (auch: Prokaryota/Prokaryoten; Prokaryonta/Prokaryonten) und Eukarya (auch: Eukaryota/Eukaryoten; Eukaryonta/Eukaryonten) gegenüber der dreigeteilten Taxonomie von Carl R. Woese (u.a.) in Archaea, Eubacteria und Eukarya besteht.14 Selbstbewusst entgegnet sie der Woese-Auffassung:
In seiner Taxonomie der drei Domänen misst Woese den molekularen Unterschieden zwischen den beiden Bakteriengruppen eine weit größere Bedeutung bei als den Unterschieden zwischen einem Champignon und einem Elch. Mir erscheint das lächerlich, und der derzeit beste Evolutionsfachmann der Welt, Ernst May von der Harvard University, stimmt uns voll und ganz zu.15
Ihr abgewandeltes, zweischichtiges Schema (Prokarya, Eukarya) mit seinen fünf Reichen, so Margulis, sei der Klassifikation mit drei Domänen bei weitem überlegen. Den höchsten Rang messe es dem Hauptunterscheidungsmerkmal aller Lebensformen bei: Es grenzt nicht-symbiogenetische Zellen (Prokarva) von symbiogenetischen (Eukarya) ab. Darunter werden Lebewesen danach differenziert, ob sie sich aus Sporen (Pilze), aus einem von mütterlichem Gewebe umgebenen Embryo (Pflanzen), aus einem Embryo in Form einer Blastula (Tiere) oder aus keinem davon (Protoctisten) entwickeln.16
Um es noch einmal in ganz einfache Worte zu packen: „nicht-symbiogenetische Zellen (Prokarya)“ sind Bakterien und Archaeen, die nicht aus der Verschmelzung unterschiedlicher Arten hervorgegangen sind; alle anderen Lebewesen – Pilze, Pflanzen, Tiere, Protoctisten (wie Amöben, Geißeltierchen, Wimpertierchen) – sind dagegen in sich Verschmelzungsprodukte unterschiedlicher Arten, was über die Zellstruktur nachweisbar ist. Diese Unterscheidung findet sich dankbarerweise und der Übersicht halber auch noch einmal in einer Tabelle am Ende des Buchs (S. 171), wo die Autorin in zwei vertikalen Hauptspalten zwischen den beiden Domänen der Prokaryoten17 und Eukaryoten18 unterscheidet.

Für die Diskussionen rund um die Fragen nach der richtigen Klassifizierung, biologischen Taxonomie, Nomenklatur und letztlich Paradigmata stellt sie fest19:
„Die Namen von Lebewesen hören sich unschuldig an, und das Gleiche gilt für die Bezeichnungen ihrer Gruppen. Und doch hat die auf den ersten Blick langweilige Übung des Benennens und Unterteilens mein Leben als Wissenschaftlerin tiefgreifend beeinflusst. Eine fehlerhafte Taxonomie führte mit der gleichen Perfidie in die Irre wie unausgesprochene Voreingenommenheit oder religiöser Glaube. Die Symbiogenese gerät in unmittelbaren Konflikt mit weit verbreiteten und beliebten Annahmen, und das ist einer der Gründe, warum sie erst so spät anerkannt wurde.“20
Die Wissenschaftsgeschichte ist voller tragischer, marginalisierter Figuren – ausgeschlossen, obwohl oder gerade weil sie richtig lagen, aber zwangsläufig außerhalb des gängigen Paradigmas argumentieren mussten. Ein Beispiel nennt Margulis mit dem US-amerikanischen Biologen Ivan Wallin, der für sie wichtige Vorarbeit geleistet hatte:
Als Ivan Wallin von der Columbia University in den zwanziger Jahren die Vermutung äußerte, Zellbestandteile wie Chloroplasten und Mitochondrien könnten ursprünglich symbiontisch lebende Bakterien gewesen sein, wurde er mit seinen Ideen rund heraus abgelehnt. In feinen Biologenkreisen machte man seine Theorie des »Symbiontizismus« lächerlich. Er wurde aus der seriösen wissenschaftlichen Welt ausgestoßen und gab mit 40 Jahren seine experimentellen Untersuchungen zur Symbiose auf. Bakterien waren Krankheitserreger und keine Stammväter entwicklungsgeschichtlicher Neuerungen. Mikroorganismen, darauf beharrten seine Kollegen, vollziehen nicht den Sprung vom freien Leben als Bakterien zum Dasein als Gefangene in Tierzellen. Wallin zog von New York nach Denver, wo an der dortigen Universität seine Karriere als Dozent und Wissenschaftler weitere vier Jahrzehnte lang gedieh, aber über den symbiontischen Ursprung der Organellen diskutierte er niemals wieder.21
Verantwortlich für die Marginalisierung von Wallin, dessen geschmähte Arbeiten laut Margulis viel stärker mit unseren heutigen Kenntnissen im Einklang standen als mit dem Denken seiner eigenen Zeit war das Festhalten „an einer starren Taxanomie“.22 Sie problematisiert dabei jedoch nicht die Taxonomie als Praxis des Benennens selbst, die auf den schwedischen Botaniker Carl von Linné (1707-1778) zurückgeht, welche sie durchaus würdigend erklärt: über die Vergabe je eines »Vornamens« (für die Gattung) und »Nachnamens« (für die Spezies) – etwa am Beispiel Canis familiarisfür Haushund und Canis lupusfür Wolf.23 Das Problem sei eher, welche „Bäume“, Zweige und Richtungen man aus diesen riesigen Informationsmengen (nicht) bilde. Dabei werde beispielsweise nicht vorgesehen, dass sich Zweige und Linien auch wieder verbinden können, was im Bereich der fusionierenden Bakterien eigentlich der Fall war.
