Vorbemerkung: Dieser Beitrag ist eine kurze Version einer entstehenden, kompakten Monographie über die Position von Kalkstein und Zement im Anthropozän.
Wer heute die großen Probleme und Schieflagen unserer Zivilisation thematisiert landet schnell bei den Themen Digitalisierung, KI, Oligarchisierung und Demokratieverfall. Genauso schnell werden diese Auseinandersetzungen „uneigentlich“ — und uneigentlich ist hier in einem ganz wörtlichen Sinn zu verstehen: Haptisch kaum fassbare Backends, Algorithmen, Contents, die sozialpsychologischen Folgen digitaler Technologien stehen im Zentrum der Aufmerksamkeit — aber immer weniger sind es konkrete „Dinge“, Materialien, Stoffe. Das Uneigentliche scheint gewissermaßen über das Eigentliche zu triumphieren. Dass nicht nur die Masse digitaler Endgeräte, sondern besonders die immer größeren Rechenzentren gewaltige Energiemengen verbrauchen und durchaus materiell sind, das ist in den letzten Jahren glücklicherweise verstärkt ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Und doch ist damit das materielle Fundament unserer Zivilisation, das so eigentlich und mächtig ist wie noch nie zuvor, höchstens angekratzt.
Doch was soll das sein, das Fundament unserer Zivilisation? Aus Sicht des tschechisch-kanadischen Energie-Experten Vaclav Smil, autor des Buches Wie die Welt wirklich funktioniert, setzt sich dieses aus vier Säulen zusammen: Ammoniak, Stahl, Kunststoffe, Zement. Alle vier Säulen, gerade das bodenverändernde Ammoniak und seine revolutionären Folgen für die Landwirtschaft, verdienen größte Aufmerksamkeit. Ich werde mich in diesem Beitrag und in Folge meiner zurückliegenden, jehrelangen Beschäftigung mit Baustoffen jedoch auf die Betrachtung letzterer Säule beschränken, wofür ich eine Podcast-Serie des österreichischen Radiosenders ORF dankbarerweise zum Ausgangspunkt nehmen kann.

Kaum etwas in meinem Südosteuropa- und Türkei-lastigen, eher an Migration, Alltagskultur, Gewaltgeschichte und Sprachen interessierten Lebenslauf hatte zuvor darauf hingedeutet, dass ich mich einmal so ausführlich mit der tatsächlich faszinierenden Geschichte von Baustoffen wie Zement, Beton und dem Grundstoff Kalkstein auseinandersetzen würde. Doch genau darum ging es bei mir in den letzten Jahren eigentlich täglich: Von 2022-2023 war ich damit beschäftigt, einen Masterplan des Museumsparks Rüdersdorf zu verfassen, was eher dem Studium eines Aufbau-Masters mit Modulen in Teildisziplinen wie Geologie, Chemie, Physik und Geschichte Ostdeutschlands gleich kam. Parallel dazu war ich als Gästeführer vor Ort tätig, nicht zuletzt, um mich selbst immer besser mit der Geschichte vertraut zu machen. Schließlich war ich für eineinhalb Jahre als Historiker im Museumspark angestellt, und in dieser Funktion hatte ich im Frühjahr 2025 die Gelegenheit, den Wissenschaftsjournalisten Conrad Kunze zu einem langen Gespräch zu treffen und an zwei von vier Podcast-Beiträgen unter dem Titel Zurück zum Beton — das Bauen mit Zement des Programms Radiokolleg mitzuwirken. Die Beiträge wurden von Conrad Kunze und Alexandra Augustin erstellt und sind seit Ende August 2025 über die Mediathek von ORF sowie bei den üblichen Plattformen abrufbar.
In diesem Beitrag fasse ich die vier Podcast-Folgen zusammen, übernehme ihre Titel als gliedernde Überschriften und verlinke sie. Am Ende ziehe ich drei Rückschlüsse zur Rolle von Baustoffen in der longue durée des sogenannten Anthropozäns, zur Materialität und Dinglichkeit von Geschichte, sowie zur Problematik, angesichts von Klimabilanz und Wohnungsnot zu praktikablen Lösungen zu gelangen. Damit stelle ich den Bezug zum Neopopulismus-Projekt her, dessen Anspruch es schließlich ist, in größeren Kontexten zu denken — mindestens groß und tief genug, um die Genese dessen mitzudenken, was heute fast schon selbstverständlich Anthropozän genannt wird.
