Oft wird das Anthropozän mit Erdzeitalter des Menschen übersetzt. Doch was ist eigentlich ein Erdzeitalter, und wie lange dauert es? Mit Blick auf die epischen Längen der geologischen Zeitskala wäre es korrekter, von einem Zeitabschnitt oder einer Epoche des Menschen zu sprechen. Aber schauen wir uns erst noch einmal den Begriff und seine Herkunft an. Etymologisch wurzelt das Anthropozän als sogenanntes Kofferwort im Griechischen. Seine Grundbedeutung setzt sich aus zwei Bestandteilen zusammen:
- ánthropos (ἄνθρωπος) = Mensch
- kainós (καινός) = neu
Die Wortbildung entspricht einem in der Geologie üblichen Schema, woraus das Hauptwort Anthropozän und das nur in der Fachsprache verwendete Adjektiv anthropozoisch entstehen. Die Suffixe ( = Endsilben) finden sich auch in anderen erdgeschichtlichen Zeitabschnitten bzw. Epochen:
- Suffix (von kainós entlehnt): -zän
- Suffix (von kainós, für Adjektive): -zoisch
Das Anthropozän soll sich, wenn es nach den Befürworter:innen des Begriffs geht, von nun an in eine Reihe mit den vorangegangenen geologischen Epochen der Erdgeschichte (Geochronologie) stellen, von denen die jüngste und aktuellste das Holozän bildet. Holozän (adj. holozoisch) bedeutet „der vollkommen neue Zeitabschnitt“, der die gegenwärtige Phase der Erdgeschichte umfasst, und dessen Beginn auf die Zeit vor zirka 11.700 Jahren angesetzt wird. Das Holozän folgt dem Ende der letzten Kaltzeit, die wiederum zum Pleistozän gerechnet wird. In Europa ist die letzte Eiszeit auch als Weichsel-Kaltzeit bekannt (im Alpenvorland als Würm-Kaltzeit), weil die Gletscher Nordeuropas damals bis ungefähr an die heutige Weichsel vorgedrungen waren. Sowohl Homo sapiens als auch der Neandertaler lebten bereits damals in Europa.
Das Alt-Holozän ging menschheitsgeschichtlich mit einer wichtigen Wende einher, der sogenannten Neolithischen Revolution. Dieser wichtige Einschnitt ist sogar kennzeichnend für das Neolithikum, auch bekannt als Jungsteinzeit: Ausgehend vom sogenannten Fruchtbaren Halbmond zwischen Levante und Mesopotamien breiteten sich Sesshaftigkeit und Ackerbau über Anatolien, die Ägäis, den Balkan und Pannonien immer weiter gen Norden in die jetzt klimatisch zugänglicheren, wirtlicheren Gebiete Mitteleuropas aus. Erst diese Revolution legte die Grundsteine für das, was wir im Allgemeinen unter ‚Zivilisation‘ verstehen, wodurch besonders im früheren Geschichtsverständnis jedoch auch ein abschätziger Blick auf Nichtsesshaftigkeit (Nomadismus) einherging. Diese Haltung ist teilweise bis heute zu beobachten.
An der Gleichzeitigkeit und Überschneidung der Begriffe Neolithikum (Jungsteinzeit) und Holozän sehen wir schon eine Doppelstruktur der Periodisierung, die auch für die Diskussion über das Anthropozän wichtig ist: Das Holozän wird einerseits in drei geologisch definierte Stufen untergliedert (Grönlandium, Nordgrippium, Meghalayum), andererseits aber auch in Epochen der Menschheitsgeschichte, die von der Mittelsteinzeit über die Jungsteinzeit, Bronzezeit und Eisenzeit bis zur Frühgeschichte reichen. Von da aus ist es nur noch ein Katzensprung in die Antike.