Am Anfang war – kein Sex
In Kapitel 5 Aus Schaum geboren (S. 95-115) geht Margulis der Frage nach, wie alles Leben auf der Erde, das grundsätzlich immer in Form von Zellen organisiert ist, „aus dem Schaum“ entstanden ist. Wie es dazu kommen konnte, dass sich höchst unterschiedliche Bakterien neu kombinieren, verschmelzen und vereinigen konnten, sei von grundlegender Bedeutung für die komplette Evolution, die Sexualität erst ab der Entwicklung der Prokaryoten kannte.24 Weil die Bakterienzelle heute die kleinste Einheit von Leben, Selbsterhaltung und Fortpflanzung ist, müsse man auch unbedingt von ihr ausgehen und ihren Ursprung entschlüsseln, so Margulis.25 Das sei zwar niemandem ganz genau gelungen; sie ist sich trotzdem sicher, dass Harold J. Morowitz mit seiner These recht hatte, dass es sich beim Milieu des ersten Lebens um robuste Blasen gehandelt haben muss, die von einer fettigen Membran umhüllt waren.26 Erneut holt sie in diesem Kapitel weit in die Wissenschaftsgeschichte der Mikrobiologie aus, wofür sie sich auf Louis Pasteur konzentriert.27 Dessen Vermächtnis hat sich – neben seinen grundsätzlichen Leistungen – als nicht unproblematisch für das Ansehen der Bakterien unter den Menschen erwiesen:
„Bakterien, davon überzeugte uns Pasteur, sind ebenso lebendig wie wir. Sie sind für Krankheit und verdorbene Lebensmittel verantwortlich. Pasteurs scharfsinnige Experimente wurden zu einem großen Vermächtnis. Er verhalf der heute vorherrschenden Ansicht zum Durchbruch: Die infektiösen, ja geradezu teuflischen Bakterien sind Keime, die man zerstören muss. Verstärkt wird die Vorstellung von den feindlichen Mikroorganismen durch die großen Erfolge der modernen Medizin. Sauberkeit, das Keimfreimachen chirurgischer Instrumente und insbesondere die Antibiotika werden als Waffen im Kampf gegen die aggressiven Mikroben bezeichnet.“28
Wie sie zuvor schon thematisiert hatte, war nicht zuletzt diese Geringschätzung dafür verantwortlich, dass Bakterien in der Evolutionsbiologie lange so wenig Beachtung fanden.

Albert Edelfelt, Public domain, via Wikimedia Commons
Wo kein Zellkern vorhanden ist, wie bei den Bakterien, da braucht es auch keinen Sex – und dennoch gibt es einen Zusammenhang zwischen der einfachen Zellteilung von Bakterien, ihrer (früheren) Möglichkeit zur symbiontischen Verschmelzung und der Sexualität von Tieren und Pflanzen. Diese biologische Revolution ist Gegenstand von Kapitel 6 Vermächtnis Sex (S. 117-137).29 Erst unter den eukaryotischen Protoctisten sei es zur eigentlichen, meiotischen Sexualität gekommen, wenn auch zunächst nur saisonal und abhängig davon, wie es um die Lebensumstände bestellt war:
Die eigentliche meiotische Sexualität entwickelte sich in mehreren Abstammungslinien der Protoctisten. Ihre Vorfahren legten sich auf einen jahreszeitlichen Zyklus von Verschmelzung und Erleichterung, Paarung und Meiose fest. Waren Nahrung, Wasser oder andere lebensnotwendige Stoffe knapp, brachte die kannibalistische Paarungsvorstufe die Rettung. Der Mangel führte zur Verschmelzung und zum Überleben im Doppelpack. War die Umwelt dagegen relativ üppig ausgestattet, wurde die ältere, besser angepasste, haploide Zellorganisation von der natürlichen Selektion begünstigt.30
Landnahme: wie die Lebewesen das Meer mitnahmen
In Kapitel 7 An Land (S. 139-147) beschäftigt sich die Autorin mit der evolutionsgeschichtlichen Phase der Landnahme des Lebens, die sie mit einer möglichen Besiedelung des Weltraums (und einigen missglückten Phantasien diesbezüglich) in Beziehung setzt: Genau wie die Besiedlung des Festlands, das eine lebensfeindliche Umgebung für die bisher wassergebundenen Lebewesen darstellte, könnte eine solche Unternehmung nur über die Bildung neuer Symbiosen unterschiedlicher Lebewesen funktionieren.31 Technische Lösungen nur für den Menschen, wie am Raumschiff Enterprise von »Star Trek« imaginiert wurde, bezeichnet sie als völlig absurd:
„Wenn Menschen jemals längere Reisen in den Weltraum unternehmen, wird das kein nacktes, technisiertes Unternehmen wie »Star Trek« sein. Das Bild von der sterilen Technik, die uns von den Mitbewohnern auf unserem Planeten befreit, ist nicht nur geschmacklos und langweilig, sondern grenzt an Scheußlichkeit. Ganz gleich, wie sehr wir als Spezies von uns selbst eingenommen sind – Leben ist etwas viel Umfassenderes: ein unglaublich kompliziertes Wechselspiel zwischen Materie und Energie der vielen Millionen Arten außerhalb (und innerhalb) unserer eigenen Haut. Diese fremden Wesen auf der Erde sind unsere Vettern, unsere Ahnen und ein Teil unserer selbst. Sie verwerten unsere Stoffe und liefern uns Wasser und Nahrung. Ohne »die anderen« können wir nicht überleben. Unsere symbiontische, verwobene Vergangenheit ist von einem Geflecht belebten Wassers durchzogen.“32

Auf der Erde sei die Besiedlung des Lands gelungen, indem Pflanzen für die erst später das Land besiedelnden Tiere Pionierarbeit leisteten, was wiederum beinhaltete, Symbiosen mit Pilzen einzugehen. Noch heute zeugen unter anderem Mycorrhiza (als Pflanzen-Pilz-Symbionten) und Flechten (als Pilze-Algen-Symbionten) besonders offensichtlich von der großen Bedeutung dieser Verschmelzungen, die es erst ermöglicht hätten, dass es zur Landnahme durch das Leben kam.
„Den Pflanzen gelang der Übergang aufs Trockene, indem sie ihre nasse Umwelt neu schufen und in ihrem Inneren einschlossen.“33
Diese Strategie, die lebensfreundliche, nasse Umwelt einfach zu umschließen und in die lebensfeindliche, trockene Lebenswelt der Kontinentaloberflächen und sogar in die Lüfte mitzunehmen, bezeichnet sie – unter Rückgriff auf einen Begriff von Mark A.S. und Dianna A.S. McMenamin (Hypersea) – als „Hypermeer allerorten“. Das leuchtet durchaus ein, denn auch tierisches Zytoplasma besteht zu über 80 Prozent aus Wasser.34
Die Gaia-Hypothese als »reine Naturwissenschaft«
Der Brite James Lovelock hatte Anfang der 1970er Jahre als erster behauptet, das Leben als Ganzes optimiere seine Umwelt zu seinem eigenen Nutzen.35 Mit James Lovelock (den sie im Buch auch Jim nennt) stand Margulis jahrzehntelang in regem wechselseitigen Austausch, weshalb heute beide zusammen als Urheber der Gaia-Hypothese gelten, um die es in Kapitel 8 Gaia (S. 149-170) geht.36 Lovelock habe, wie mittlerweile oft zitiert wurde, einen griffigeren Ersatz für die umständliche Bezeichnung »ein kybernetisches System mit einer Neigung zur Homöostase, nachgewiesen durch chemische Anomalien in der Erdatmosphäre« gesucht. Dazu habe er den englischen Schriftsteller Wiliam Golding, Autor des Buches Der Herr der Fliegen, um Rat gebeten. Golding griff daraufhin ins Repertoire der griechischen Mythologie, wo er bei »Gaia« fündig wurde, der altgriechischen »Mutter Erde«, deren Name dieselbe Etymologie teilt wie Geologie, Geometrie, oder auch »Gè«, einer mythologischen Einheit, die als Erdgöttin interpretiert wird.37 Was einerseits wie ein genialer Coup erscheint, hat sich andererseits auch als Fluch herausgestellt: Der Name Gaia brachte der gesamten These oft den Vorwurf (oder zumindest den Verdacht) ein, es handle sich um eine unwissenschaftliche These, befördert durch den Umstand, dass Gaia als Mutter Göttin auch im New Age, in Esoterik-Milieus und ihnen verbundenen, feministischen Strömungen dankbar aufgegriffen wurde. Margulis spricht sich eindeutig gegen die „bedauerliche Personifizierung“ Gaias aus:
„Ich kann es nicht nachdrücklich genug betonen: Gaia ist kein einzelnes Lebewesen. Meine Gaia ist keine unscharfe, malerische Vorstellung von einer Mutter Erde, die uns ernährt. Die Gaia-Hypothese ist strenge Naturwissenschaft.“38