Wie die folgenden Abschnitte, besonders aber die vielen Stimmen in den einzelnen Podcast-Folgen und natürlich die Recherchen von Kunze/Augustin zeigen können, geht es dabei um sehr eigentliche Fragen, die uns in Zeiten aufgeheizter Meinungslager und Diskurse vermutlich sehr viel häufiger beschäftigen sollten. Dies böte uns (ähnlich wie die Beschäftigung mit dem Thema Dauernutzwald) auch die Gelegenheit, sich mehr Gedanken über ganz konkrete Lösungsmöglichkeiten und ihre Grenzen zu machen. Weil allzu einfache Ausstiegsszenarien schnell wohlfeil und unrealistisch wirken, kann diese Auseinandersetzung hoffentlich auch helfen, sich in einer gewissen Demut vor übereilten Schüssen der Kritik zu hüten.
Vom Pantheon zum Plattenbau
Einleitend zu Teil 1 (Vom Pantheon zum Plattenbau) betonen die Podcaster zuerst die enorme Bedeutung von Gebäuden aus Beton und Zement, denn der künstliche Stein nimmt innerhalb der anthropogenen oder menschengemachten Masse eine besonders prominente Stellung ein. Oder, wie es im Teaser des Podcasts heißt: „Der Mensch hat eine zweite Welt aus Beton erschaffen“. Wie fast alles im Spektrum der menschlichen Wirtschaftsweise hat die Zementproduktion ihre Schattenseiten: Zirka acht Prozent aller Treibhausgase werden über die Zementproduktion emittiert. Das Gesamtgewicht der anthropogenen Masse beschäftigt seit Jahren die Wissenschaft, ihre Dimension ist schwer fassbar. Vielleicht macht es ein simpler Vergleich einfacher, wie es in einem Radiobeitrag auf DLF zugespitzt wird: Wir wissen, dass der eiserne Eifelturm mehr wiegt als alle verbliebenen Nashörner der Erde zusammen. Zement hingegen kann in seinem Gesamtausmaß nicht in Nashörnern aufgewogen werden, denn es macht „den Löwenanteil“ der anthropogenen Masse aus, wie im selben Beitrag festgestellt wird. Auch aus diesem Grund erscheint es sinnvoll, sich auf einen einzelnen Standort der Zementproduktion zu konzentrieren, der es ermöglichen würde, das Große im Kleinen zu erfassen. Mir fällt dafür kein geeigneterer Standort als Rüdersdorf bei Berlin ein, weil es aufgrund der geologischen Singularität des dortigen Kalksteinaufschlusses zu einer einzigartigen Kontinuität von über 770 Jahren aktiven Bergbaus gekommen ist.

Will man die gesamte Geschichte des Zements begreifen, so muss man dafür zunächst in verschiedene Epochen des Erdmittelalters zurückgehen — als nämlich die riesigen Kalksteinlager entstanden sind, die mit dem (Muschel-)Kalk den Grundstoff jeder Zementproduktion liefern. Ohne verfügbaren Kalkstein, das ist die Faustregel, gibt es keinen Zement. In Rüdersdorf bei Berlin, wo sich ein für das norddeutsche Tiefland einzigartiger geologischer Aufschluss von Muschelkalk inmitten der Weiten postglazialer Schichten aus dem Quartär befindet, stammt der Muschelkalk von den Sedimenten aus Muschelschalen und Überresten anderer Schalentiere des Urzeitmeeres Tethys der Trias ab. Andernorts, etwa in Solnhofen oder auf der Insel Rügen, gehen die Kalk- und Kreidevorkommen auf die spätere Jurazeit zurück. Während es moderne Transportmöglichkeiten seit der Eisenbahn erlauben, prinzipiell unabhängig von Kalksteinaufschlüssen Zement zu produzieren, waren Kalkvorkommen früher mindestens mitausschlaggebend für die Enwicklung so großer Städte wie Berlin, deren bauliche Entwicklung ohne das nahegelegene Kalkvorkommen mit Sicherheit einen anderen Verlauf genommen hätte. Freilich ist gerade im Fall Berlins auch die bereits vor der Eisenbahn genutzte Schifffahrt zu nennen, denn, wie es so oft heißt: Berlin wurde aus dem Kahn gebaut.