Die Kategorisierungen der Menschheitsgeschichte zentrieren den Mittleren Osten und Europa stark, was mit Machtverhältnissen, Wissenschaftsgeschichte, Feldforschungslokalitäten und den entsprechenden Kategorisierungen zusammenhängt – aber auch mit dem Verständnis, dass Zivilisation mit Sesshaftigkeit und Städtebildung einhergeht und wo die Reste der ersten menschlichen Sidelungen gefunden wurden. Die frühesten, teils sehr großen städtebaulichen Zeugnisse der Menschheit finden sich in Mesopotamien und im Industal. Die Verknüpfung von Zivilisation und Urbanisierung betrifft sowohl das maßgeblich vom Christentum informierte, europäische Verständnis von Zivilisation, als auch das islamische Zivilisationsverständnis (Hodgson, 1977), um nur die beiden größten zu nennen (für die das Judentum natürlich immer als wichtige Referenz zu verstehen ist).
Auch wenn uns Städte, ihre Ruinen und Hinterlassenschaften im kulturellen Gedächtnis verständlicherweise als verlässlichste Zeugen der ältesten Zivilisationen gelten, so war doch das eigentlich Revolutionäre an der Neolithischen Revolution der Übergang zur Feldwirtschaft, wofür eine gezielte Wassernutzung notwendig war. Deswegen waren die frühesten Zivilisationen zwischen Niltal, Mesopotamien und Industal allesamt Flusstalzivilisationen. An der Bedeutung des Wassers, besonders des Wassers von Fremdlingsflüssen in ariden oder semiariden Gebieten wie Mesopotamien, Persien und Ägypten, hat sich bis heute grundsätzlich nichts geändert, auch wenn die Methoden im Umgang mit Wasser heute ganz andere sind. Gerade die kursierenden Drohungen im jüngsten Golf-Krieg, die Meerwasserentsalzungsanlagen der hyperariden Golfstaaten anzugreifen und damit die Lebensgrundlage der dortigen Menschen zu zerstören, ruft in Erinnerung, wie stark und unverändert die Menschheit auf Süßwasser angewiesen ist, um Städte und urbane Zivilisationen zu gründen.

Vor dem Holozän war das Pleistozän (adj. Pleistozoisch) – was „der neueste Zeitabschnitt“ (populärwissenschaftlich: „Eiszeitalter“) bedeutet, worin in Relation zum Holozän („Völlig neuer Zeitabschnitt“) eine Nuance von „Neuheit“ zu lesen ist. Das Pleistozän wird ebenfalls in geologische Stufen (Gelasium, Calabrium, Chibanium, Tarantium) und menschheitsgeschichtliche Abschnitte untergliedert, sein Beginn vor zirka 2,588 Millionen Jahren angesetzt. Im Tarantium oder Jungpleistozän (auch: Oberes Pleistozän, Spätpleistozän) erfolgte die Verbreitung des heutigen Menschen, wofür die zirka 10.000-jährige Eem-Warmzeit (Beginn vor 130.000 Jahren, Ende vor 119.100 Jahren) bedeutsam war. Alle Abschnitte der Alt- und Mittelsteinzeit der Menschheitsgeschichte liegen im Pleistozän. Die letzte Eem-Warmzeit gilt als Vorgängerin der heutigen Warmzeit des Holozäns, dessen relativ anhaltende Warmzeit noch einmal unterstreicht, wie wichtig Klimaveränderungen und klimatische Bedingungen generell für die Entwicklung der Menschheit waren.