Die strenge Naturwissenschaft hinter Gaia lässt sich im Begriff der atmosphärischen Homöostase bündeln, die eine Anomalie der Erdatmosphäre bezeichnet und die grundlegende Beobachtung von Lovelock war. Dieser hatte im Auftrag der NASA eigentlich zur Beschaffenheit der Mars-Atmosphäre und der Frage nach der Möglichkeit von Leben auf dem Mars geforscht, wodurch die Unterschiede der jeweiligen Atmosphären auffällig wurden.39 Von sich aus konnte die Atmosphäre der Erde – im Gegensatz zum Mars – nach den Beobachtungen von Lovelock nicht chemisch stabil sein, weil das Sauerstoff- und Methanverhältnis den physikalischen Gesetzen widerspricht. Unreguliert müssten die Gase zwangsläufig auf problematische Weise reagieren – was sie jedoch nicht tun, weil die Atmosphäre vom Leben entsprechend der Bedürfnisse des Lebens reguliert wird.40
Die Erdatmosphäre ist also permanent instabil und an sich lebendig. So wenig wie Gaia eine personifizierbare Göttin ist, die einst Rache für den ihr zugefügten Schaden durch die Menschen nähme, sei sie ein einzelner Organismus – und schon gar nicht ein solcher, der über ein zentrales Bewusstsein verfügen müsse. Vielmehr handelt es sich bei Gaia um eine Eigenschaft der Wechselbeziehungen, um ein System – und um die Summe allen Lebens auf der Erde. Als solches Zusammenspiel zeige Gaia im Großen und Ganzen auch eine Eigenschaft, die im Kleinen bei einzelnen Lebewesen nachweisbar ist: Propriozeption. So wird die sensomotorische Selbstwahrnehmung des Körpers eines Lebewesens genannt, die funktioniert, ohne, dass dafür „Nachdenken“ oder „Planung“ im Spiel sein muss. Zugvögel ziehen. Zecken finden ihren Wirtsorganismus. Siebenschläfer hybernieren. Vielleicht kann man sich Propriozeption, also die Fähigkeit, ohne Steuerung durch ein reflexives Bewusstsein (wie das Ich-Bewusstsein der Menschen) adäquat zu reagieren und zu regulieren, über den Vergleich mit einem Oktopus vorstellen, dessen Arme scheinbar unabhängig voneinander reagieren und für das Lebewesen insgesamt doch das richtige tun. Gaia reguliert sich demnach als Ganzes selbst. Das ist auch der Grund, warum die Gaia-Hypothese so zentral für die Erdsystemwissenschaft (Earth System Science) ist, die die Erde als ein einziges, dynamisches System versteht, das etwa bewirkt, die Salinität der Weltmeere über Jahrmillionen weitgehend konstant zu halten (um nur ein Beispiel zu nennen). Margulis vergleicht daher Gaia mit einem „Geflecht von Ökosystemen“.41
Formale Kritik
Wer sich sowohl mit Lebenswerk als auch ideengeschichtlichem und naturwissenschaftlichem Vermächtnis von Margulis auseinandersetzen will, wird im Buch Der symbiotische Planet oder wie die Evolution wirklich verlief fündig, ohne durch wissenschaftliches Fachwissen überfrachtet zu werden. Das Buch ist sehr zugänglich, gut verständlich und dazu auch noch äußerst spannend geschrieben. Vorausgesetzt werden gute Biologiekenntnisse oder zumindest keine Scheu, sich die Lücken beim Lesen (wieder-)anzueignen.42
Hilfreich ist eine Übersichtstabelle der wichtigsten Lebensformen, um sich die Hauptkategorien zwischendurch wieder einprägen zu können.43 Außerdem beinhaltet das Buch insgesamt sieben Abbildungen, ohne die Leser mit allzu großem Abstand vom Biologiegrundkurs womöglich in der Visualisierung von Begrifflichkeiten wie Cilien, Mitochondrien, Plastiden o.ä. überfordert sein könnten; meine einzige Kritik an den Abbildungen ist ihre mangelnde Schärfe, was aber wahrscheinlich Satz und Druck geschuldet ist. Sehr nützlich beim Nachschlagen und Arbeiten mit dem Buch ist auch das Personen- und Namensregister. Die Anmerkungen (S. 183-188) sind knapp und beschränken sich auf weiterführende Literaturverweise oder nur knappe, inhaltliche Zusatzinformationen, deren Fehlen im Fließtext keine Barriere darstellt.