Obwohl Zement und Beton zurecht als stilgebende, moderne Baustoffe gelten, bedeutet das nicht, dass es Zement nicht schon früher und an anderen Orten gegeben hätte: Bereits die Römer wussten, wie man durch die Herstellung und Verwendung des sogenannten Opus caementitium, des sogenannten römischen Betons, unter Zugabe vulkanischen Tuffsteins Gebäude besonders stabil und sogar unter Wasser haltbar machen konnte: Im Unterschied zum seit dem Neolithikum bekannten Kalkmörtel ist Zement in der Lage, unter Wasser abzubinden (zu erhärten). Dieser frühen Technologie ist auch die Kuppel des Pantheons zu Rom zu verdanken, wo sie nach fast 2000 Jahren noch immer als größte und intakte, je gebaute Struktur aus unbewehrtem Beton (d.h. ohne Stahlträger o.ä.) besichtigt werden kann. Und auch damals, so könnte man sagen, war Zement schon stilbildend — denn an die Kuppel des Pantheons lehnen sich zahlreiche weitere, weltbekannte Gebäude an. Der römische Beton ist in seiner Dauerhaftigkeit unübertroffen, was kurioserweise an der Grobheit der verwendeten Kalkklumpen liegt, die den Bauwerken die Möglichkeit bieten, sich quasi selbst zu „reparieren“.
Es geht in der ersten Podcast-Episode aber auch und besonders um die moderne Baustoffgeschichte rund um Zement und Beton in Europa, Deutschland und Berlin — von der Erfindung des Portlandzements in England über die ersten Fabriken in Rüdersdorf (1885) und den „Stoff, aus dem Berlin gemacht wurde“. Aus diesem Grund ist diese Folge vor allem interessant für Menschen, die besser verstehen möchten, wie sich die Stadt Berlin zwischen 1871 und 1914 in kürzerster Zeit vervierfachen konnte, oder auch, aus welchen Baustoffen einige der bekanntesten Gebäude der Stadt gebaut wurden. Sobald einem bewusst ist, wie viele und welche Gebäude in Berlin und Potsdam aus Rüdersdorfer Muschelkalk und seinen Derivaten bestehen, geht man vielleicht mit anderen Augen durch die Stadt; es leuchtet dann durchaus ein, warum der riesige, seit über 770 Jahren kontinuierlich aktive Kalksteintagebau in Rüdersdorf manchmal als „Negativabdruck der Stadt Berlin“ bezeichnet wird. Davon kann man sich am besten direkt vor Ort mit eigenen Augen überzeugen.

Ökologie und einstürzende Neubauten
In Teil 2 (Ökologie und einstürzende Neubauten) werden die bereits genannten Schattenseiten der Zement- und Betonproduktion vertieft behandelt, wozu es zunächst einmal nötig ist, sich mit den Eigenschaften der Rohstoffe zu beschäftigen. A propos „einstürzende Neubauten“, was ich hier nicht vertiefen werde: einen nicht unbeträchtlichen Anteil des Bauaufkommens macht die Instandhaltung von Gebäuden aus. Auch dieser Aspekt ist in jede Kritik des Bauwesens einzubeziehen — denn wer möchte schon, dass Brücken, Schulen oder Hochhäuser einstürzen?
Doch kommen wir zu den ökologieschen Aspekten. Kalkstein und Sand, die Hauptbestandteile des Klinkers — das klingt erst einmal vergleichsweise harmlos. Daneben sind für die Zementproduktion auch Tonerde, Wasser, Asche, Kies und, je nach gewünschtem Produkt, weitere Zutaten wie Stahl für den heute verbreiteten Stahlbeton nötig. Doch um den Prozess erfolgreich umsetzen zu können, sind enorme Ressourcen nötig — und es werden gewaltge Mengen an CO2 freigesetzt. Dies geschieht in zwei Schritten: Erstens setzt der Kalkstein beim Brennen in Drehrohröfen, (historisch) in Kammeröfen, in Schacht- und/oder Ringöfen im Kalkstein gebundenes CO2 frei; zweitens benötigen die Öfen zum Erreichen extrem hoher Temperaturen von weit über 1000° Celsius Ressourcen, die noch sehr viel mehr CO2-Emissionen in die Bilanz einzahlen. Weitere Probleme und Kollateralschäden entstehen durch die Versiegelung von Böden und Flächen, Wassermangel, Abholzung oder Verknappung von Ressourcen — darunter sogar Sand und Kies.