Es gibt einen wichtigen Unterschied zwischen Holozän und Pleistozän, der auch in der Debatte um die Berechtigung des Anthropozäns eine Rolle spielt: Die jetzige Warmzeit ist außergewöhnlich lang – und ihre Länge wurde durch die menschlichen Aktivitäten voraussichtlich noch einmal verlängert, wie das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) feststellt. Der jugoslawische Wissenschaftler Milutin Milanković (1879-1958) hatte herausgefunden, dass die Wiederkehr von Kalt- und Warmzeiten, die so typisch für das Pleistozän waren, ein Ergebnis der sich periodisch verändernden Neigung der Erdbahnachse in der Rotation der Erde um die Sonne war. Diese Zyklen werden deshalb nach dem sie beschreibenden Wissenschaftler als Milanković-Zyklen bezeichnet. Demnach wäre also theoretisch auch in Zukunft wieder mit einer Eiszeit zu rechnen, wenn auch erst in frühestens 50.000 Jahren. Doch die menschlichen Aktivitäten haben das bereits jetzt verhindert, so das PIK:
“Even without man-made climate change we would expect the beginning of a new ice age no earlier than in 50.000 years from now – which makes the Holocene as the present geological epoch an unusually long period in between ice ages,” explains lead author Andrey Ganopolski. “However, our study also shows that relatively moderate additional anthropogenic CO2-emissions from burning oil, coal and gas are already sufficient to postpone the next ice age for another 50.000 years. The bottom line is that we are basically skipping a whole glacial cycle, which is unprecedented. It is mind-boggling that humankind is able to interfere with a mechanism that shaped the world as we know it.” (Ganopolski, Winkelmann und Schellnhuber, 2016; Potsdam Institute for Climate Impact Research, 2016)
Wie Hans Joachim Schellnhuber vom PIK feststellt, verdankt die Menschheit den Eiszeiten vieles. Schellnhuber spricht von der Einflussnahme des Menschen als geologische Kraft, die bewirke, dass eine ganze Eiszeit übersprungen werde – und verwendet den Begriff Anthropozän:
“Like no other force on the planet, ice ages have shaped the global environment and thereby determined the development of human civilization. For instance, we owe our fertile soil to the last ice age that also carved out today’s landscapes, leaving glaciers and rivers behind, forming fjords, moraines and lakes. However, today it is humankind with its emissions from burning fossil fuels that determines the future development of the planet,” co-author and PIK-Director Hans Joachim Schellnhuber says. “This illustrates very clearly that we have long entered a new era, and that in the Anthropocene humanity itself has become a geological force. In fact, an epoch could be ushered in which might be dubbed the Deglacial.” (Potsdam Institute for Climate Impact Research, 2016)
Wir sehen also an diesen nur kurzen Betrachtungen, dass die Diskussion für und wider Anthropozän immer mindestens bis ins Pleistozän ausholen muss. Vor dem Pleistozän – und damit soll diese vereinfachte Betrachtung der Erdzeitalter für diese Diskussion vorerst abgeschlossen sein – lagen das Pliozän (adj. pliozoisch) und das Miozän (adj. miozoisch), die vor allem für die alpidischen Gebirgsbildungen der Alpen, des Zagros (Iran) und den Beginn der (anhaltenden) Himalaya-Auffaltung bekannt sind; auch die Entstehung der Rocky Mountains und die Positionierung der Kontinente und Ozeane über die seit Anfang des 20. Jahrhunderts bekannte Kontinentaldrift fällt in diese Abschnitte. Kurzum: die Erde nahm damals über fortschreitende tektonische Verschiebungen allmählich ihre heutige Oberflächengestalt an, die wiederum nur einen vorübergehenden Zustand anzeigt. Alles bleibt im Fluss, wenn man so will. Im Pliozän gab es zwar schon Menschen (Homini) oder Vormenschen – allerdings waren das keine Menschen im heutigen Sinn, sondern unsere Vorgänger, wie die Australopithecinen, die in Afrika lebten.

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Begriff und Merkmale des Anthropozäns
Hält man sich die langen Zeiträume vor Augen, mit denen die nur knapp umrissenen Zeitabschnitte bis hin zu den Äonen der Erdgeschichte bemessen werden, dann ist es nicht verwunderlich, dass sich die Geowissenschaften – vor allem die Geologie, aber auch Hydrologie, Glaziologie und andere Disziplinen – über den Begriff des Anthropozäns und seine Berechtigung nicht einig sind. Zwar vergrößert sich die Zahl der Befürworter:innen des Anthropozäns in den Geowissenschaften, aber es erscheint durchaus als überzeugendes Argument, die Veränderungen der geologischen Beschaffenheit der Erde durch den Menschen als „rezent“ – also sehr neu – einzustufen, was die Proklamation eines neuen Erdzeitabschnitts (analog zu Holozän) als fragwürdig erscheinen lässt. Viele, aber nicht alle Diskussionen zum Anthropozän in der Geologie und anderen Disziplinen fanden im Rahmen der 2009 gegründeten, interdisziplinären Anthropocene Working Group (AWG) statt. Einen vorübergehenden Abschluss fand die Diskussion 2024, als die International Commission on Stratigraphy den Begriff mehrheitlich abgelehnt hat. Doch um diese Entscheidung zu verstehen und um im Anschluss die Diskussion über das Anthropozän als normativen, politischen Begriff weiterzuführen, müssen wir uns zunächst die wichtigsten Argumente und Wegmarken auf dem Weg zu dieser Entscheidung anschauen.