Die Argumentation erscheint durchweg schlüssig und widerspruchsfrei, zumindest für den nicht-Evolutionsbiologen, und sogar der wissenschaftliche Dissens mit anderen Autoren wird meistens gut nachvollziehbar erklärt und begründet. Stellenweise laden die ideengeschichtlichen Ausflüge und Hintergründe – die nie überflüssige Informationen beinhalten oder redundant sind – dazu ein, zum besseren Verständnis noch einmal außerhalb des Buchs nachzuschlagen. So harsch ihre Kritik an anderen Wissenschaftlern teilweise ausfällt, so auszeichnend ist es für Lynn Margulis, dass sie in aller Ausführlichkeit die Leistungen anderer würdigt, auf denen sie aufbaut: „Praktisch alles, womit ich mich heute befasse, wurde bereits vonunbekannten Gelehrten oder Naturforschern vorweggenommen.“44 Dennoch ist es besonders ihr zu verdanken, dass die serielle Endosymbiontentheorie heute als allgemein anerkannt gilt – wenn man einschränkend hinzufügt, dass es laut Stand des vorliegenden Buches noch an einem Teilbeweis mangelt, nämlich Margulis’ These vom Ursprung der Zellgeißeln (Flagellen) der Eukaryoten, die ihrer Auffassung nach aus ursprünglich freien Spirochäten hervorgegangen seien.45

Bildquelle: Brudersohn, CC BY-SA 3.0 http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/, via Wikimedia Commons
Eine kontroverse Person?
Margulis war sich sicher, dass ihre Ergebnisse auch ohne den letzten Beweis von nachhaltiger Relevanz sind:
„Und selbst wenn die Forschung zeigen sollte, dass meine Spirochätenhypothese falsch ist, stellt das Nachdenken über Symbiose selbst ein symbiontisches Phänomen dar. Der Sauerstoff, den wir atmen, gelangt aus unserem Blut ins Gehirn und wird unaufhörlich von den Mitochondrien umgesetzt, die, wie wir wissen, einst atmende Bakterien waren. Ob nun die schlängelnden Spirochäten zum innerstenKern unseres Wesens gehören oder nicht: Wir bleiben symbiontische Wesen auf einem symbiontischen Planeten.“46
Die rhetorisch oft angespitzten Thesen der Autorin müssen nicht nur vor dem zeitlichen Hintergrund der Ersterscheinung des Buches (1998), sondern vor allem im Licht ihrer Veröffentlichungshürden der späten 1960er Jahre gelesen werden, als die Grundthese und die Auffassung von der Symbiose als zentraler Motor der Evolution noch keine so breite Akzeptanz im naturwissenschaftlichen Feld fanden, wie das heute der Fall ist. Das lässt sich auch an der Vehemenz und dem betonten Selbstbewusstsein der Autorin ablesen, die ihre Argumentation begleiten. In einem Nachruf auf die Autorin von 2011 wird daran erinnert, dass ihre Person vielen auch als kontrovers galt. Sie selbst wies dies in ihrem letzten Interview (2011) zurück:
Selbst einmal gefragt „Do you ever get tired of being called controversial?“, antwortete sie: „I don’t consider my ideas controversial. I consider them right.“47
Einige von Margulis’ Aussagen waren in der Tat kontrovers. Dies wird in dem Nachruf von Laborjournal auch ungeschönt wiedergegeben – so zum Beispiel ihre unhaltbaren Aussagen zu HIV und Aids, in denen sie behauptet hatte, Aids werde nicht durch das HI-Virus ausgelöst, sondern sei eine neue Form der Syphilis (die von Spirochäten verursacht wird). Zu ihren Ideen in der Gesamtbilanz wird im Nachruf festgestellt:
Richtig waren sie sicher nicht immer — aber das ist durchaus normal in der Wissenschaft. Andere große Köpfe haben neben ihren echten Pioniertaten bisweilen noch größeren Schrott produziert als Lynn Margulis (sic!), siehe etwa Isaac Newton oder Linus Pauling. Dennoch werden sie heute zu Recht für ihre „wahren“ Erkenntnisse gefeiert.48
Endnoten
1 Margulis, Lynn: Der symbiotische Planet oder Wie die Evolution wirklich verlief, übers. von. Sebastian Vogel, Taschenbuchausgabe Aufl., Frankfurt: Westend 2021 Im Original: Margulis, Lynn (1998): Symbiotic Planet. New York: Basic Books.
2 Ebd., S. 169.
3 Kerner, Charlotte: We are volcanoes: die Öko-Visionärinnen: Rachel Carson, Lynn Margulis, Donna Haraway, 1. Auflage Aufl., Neu-Isenburg: Westend 2024.