Neue Baustoffe und die Idee einer Bauwende
Teil 3 (Neue Baustoffe und die Idee einer Wende) befasst sich aus all diesen Gründen und angesichts der anthropogenen Klimakatastrophe — deren Teil das Bauwesen ebenso ist wie alle anderen emittierenden Produktionsweisen — mit bereits bestehenden, möglichen oder denkbaren Alternativen und Lösungsansätzen. So wäre es denkbar, nicht so viele bestehende Gebäude abzureißen, sondern stattdessen zu sanieren oder umzunutzen, weshalb vom Bund deutscher Architektinnen und Architekten 2022 ein Abrissmoratorium vorgeschlagen worden ist. Weitere Möglichkeiten, die immer wieder diskutiert und teilweise auch umgesetzt werden, sehen alternative und nachhaltigere (das heißt vor allem: weniger energieintensive sowie nachwachsende) Baumaterialien wie Lehm, Holz und teilweise Ziegel vor. Auch in Rüdersdorf wurde dies bereits diskutiert, so zum Beispiel im Rahmen einer Podiumveranstaltung zum Thema Bauen in der Klimakrise im Herbst 2024, an der eine Vorstandsvertreterin von CEMEX Deutschland, dem örtlichen (mexikanischen) Zementunternehmen, sowie eine Vertreterin der NGO Cradle to Cradle (einer Lobbyorganisation für Kreislaufwirtschaft) teilgenommen und miteinander diskutiert haben.
Der Traum vom grünen Zement
Diese Fragen sind so relevant und herausfordernd, dass sie im vierten Podcast-Teil (Der Traum vom grünen Zement) auch unter dem Gesichtspunkt behandelt werden, dass Zement und Beton unter den gegenwärtigen Bedingungen und Bedrüfnissen teilweise durchaus als alternativlos gelten müssen. Es ist tatsächlich schwer vorstellbar, wie stabile und sichere Brücken, Unterwasserkonstruktionen und andere Bauwerke ohne Zement gestaltet werden sollten. Gleichzeitig wird weltweit und besonders in prosperierenden oder „nachholenden“ Wirtschaftsräumen so viel gebaut wie noch nie — eine Entwicklung, die ihrerseits nicht unkritisch betrachtet werden sollte, und zwar besonders dann, wenn sich die Baubranche in den Händen oligarchischer Unternehmer mit Nähe zu populistischen und autokratischen Herrschern befindet.
An dieser Stelle ist ein kurzer Exkurs in die Megacity Istanbul sinnvoll, in der ich mehrere Jahre gelebt habe und wo ich die Entwicklung zur sprichwörtlichen Betonwüste beobachtet habe, die sehr stark an Lebensqualität eingebüßt hat. Im hervorragenden Dokumentarfilm Ekümenopolis: ucu olmayan şehir (Ökumenopolis: Stadt ohne Grenzen) von İmre Azem, bereits aus dem Jahr 2011, wird dieser Prozess eindrucksvoll nachgezeichnet. Wird der Städtebau konsequent falsch und verantwortungslos vorangetrieben, was leider auch in Istanbul der Fall ist, kann das katastrophale Folgen zeitigen — wenn etwa Grundwasserleiter (Aquifere) und weitere natürliche Speicher durch rücksichtslosen Bau und Wirtschaftsaktivität versiegen. Genau das ist am Beispiel Teherans gerade zu beobachten. Die iranische Hauptstadt, wo je nach Zählung und Erfassung des Stadtgebiets zwischen acht und 15 Millionen Menschen leben, hat kein Wasser mehr, und so unglaublich es klingt wird gerade ernsthaft darüber nachgedacht, die Stadt zu „evakuieren“. Es mag nicht ausgeschlossen sein, dass autokratische Regime die Zerstörung der eigenen Lebensgrundlage verhindern können, doch die Beispiele Istanbuls und Teherans und ihrer Umfelder offenbaren die Koinzidenz von autokratischer (bzw. zunehmend autokratischer) Herrschaft und „Katastrophenkapitalismus“. Auch hier und besonders durch die Rolle großer Holdings wird überdeutlich, dass Neopopulismus, Autokratisierung und naturräumlicher Klimawandel eng zusammenhängen und das Bauwesen eine durch und durch politische Sphäre darstellt.