Der Begriff Anthropozän taucht schon im 19. Jahrhundert auf. 1873 verwendete ihn bereits der italienische Geologe und Theologe Antonio Stoppani und sprach sich für eine neue Bezeichnung des Erdzeitabschnitts aus („era anthropozoica“), wie der dänische Geologe Paul J. Crutzen und sein US-amerikanischer Kollege Eugene J. Stoermer in einem folgenreichen Essay feststellen, den sie im Jahr 2000 veröffentlicht haben. In diesem Text postulierten die beiden das Anthropozän, was besonders Crutzen in der Folge durch weitere Publikationen bekräftigen würde (Crutzen, 2002, 2006; Rockström u. a., 2009; Crutzen und Schellnhuber, 2019; Crutzen und Stoermer, ohne Datum). Zwischen dieser ersten Wegmarke des Italieners Stoppani und dem Nachhall auf Crutzen und Stoermer haben sich auch noch weitere Personen für diesen oder ähnliche Begriffe ausgesprochen, wie unter anderem bei Gabriele Dürbeck genauer nachzulesen ist (Dürbeck, 2018).
Es gibt eine Reihe zentraler Merkmale des Anthropozäns, die beobachtet, beschrieben und als Grundlage für den postulierten Beginn der Epoche herangezogen worden sind. Grundsätzlich gibt es bei den Argumenten zwei unterschiedliche Perspektiven: (1) Die eine Perspektive ist ursachenorientert, indem zwar anthropogene Spuren nachgewiesen werden, aber noch nicht unbedingt eine epochenbildende Veränderung der Stratigrafie festgestellt werden kann – also eine substanzielle Veränderung der Sedimente selbst. (2) Die zweite Perspektive betrifft vor allem das dritte Zeitfenster, das für den Beginn des Anthropozäns angesetzt wird, nämlich die große Beschleunigung nach 1945, und ist effektzentriert: Hier stehen vollendete Tatsachen der Stratigrafie im Zentrum. Mit dieser Perspektive wird festgestellt, dass die Erdoberfläche nun so stark und vor allem irreversibel verändert ist wie nie zuvor im bisherigen Holozän – und zwar durch den Einfluss des Menschen. Diese zweite Perspektive entspricht auch grundsätzlich der Perspektive der Stratigrafie, die sich bei Periodisierungen immer rückblickend auf vollendete Tatsachen (bzw. Sedimente, Mineralien, Fossilien, etc.) stützt und erst dann die Ursachen für die Veränderungen deduktiv zu erklären versucht.