4 Weil dieses Response Paper aus viel umfassenderen Notizen hervorgegangen ist und für mich selbst nach langer Zeit das erste Mal waren, dass ich ein Biologiebuch zur Hand genommen habe, fiel es mir schwer, die vielen faszinierenden Details und zusätzlichen Informationen einfach wegzulassen. Ich habe stattdessen vieles in Anmerkungen verschoben und habe trotzdem versucht, es nicht Donna Haraway gleichzutun, deren Buch ohne die Lektüre der Anmerkungen schwer verständlich wäre. Ich hoffe, der Text ist gut verständlich, ohne die Anmerkungen zu lesen.
5 Ein Beispiel liefert der bekannte Kefir, der ein symbiontischer Komplex aus 25 verschiedenen Hefe- und Bakterienarten ist. Margulis: Der symbiotische Planet oder Wie die Evolution wirklich verlief, S. 21.
6 Aus dieser Ehe ist ihr Sohn Dorion hervorgegangen, mit dem sie später viele Publikation gemeinsam gestaltete; auch im vorlegenden Buch verweist sie immer wieder auf Dorion Sagan und verwendet von ihm angefertigte Grafiken. Frühe Publikationen der Autorin wurden unter dem Namen Sagan veröffentlicht, wie ihre wichtigste frühe Publikation »On the origin of mitosing cells«: Sagan, Lynn: „On the origin of mitosing cells“, in: J. Theor. Biol. 14/3 (1967), S. 225-IN6.
7 Margulis: Der symbiotische Planet oder Wie die Evolution wirklich verlief, S. 30.
8 „»Was die Vererbung angeht, kann man das Zytoplasma einer Zelle ohne Weiteres außer Acht lassen.« Das jedenfalls meinte T.H. Morgan, Professor der Columbia University und eine zentrale Gestalt aus der Frühzeit der Genetik: schon als ich diese Behauptung aus dem Jahr 1945 zum ersten Mal las, fand ich sie arrogant und stark vereinfachend.(…) Um der ganzen Zelle, dem ganzen Organismus gerecht zu werden, muss man immer die gesamte Vererbung berücksichtigen, sowohl die im Zellkern als auch die im Zytoplasma.“ ebd., S. 35.
9 „Meine erste vollständige Aussage zur »seriellen Endosymbiontentheorie« wurde veröffentlicht, nachdem ein erstes, mühsam zusammengestelltes und schlecht geschriebenes Manuskript etwa fünfzehnmal zurückgewiesen und verloren gegangen war. Dass der Aufsatz mit dem Titel Origin of Mitosing Cells 1966 schließlich zur Veröffentlichung angenommen wurde, hatte ich dem persönlichen Eingreifen von James F. Danielli zu verdanken dem damaligen Herausgeber des mutigen Journal of Theoretical Biology. Als der Artikel Ende 1967 schließlich in gedruckter Form erschien, trug er natürlich meinen ersten Ehenamen, Lynn Sagan. Die Theorie wurde von Professor Max Taylor an der University of British Columbia in Vancouver, einem anderen begeisterten Protistenforscher, auf den Namen SET getauft, als Abkürzung für »serielle Endosvmbiontentheorie« (nicht zu verwechseln mit SETI der Suche nach extraterrestrischer Intelligenz).“ebd., S. 43-44.
10 Ebd., S. 49-50.
11 Ebd., S. 50-51.
12 Ebd., S. 69.
13 Ebd., S. 85-86. In Kapitel 4 erklärt sie die Eigenheiten von Protoctisten und Protisten noch genauer: „Alle Protoctisten sind in der Evolution letztlich aus der Svmbiose von Bakterien entstanden. Manche Protisten sind Einzeller, andere bestehen aus einer geringen Zahl von Zellen. Frei lebende Amöben sind beispielsweise Protisten. Amöben, Ciliaten und Algenzellen gehören zusammen mit Seetang und der koloniebildenden Form der Amöben, den Schleimpilzen, in die Gruppe der Protoctista. Proto-, wie in Protozoa, ist das griechische Wort für »der Erstes«. Die Begriffe Protist und Protoctist dagegen (aus proto- und -ctista, das heißt »Erste verbreitete Wesen«) haben im Gegensatz zu »Protozoa« keine zoologische Nebenbedeutung. Ich bezeichne die Protoctisten als »wasserlebende Weder-Nochse«.“, S. 85-86.
14 Ebd., S. 88-89.
15 Ebd., S. 90.
16 Ebd., S. 91.
17 Auf die Prokaryoten verteilt sich einzig das Reich der Bakterien (bzw. Monera) ohne Zellkern, welches Archaeen (Archaebakterien), grampositive Eubakterien (darunter z.B. Streptokokken), sowie gramnegative Eubakterien einschließlich der Cyanobakterien (oft fälschlicherweise als „Blaualgen“ bezeichnet) umfasst. Die Gemeinsamkeit dieser prokaryotischen Mikroorganismen besteht darin, nur ein Genom zu besitzen, was als deutlicher Hinweis darauf gedeutet wird, dass es sich bei ihnen im Gegensatz zu den Eukaryoten nicht um Symbionten handelt, die Genmaterial anderer Lebewesen (Bakterien) in ihre Zellen integriert haben. Margulis: Der symbiotische Planet oder Wie die Evolution wirklich verlief, S. 171.