Auch in Deutschland und Berlin lassen sich unschöne, antidemokratische Entwicklungen beobachten, was im fünfteiligen Dokumentarfilm Capital B — Wem gehört Berlin? für den Fall der deutschen Hauptstadt seit dem Jahr 1989 und den einzigartigen rechtlichen Grauzonen der Wendezeit nachgezeichnet wird. Angesichts des Wohnungsmarkts in Berlin und anderen Städten, der sicher auch auf andere Probleme als das Fehlen von Bauaktivitäten zurückzuführen ist, könnte man sich auch fragen, ob es sich um eine Sisyphosarbeit handelt: Die Weltbevölkerung wächst, der Wohnraum verknappt, die Erderwärmung nimmt zu. Wenn also Zement nicht gänzlich zu ersetzen sein wird und die vor aller Augen voranschreitende Obdachlosigkeit zu verhindern sein soll — kann es dann nicht vielleicht einen „grünen Zement“ geben, mittels dem „anständiger“ und klimabewusster als vorher weitergebaut werden kann?
CEMEX, der mexikanische Global Player, dem das ehemalige Zementwerk IV der DDR bei Rüdersdorf/Herzfelde heute und nach Übernahme von der Readymix AG gehört, arbeitet jedenfalls nach eigenen Angaben unter Hochdruck daran, möglichst schon 2030 CO2-neutralen Zement zu produzieren. Dies ist unter anderem in der Ausstellung Zeitreise Zement im Museumspark Rüdersdorf nachzulesen — und so wünschenswert wie unwahrscheinlich. Grüner Zement wäre demnach eine Spielart der Vorstellung, es könne grünes Wachstum geben, was besonders im Umfeld der Grünen Partei intensiv diskutiert wird. Doch am Ende aller Argumente wirkt diese Diskussion immer noch wie die Quadratur des Kreises. Die grüne Ökonomin und Taz-Journalistin Ulrike Hermann kommt hinsichtlich letzterer Frage allerdings zu einer ganz eindeutigen Antwort, die der etablierten Wirtschaftswissenschaft und ihren politischen Apologeten bis hinein in die Grüne Partei nicht gefallen dürfte: Nein, grünes Wachstum gibt es nicht und kann es auch nicht geben. Ihr Vorschlag lautet stattdessen: grünes Schrumpfen.
Longue durée, Materialität und Eigentlichkeit unserer „anthropogenen Masse“
Die Geschichte der Baustoffe mag unter den großen Aufregern des öffentlichen Diskurses weniger prominent sein als Themen wie Digitalisierung und KI, fossile Brennstoffe und Energiewende, Mikroplastik oder Korallenbleiche. Ihre Relevanz mindert das nicht. Man muss bedenken, dass uns Zement und Beton auf Schritt und Tritt umgeben, sofern wir nicht zur verschwindend kleinen Gruppe von Menschen gehören, deren Leben sich tatsächlich noch hauptsächlich in Umgebungen und Gebäuden aus Holz-, Lehm-, oder Ziegelbauweise abspielen mag. Wie die vier Podcast-Beiträge und die vertiefte Auseinandersetzung mit der Geschichte von Baustoffen zeigen können, handelt es sich bei der Baustoffgeschichte um ein sehr weites und lohnendes — aber durch seine Ubiquität und Problematik auch sehr herausforderndes Feld für alle, denen am weiteren Geleit der Welt in der Polykrise der Gegenwart, an Umweltgeschichte und den global zu beobachtenden, sozialklimatischen Veränderungen gelegen ist.