In der Geologie und Mineralogie, aber auch in der Biologie, Paläontologie und anderen beschreibenden Naturwissenschaften spielt seit jeher die Typlokalität (locus typicus) eine zentrale Rolle, wenn es darum geht, ein (im Fall des Anthropozäns geologisches) Phänomen erstmals zu beschreiben. Gemeint ist damit im Grunde einfach der Ort, an dem etwas beschrieben wird. Viele historische Typlokalitäten befinden sich an Orten, wo die frühe Geologie (bzw. ihre Vorgängerdisziplinen wie Geodäsie) sich als wissenschaftliche Disziplin entfalten konnte. Oft handelt es sich dabei um einen geologischen Aufschluss, was nichts anderes bedeutet, als dass sich die beschriebene geologische Formation an der Erdoberfläche befindet. In der Nähe von Berlin ist das zum Beispiel in Rüdersdorf der Fall, wo sich der einzige signifikante Muschelkalksteinaufschluss der Norddeutschen Tiefebene befindet, die ansonsten von postglazialen Schichten des Pleistozäns bedeckt ist. Durch die gleichzeitige Nähe zu Wissenschafts-, Wirtschafts- und Machtzentren des 19. und frühen 20. Jahrhunderts diente deshalb gerade dieser Ort als Typlokalität für viele geologische Phänomene, die im Prinzip auch an anderen Orten hätten erstbeschrieben werden können. Ein weiteres Beispiel ist der Karst: Der Begriff bezieht sich ursprünglich auf das Karst-Plateau (Krš / Kras) im Triester Hinterland Sloweniens und Italiens, wird aber seit langem weltweit herangezogen, um unterirdische und oberirdische Geländeformen in Karbonatgesteinen zu beschreiben, die sich grundsätzlich ähnlich formen und verändern.
Was nun das Anthropozän angeht, wurden die Argumente, Messdaten und Beweisführung von ganz unterschiedlichen Orten zusammengetragen, unter anderem aus antarktischen Eisbohrkernen, aus Baumringen unterschiedlicher Orte, Sedimenten, Ozeanböden, Vulkangipfeln und anderen Orten. Als Orte für die Typlokalität des Anthropozäns wurden neben den antarktischen Eisbohrkernen unter anderem auch das Östliche Gotlandbecken in der Ostsee, das Flinders-Riff in Australien, oder das Torfmoor an der Śnieżką (Schneekoppe) in Polen erwogen. Erst vor zwei Jahren (2023) einigte man sich dann auf den Crawford Lake im kanadischen Ontario, der meromiktisch ist: Die Wasserschichten des Sees durchmischen sich nicht, weshalb alles, was dort auf den Grund sinkt, sich übereinanderlegt und sedimentiert. Aus diesem Grund galt der See als idealer Ort für die Bestimmung des Anthropozäns (Will und Trischler, 2025).

Ein ganz grundsätzliches Merkmal und Argument für das Anthropozän besteht darin, dass die Veränderungen des Erdsystems anthropogen sind, was nichts anderes bedeutet als „menschengemacht“. Stichpunktartig lassen sich folgende Merkmale aufzählen, nach denen man entsprechend am Crawford Lake und an anderen Orten suchte, wobei den Plutoniumspuren Vorrang eingeräumt wurde (Walker u. a., 2018; Crutzen und Schellnhuber, 2019; Edgeworth u. a., 2023, 2023; Merritts u. a., 2023; Crutzen und Stoermer, ohne Datum):
- Geochemische Signale, zum Beispiel Radionuklide aus Atombombentests (v.a. Plutonium), können als primäre stratigraphische Referenzpunkte nachgewiesen werden, die auch „Golden Spike“ (wörtlich: „Goldener Nagel“) genannt werden: Sie markieren die oberste Schicht eines neuen Sediments. Oft ist auch die Rede von einem faziellen Übergang, zum Beispiel zwischen zwei Sedimentschichten der europäischen Trias wie Muschelkalk und Buntsandstein.
- Eine signifikante Menge technischer Materialien – sogenannter Technofossilien: die globale Verbreitung von Kunststoffen, Beton, Aluminium und synthetischen Fasern, die sich in Sedimenten ablagern. In der heutigen Diskussion gilt Mikroplastik beispielsweise zunehmend als solches Technofossil, weil es sich weltweit findet.
- Klimawandel, verursacht durch den massiven Anstieg von Treibhausgasen wie CO2 und Methan in der Atmosphäre, hervorgerufen durch Verbrennung fossiler Energieträger (Öl, Gas, Kohle, Torf, etc.).
- Biologische Globalisierung: Massenaussterben von Arten, Verringerung der Biodiversität und weltweite Verbreitung invasiver Arten (z.B. sogenannter Neozoen und Neophyten).