18 Die durch Symbiogenese entstandenen Eukaryoten umfassen Protoctisten (Algen, Amöben, Ciliaten, Schleimpilze, Mastigoten, Wasserpilze, etc.), Pilze (einzellige und große Pilze, Hefen, Mycorrhiza an Pflanzenwurzeln, etc.), Tiere (Schwämme, Quallen, Krebse, Insekten, Muscheln, Schnecken, Amphibien, Reptilien, Fische, Vögel, Säugetiere, etc.) und Pflanzen (Moose, Farn, Nadelbäume, Blütenpflanzen, etc.). Diese genannten Reiche der Eukarya werden weiterhin nach der Mindestzahl der integrierten genetischen Systeme (Genome oder Monaden) klassifiziert: während es bei den Protoctisten zwei sind, erreicht diese Mindestzahl bei den Pflanzen schon fünf. Ebd.
19 Damit sei allerdings nicht gesagt, dass Taxonomien und Paradigma identisch sind; vielmehr ist es so, dass die übergeordnete Struktur, in welche die biologische Taxonomie eingebettet ist, durch das Paradigma bestimmt wird. Die Linnéische Taxonomie, auf die Margulis ausführlich (und würdigend) eingeht, ist nicht an und für sich das Problem, sondern eher die Zuordnung und Gruppierung von benannten Arten. Zu Taxonomien vgl. auch Ohl, Michael: „Taxonomien – Wie Ordnung in die Natur gebracht wird“, in: Deutschlandfunk (07.01.2024), https://www.deutschlandfunk.de/taxonomien-100.html (abgerufen am 28.04.2026).
20 Margulis: Der symbiotische Planet oder Wie die Evolution wirklich verlief, S. 72.
21 Ebd., S. 74-75.
22 Ebd., S. 75.
23 Im weiteren Verlauf des Kapitels 4 würdigt und kritisiert sie über einen spannenden Ritt in die europäisch-nordamerikanische Wissenschaftsgeschichte der Frühen Neuzeit bis heute eine Reihe weiterer Personen, darunter: John Ray (1627-1705) der ein erstes Nachschlagewerk mit Tausenden von Pflanzenarten erstellte; Antoni van Leeuwenhoek, dem niederländischen Erfinder des Mikroskops (1632-1723); Georges Cuvier (1796-1832), dem französischen Anatom, der Gattungen und Ordnungen „Verzweigungen“ zuordnete; natürlich Charles Darwin (1809-1882), der die Evolutionstheorie formulierte; Ernst Haeckel (1834-1919), der deutsche Naturforscher, der Darwins Lehre adaptierte; Herbert F. Copeland (1902-1968), dem kalifornischen Biologielehrer, der die „Monera“ Haeckels genauer unterschied zwischen Bakterien und Protoctisten; und schließlich Robert H. Whittaker (1924-1980), Professor an der Cornell University, der Copelands Taxonomie in fünf Reiche weiter entwickelte, woran sich auch Margulis und ihre Kollegin Karlene Schwartz orientieren. Quasi nebenbei erfahren Leser, die es über die Covid-19 Pandemie versäumt haben sollten, dass Viren keine Lebewesen sind, aber wahrscheinlich „anfangs strahlengeschädigte Stücke von Bakterienzellen“ waren und somit aus dem Leben herausgetreten sind. Ebd., S. 79 ff.
24 Ebd., S. 95-96.
25 Ebd., S. 98.
26 Ebd., S. 98-99.; Morowitz hat für seine These den etwas plakativen Vergleich zu Mayonnaise gewählt, vgl. Morowitz, Harold J.: Mayonnaise and the origin of life: thoughts of minds and molecules, New York: Scribner 1985.
27 Wohl aus Gründen des Umfangs lässt sie die Bedeutung des fruchtbaren Konflikts zwischen Louis Pasteur und Robert Koch unerwähnt. Margulis: Der symbiotische Planet oder Wie die Evolution wirklich verlief, S. 102 ff.
28 Ebd., S. 103.
29 Schon in Kapitel zwei betont sie, dass reproduktiver Sex nur der SET zu verdanken sei: „SET ist eine Theorie der Vereinigung, der Verschmelzung von Zellen mit unterschiedlicher Vergangenheit und unterschiedlicher Fähigkeiten. Vor der seriellen Endosymbiose und der Entstehung der aeroben, kernhaltigen Zellen gab es keine Sexualität durch Zellverschmelzung. Sexualität mit Meiose, wie bei der Befruchtung des Eies durch die Samenzellen, kam erst später. Die Endosymbiose machte unseren Verschmelzungssex erst möglich. Auch Sexualität ist eine Vereinigung, eine Verschmelzung von Zellen mit unterschiedlicher Vergangenheit und unterschiedlichen Fähigkeiten. Die verschmelzenden Zellen sind dabei eng verwandt, und die Verbindung ist umkehrbar, bei der Endosymbiose dagegen sind die beteiligten Zellen nur entfernt verwandt, und die Verschmelzung ist von Dauer.“ebd., S. 47.