Historiker führen gerne das Wort der Longue durée (lange Dauer) und beziehen sich dabei auf den französischen Historiker Fernand Braudel. Dieser hat mit dem Begriff eine Unterscheidung zur Ebene der mittleren Dauer (Moyenne durée) und der Ereignis-Ebene (événément) getroffen, wobei sich die longue durée durch besonders konstante, lang anhaltende Gegebenheiten oder Konstellationen von Akteuren im Zusammenspiel mit Landschaft, Umwelt, Klima und anderen Faktoren auszeichnet. Braudel hatte besonderen Wert auf Materialität und Alltagsgeschichte, aber auch auf die Wechselwirkung zwischen Naturraum und menschlicher Geschichte Wert gelegt. Ein besonders bekanntes Beispiel bieten das Zusammenwirken von Nil, dem fruchtbaren Niltal als außergewöhnlicher Lebenswelt inmitten einer ariden Zone, dem Zyklus der jährlichen Überschwemmungen und die damit korrelierende Stabilität der 3300-jährigen Pharaonenherrschaft.
Wer im Katalog einer Universitätsbibliothek den Begriff eingibt, findet schnell unterschiedlichste Adaptionen. Manchmal wirkt die Referenz eher wie ein eleganter Versuch, dem eigenen Untersuchungsgegenstand mehr historische Tiefe zu verleihen — während unter Umständen weiter unklar bleibt, was genau damit gemeint sein soll. Ich hatte mir in Bezug auf eigene Forschungsarbeiten in der Vergangenheit die Frage gestellt, ob man die Osmanische Herrschaft in Südosteuropa als longue durée erfassen könnte und bin eher wieder davon abgekommen. Andere Autoren wollen, wie die Desktoprecherche offenbart, gar in der Geschichte der früher staatstragenden Republikanischen Volkspartei (CHP) in der Türkei eine longue durée erkennen. Doch wie sieht es mit der Baustoffgeschichte aus, die ja zweifellos und für sich genommen ein fester Faktor in der Menschheitsgeschichte seit der Sesshaftwerdung ist? Kann sie selbst als Phänomen der longue durée gelten, oder wäre dies auch hier ein unpassender Begriff? Und wenn man es auf ein praktisches Beispiel einschränken wollte: Sind 770 Jahre, um bei der ins Spätmittelalter und zu den Zisterziensern zurückreichenden Geschichte des Kalksteinabbaus in Rüdersdorf bei Berlin zu bleiben, lange genug für die lange Dauer? Oder ist die gesamte Angelegenheit nicht doch zu allgemein?
Klar: in rein zeitlichen Dimensionen und Vergleichen kann die Konstellation des Vorhandenseins eines Kalksteinaufschlusses und der Urbanisierung Berlins nicht mit den ägyptischen Pharaonen mithalten — denn was sind schon acht Jahrhunderte gegenüber 3300 Jahren? Trotzdem könnte man, sofern man den Betrachtungsgegenstand nicht auf den Berliner Raum beschränkte, sondern auf das Anthropozän insgesamt bezöge und den Betrachtungsort pars pro toto zum Verständnis der Entstehung der heutigen anthropogenen Masse heranzöge, das Zusammenspiel zwischen Kalksteinaufschlüssen und der irreversiblen Veränderung des Antlitzes der Erdoberfläche durchaus mit dem Begriff der longue durée erfassen. Es wäre dann auch ohne weiteres denkbar und höchst plausibel, den Standort Rüdersdorf als lieu de mémoire des Anthropozäns zu betrachten und ihn dahingehend auszubauen.
Mein zweiter Gedanke hängt ebenfalls mit Braudels Gewichtung des Materiellen und der Alltagsgeschichte zusammen. Wer sein Lebenswerk an den Produktionsbänken, Brenn- und Hochöfen, Sortierbändern und Transportrampen industrieller Fabriken verortet, mag weniger empfänglicher für die eigenartige Romantik sein, die für eine wachsende Szene von sogenannten Lost Places-Anhängern von den verbleichenden Insignien der Industriemoderne ausgeht. Das mag damit zusammenhängen, dass diesen ehemaligen Werktätigen, Arbeiterinnen und Arbeitern (zu denen ich auch meine Eltern sowie weite Teile meines Herkunftsmilieus und natürlich die meisten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Museumspark Rüdersdorf zähle) die Bedeutung der Materialität von Geschichte und der von ihnen erzeugten Produkte aus der eigenen, lebensweltlichen Erfahrung immer schon bewusst gewesen ist — trotz aller Entfremdungseffekte. Ganz anders kann das bei Menschen aussehen, die in bildungsbürgerlichen Milieus sozialisiert wurden und das Innere einer Fabrik immer mit einem distanzierten Blick wahrnehmen, sofern sie einen solchen Ort, ob vor oder nach seiner Musealisierung, je betreten haben.1
Doch auch die alte Unterscheidung zwischen Arbeitern und Bürgerlichen ist zunehmend hinfällig. Immer weniger Menschen haben direkten Bezug zur Materialität unserer Zivilisation, was natürlich nicht heißt, dass es keine Arbeiter mehr gäbe und keine industrielle Produktion mehr stattfände — wobei natürlich besonders fragwürdig ist, ob die Scharen von Influencern und Vloggern des Plattformkapitalismus nun eher zu den Unternehmern oder zu den Arbeitern zu rechnen wären. Die Gesellschaften der Staaten des Globalen Nordens und Westens erleben weiterhin eine anhaltende, tiefgreifende Veränderung der Arbeitswelt, was mit der Transformation des Kapitalismus hin zum Plattformkapitalismus zusammenhängt, wie ihn Nick Srnicek beschrieben hat. Die Welt der materiellen Dinge, auch wenn es sich dabei um tatsächlich um greifbare Dinge von Amazon oder einer anderen Marktplattform handelt, ist immer undinglicher, uneigentlicher, beliebiger geworden.