- Veränderung der Erdoberfläche: Es kommt zu massiven Sedimentverlagerungen durch Bergbau, Landwirtschaft und Urbanisierung. Ein sehr plastisches Beispiel dafür bietet der Steinbruch von Rüdersdorf und die Entstehung der Millionenstadt Berlin.
- Stickstoff- und Phosphorkreisläufe: Dopplung der globalen Zufuhr von reaktivem Stickstoff durch Düngemittel.
Man wurde am Crawford Lake durchaus fündig und die Daten taugten durchaus zum genannten „Golden Spike“:
Damit lagen alle für den Anstoß des offiziellen Ratifizierungsprozesses benötigten Analyseergebnisse vor: Das Anthropozän habe 1952, während der Großen Beschleunigung, begonnen und sei als geologische Epoche zu verorten; der Bohrkern vom Grund des Crawford Lake solle als GSSP dienen, mit Plutonium als Primärmarker.(Will und Trischler, 2025)
Vorgeschlagene Anfangszeiträume des Anthropozäns
Nicht nur der Begriff selbst ist umstritten: Auch für den Beginn des Anthropozäns gibt es unterschiedliche Datierungsvorschläge, von denen hier nur die drei wichtigsten Zeitfenster bzw. Zeitpunkte genannt seien. Erstens (und kaum überraschend) wird die Industrielle Revolution ab Mitte des 19. Jahrhunderts genannt, wobei es außerdem noch frühere Datierungsvorschläge gibt, die bis in die Frühe Neuzeit und sogar bis zur Neolithischen Revolution zurückreichen: Der Paläoklimatologe Wiliam Ruddiman argumentierte in seiner Early Anthropocene Hypothesis, dass der CO2-Anteil bereits durch das anthropogene Aussterben der pleistozoischen Megafauna und die frühen Rodungen und landwirtschaftlichen Tätigkeiten signifikant gestiegen sei (Ruddiman, 2003; Ruddiman u. a., 2020; genauer nachzulesen bei Will und Trischler, 2025). Andere Autoren, wie der Forstwissenschaftler Wilhelm Bode oder der Umwelt- und Technologiehistoriker Joachim Radkau (u.a.), haben hinsichtlich der Holzknappheit in Europa vor der eigentlichen Industrialisierung beschrieben – ohne dabei den Begriff Anthropozän zu verwenden – dass bereits seit dem Mittelalter eine grundlegende, anthropogene Veränderung der Natur in Europa stattfand, insbesondere der Wälder (Schultze, 1915; Radkau, 1986; Hürlimann, 2004; Behringer, 2020; Möller und Bode, 2021; Bode, 2024; Bode u. a., 2024; Schad, 2025a, 2025b). Die Geografen Simon Lewis und Mark Maslin dagegen, die auf der Grundlage antarktischer Eisbohrkerne argumentieren, setzen das Jahr 1610 an, weil sie für dieses Jahr einen vorübergehenden Rückgang des CO2-Gehalts in der Atmosphäre beobachten; Lewis und Maslin haben für diesen Kontext den Begriff „Orbis Spike“ geprägt (Lewis und Maslin, 2015; Will und Trischler, 2025). Dieser wird als Folge der nordamerikanischen Genozide an der indigenen Bevölkerung ausgemacht, was eine Wiederbewaldung zur Folge hatte, einhergehend mit dem „kolumbianischen Austausch“ von Pflanzen, Tieren, Krankheitserregern und anderen Organismen zwischen der sogenannten Alten Welt (die Amerikas) und Neuen Welt (Europa, Asien, Afrika).