30 Ebd., S. 136.
31 Ebd., S. 141.
32 Margulis: Der symbiotische Planet oder Wie die Evolution wirklich verlief, S. 147.
33 Ebd., S. 146.
34 McMenamin, Mark A.S. und Dianna L.S. McMenamin: „Hypersea and the land ecosystem“, in: Biosystems 31/2–3 (1993), S. 145–153; Margulis: Der symbiotische Planet oder Wie die Evolution wirklich verlief, S. 146.
35 Lovelock, James E.: Das Gaia-Prinzip: die Biographie unseres Planeten, Zürich München: Artemis & Winkler 1991; Lovelock, James E.: Unsere Erde wird überleben. Gaia – Eine optimistische Ökologie., übers. von. Constanze Ifantis-Hemm, München, Zürich: Piper 1982; Lovelock, James: The revenge of Gaia: earth’s climate in crisis and the fate of humanity, New York: Basic Books 2006.
36 Bei der Lektüre von Donna Haraways Buch »Unruhig bleiben« muss man hingegen den Eindruck gewinnen, Lovelock sei eine Randfigur gewesen, was der Darstellung von Margulis allerdings deutlich widerspricht. Die ansonsten nicht zur Bescheidenheit neigende Autorin stellt sich selbst als sekundierend dar.
37 Margulis: Der symbiotische Planet oder Wie die Evolution wirklich verlief, S. 155-156.
38 Ebd., S. 162.
39 Hüpkes, Philip: „Grundbegriffe des Anthropozän“, in: Ein Interdiszip. Lex. DFG-Forschungsprojekts »Narrative Anthr. Wiss. Lit. (2020).
40 „Er erkannte, dass man selbst vom Weltraum aus chemische Widersprüche in der Erdatmosphäre beobachten kann. Unsere Atmosphäre enthält dafür, dass Methan vorhanden ist, viel zu viel Sauerstoff. Eine Mischung aus diesen beiden Gasen ist sehr reaktionsfähig, und sie könnten in einer derart hohen Konzentration nicht nebeneinander existieren, wenn ihre Mengen nicht aktiv aufrechterhalten würden. Auch zahlreiche andere Gase sind in sehr unwahrscheinlichen, höchst instabilen Mischungsverhältnissen vorhanden. Wasserstoff und sogar Stickstoff reagieren in Gegenwart von Sauerstoff explosionsartig und doch existieren sie in der Erdatmosphäre nebeneinander.“ Margulis: Der symbiotische Planet oder Wie die Evolution wirklich verlief, S. 152.
41 Ebd., S. 144.
42 Ich selbst merkte bei der Lektüre, wie wertvoll der schulische Biologieunterricht war und wie viel begrifflich und bildlich davon hängen blieb, etwa dadurch, dass wirals Schüler Zellen und biologische Strukturen mitsamt ihrer Einzelbestandteile mit Farbstiften zeichnen und bezeichnen mussten; ich habe aber auch in Erinnerung – die mich freilich täuschen kann –, dass Symbiose nicht eindeutig als das unterrichtet wurde, als was es Margulis versteht: als konstitutiv für die Evolution.
43 Margulis: Der symbiotische Planet oder Wie die Evolution wirklich verlief, S. 171. Allerdings weist ein Asterisk auf eine weitere, auf Seite 45 nicht vorhandene Abbildung zu Blütenpflanzen. .
44 Ebd., S. 14.
45 Spirochäten sind gramnegative, spiralförmig-längliche Bakterien. Gramnegativ bedeutet, dass sich diese Bakterien von einer relativ robusten Hülle umgeben, was sie auch zu problematischen Krankheitserregern macht. Folgt man Margulis’ Theorie, dann könnte man mutmaßen, sie seien schon für andere Bakterien ein Problem gewesen, weshalb sie nicht abgeschüttelt werden konnten.
46 Margulis: Der symbiotische Planet oder Wie die Evolution wirklich verlief, S. 69.
47 Laborjournal: „Lynn Margulis: Nachruf und Interview « Laborjournal Blog“ (24.11.2011), https://www.laborjournal.de/blog/?p=3870 (abgerufen am 30.04.2026); Vgl. auch Kutschera, Ulrich: „Lynn Margulis: Symbiogenesis‐Theorie und Anti‐Darwinismus“, in: Biol. Unserer Zeit 42/1 (2012), S. 67–70.
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