Man kann heute leicht den Eindruck gewinnen, alles drehe sich nur noch um Diskurse, öffentliche Meinungen, Influencertum, gutes oder schlechtes Story-telling; die Ausschreibungen und Stellenanzeigen sind voll von diesen „skills“, oft ausgeschmückt mit identitätspolitischen Statements und Codes. Die Zeit scheint inzwischen reif, hinsichtlich dieser Veränderungen Bilanz zu ziehen. Steve Jobs († 2011), eine der großen und früh verklärten Koryphäen des inzwischen hoffnungslos rechtsgedrehten Silicon Valleys war unter anderem für folgenden Satz bekannt: Real artists ship, zu Deutsch: „Echte Künstler liefern“. Geliefert hat das Silicon Valley bekanntlich — und zwar massenhaft Tech und Innovationen, die den Kapitalismus und das politische Getriebe grundlegend umgekrempelt haben. Man könnte Jobs Worte aber auch umkehren und fragen: Is the artist real? Die Begeisterung für allerlei Trends vom Touchscreen in ihren schillernden Farben, geschliffenen Sprechweisen und instagramablen Kostümen scheint mittlerweile von Ermüdung, Übersättigung, aber auch Vereinsamung und schwerwiegenden sozialen und politischen Problemen abgelöst zu werden. Von Erfolg und Optimismus scheinen nur noch Tech-Bros und ihre Jünger zu sprechen. Die Künstler, die früher auf sogenannten Ted-Bühnen (Technology, Entertainment, Design) umjubelt wurden, sind heute unansehnlich geworden. Sie treten mit Kettensägen auf und scharen sich um Autokraten — und solche, die es werden wollen.
Und damit schließe ich an meinen dritten und letzten Gedanken an: Die Beschäftigung mit Baustoffen sowie allen damit einhergehenden Fragen, Problemen und Lösungsansätzen kann helfen, den Blick zu verlagern oder immerhin zu schärfen: weg vom Uneigentlichen, hin zum Eigentlichen. Diese Unterscheidung ist natürlich eine Überspitzung und Übertreibung, da der Begriff Diskurs nie losgelöst von der nichtsprachlichen Welt gedacht werden sollte. Dennoch scheint die nichtdingliche Sphäre gerade Oberhand über das Eigentliche und das Verständnis dinglicher Zusammenhänge zu gewinnen, was sich nicht zuletzt in den Grabenkämpfen des politischen Felds eindeutig beobachten lässt. In der Welt der sich polarisierenden, gegeneinander anstreitenden öffentlichen Meinungen läuft es letztlich immer auf eine binäre Entscheidung zwischen Ja oder Nein hinaus — Dafür oder Dagegen, Gut oder Schlecht.