Zweitens wurde die erste Atombombenzündung der Menschheit am 16. Juli 1945 im Rahmen der sogenannten „Trinity-Tests“ in der Wüste von Los Alamos/New Mexico vorgeschlagen (Müller, 2025; Will und Trischler, 2025). Die bereits genannten Lewis und Maslin argumentieren neben dem Orbis Spike auch für das sehr viel spätere Jahr 1964 – und für den „Bomb Spike“, weil ab 1964 sowohl in Eisbohrkernen, als auch in Jahresringen von Kiefern ein erhöhter radioaktiver Kohlenstoffanteil nachweisbar sind. Diese Spuren haben zweifellos anthropogene Ursachen, nämlich die inzwischen zahlreichen Atombombenzündungen durch die Atommächte, hauptsächlich in Atomtests (Lewis und Maslin, 2015; Will und Trischler, 2025).
Die dritte große Wegmarke, die als Wendepunkt für den Beginn des Anthropozäns vorgeschlagen worden ist, ist die große Beschleunigung nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945. Genauer gesagt werden die Jahre 1957-1960 als Wende genannt, beginnend mit dem fortan kontinuierlich beobachteten Aufwärtstrend in der Konzentration von CO2 in der Atmosphäre, wie in der sog. Keeling-Kurve beschrieben und dokumentiert ist:
Im Jahr 1957 legte Charles Keeling anlässlich des Internationalen Geophysikalischen Jahres , das den Geo- und Klimawissenschaften zu einem nachhaltigen Entwicklungssprung verhalf, eine langjährige Messreihe vor, die ihm Berühmtheit eintragen sollte. Keeling wollte mit seinen Messungen die jahreszeitlichen Schwankungen der CO2-Konzentration in der Atmosphäre nachweisen und damit gewissermaßen das Ein- und Ausatmen der Biosphäre im Jahreszeitenrhythmus veranschaulichen. Als Messbasis wählte er mit dem Mauna Loa auf Hawaii einen Ort, der, abgelegen von großen Städten und weitab der Kontinente, ein Bild versprach, das nicht durch Umweltverschmutzung gestört war. Eher unerwartet wurde der Jahresrhythmus von einer zweiten Entwicklung überlagert: einem kontinuierlichen Aufwärtstrend in der Konzentration von CO2 in der Atmosphäre. Die sogenannte Keeling-Kurve gehört heute zu den Ikonen der Klimaforschung, weist sie doch exemplarisch die Anreicherung des Treibhausgases in der Atmosphäre nach.(Behringer, 2020, S. 245)
Obwohl alle genannten Argumente sowie die erhobenen Daten überzeugend wirken, entschied ein mehrheitliches Gremium der International Union of Geological Sciences (IUGS) 2024, das Anthropozän nicht zu ratifizieren. Das sei hauptsächlich auf die sehr kurze Zeitspanne zurückzuführen, so Will und Trischler, in der das Anthropozän nach den Argumenten seiner Proponenten angebrochen sei. Deswegen wird auch darüber diskutiert, ob es sich beim Anthropozän nicht eher um ein Ereignis handle, das auf lange Sicht keine Epoche rechtfertige, aber dennoch die anthropogenen Fakten in Rechnung stelle. Die Stratigrafie, so Will und Trischler,sei eine strukturkonservative Profession, deren Gegenstände Zeitperioden von mehreren Millionen Jahren sei (Bauer u. a., 2021; Gibbard u. a., 2022; Head u. a., 2022; Edgeworth u. a., 2023; Chakraborty, 2025; Will und Trischler, 2025). Damit sei aber die Diskussion insgesamt – auch innerhalb der Geologie – trotzdem nicht vollständig vom Tisch, sondern könne zu einem späteren Zeitpunkt, womöglich unter stärkerer Gewichtung anderer Disziplinen, erneut geführt werden (Will und Trischler, 2025).
Für das Verständnis von Anthropozän, das im Open Science Projekt Neopopulismus auf der Suche nach alternativen Sicherheitskonzepten aufgenommen wird, spielen neben der Geologie ohnehin kulturelle, sozialpsychologische, historiografische, politikwissenschaftliche und anthropologische Faktoren eine größere Rolle als die Frage nach dem Paradigmenwechsel in der Geologie. Deswegen geht es im zweiten Teil des Beitrags um Narrative des Anthropozäns und das Für und Wider in den Geistes- und Sozialwissenschaften.
Referenzen
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