Solch einfache Antworten aus dem binären Spektrum sind manchmal tatsächlich gefragt. Doch mit der Frage des Bauens, der Baustoffe und ihrer Verarbeitung verhält es sich sehr viel komplizierter und ambivalenter. Einfache Antworten verbitten sich schon allein angesichts des Stadtbilds, das heute so stark wie noch nie in den vergangenen Jahrzehnten von Armut und Obdachlosigkeit geprägt ist. Für Rechtspopulisten, ihre Nachahmer und Trittbrettfahrer mag es recht und billig erscheinen, mit ein paar gesottenen Sprüchen vom Stammtisch schnell von den eigentlichen Problemen abzulenken. Doch für das „liberal script“ stellt kaum ein Thema eine größere Herausforderung dar als das Thema Bauen, sofern ihre prodemokratischen, liberalen und umweltbewussten Vertreter in der sozialen, nicht aufschiebbaren Frage des Wohnraums ebenso kohärent bleiben wollen wie beim Kimaschutz.
Referenzen und weiterführende Literatur
Podcast „Zurück zum Beton — das Bauen mit Zement“, ORF 2025, Autoren: Conrad Kunze und Alexandra Augustin, Teil 1: Vom Pantheon zum Plattenbau, URL: <https://sound.orf.at/podcast/oe1/oe1-radiokolleg/zurueck-zum-beton—das-bauen-mit-zement-1> (18.11.2025).
Podcast „Zurück zum Beton — das Bauen mit Zement“, ORF 2025, Autoren: Conrad Kunze und Alexandra Augustin, Teil 2: Ökologie und einstürzende Neubauten, URL: <https://sound.orf.at/podcast/oe1/oe1-radiokolleg/zurueck-zum-beton—das-bauen-mit-zement-2> (18.11.2025).
Podcast „Zurück zum Beton — das Bauen mit Zement“, ORF 2025, Autoren: Conrad Kunze und Alexandra Augustin, Teil 3: Neue Baustoffe und die Idee einer Bauwende, URL: <https://sound.orf.at/podcast/oe1/oe1-radiokolleg/zurueck-zum-beton—das-bauen-mit-zement-3> (18.11.2025).
Podcast „Zurück zum Beton — das Bauen mit Zement“, ORF 2025, Autoren: Conrad Kunze und Alexandra Augustin, Teil 4: Der Traum vom grünen Zement, URL: <https://sound.orf.at/podcast/oe1/oe1-radiokolleg/zurueck-zum-beton—das-bauen-mit-zement-4> (18.11.2025).
750 Jahre Kalksteinbergbau in Rüdersdorf: Kalksteingewinnung und -Verarbeitung prägen eine Region. Darstellung der Bergbaugeschichte sowie deren Grundlagen, Verflechtungen und Auswirkungen am Standort Rüdersdorf (Geologie / Bergbau / Infrastruktur / Ortsentwicklung / Rohstoffnutzung / Bergbaufolgelandschaft). Herausgegeben von der Rüdersdorfer Zement GmbH, 2004.
Azem, İmre (2011): Ekümenopolis: ucu olmayan şehir (Ecumenopolis: City without limits).
Braudel, Fernand: La longue durée, in: Annales E.S.C., octobre-décembre 1958, rubrique : « Débats et Combats », pp. 725-753. Repris dans Écrits sur l’Histoire, 1969.
Braudel, Fernand (1997): Les ambitions de l’Histoire (Série Références). Paris: Éditions de Fallois, pp. 191-230.
Deutsche Gesellschaft / Kreuzberg Museum (Hg.) (1994): Der Stoff, aus dem Berlin gemacht ist. Berlin: Stattbuch Verlag.
Elhacham, E., Ben-Uri, L., Grozovski, J. et al. Global human-made mass exceeds all living biomass. Nature 588, 442–444 (2020). https://doi.org/10.1038/s41586-020-3010-5
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Herrmann, Ulrike / Spahn, Jens / Frenzel, Korbinian: Klimakrise und Kapitalismus: „Dummerweise geht es hier ums Überleben“ (Ulrike Herrmann und Jens Spahn im Gespräch mit Korbinian Frenzel, in: Deutschlandfunk Kultur vom 23.10.2022, URL: https://share.deutschlandradio.de/dlf-audiothek-audio-teilen.3265.de.html?mdm:audio_id=dira_DRK_6043bbd8 (zuletzt abgerufen am 24.10.2022).
Köhler, Eva (1994): Rüdersdorf: Die Kalkhauptstadt am Rande Berlins. Berlin: Stapp Verlag.
Müller, Katrin Bettina: Verschluckte Landschaft am Stadtrand, in: Taz vom 5.8.1994.
Smil, Vaclav (2023): Wie die Welt wirklich funktioniert. C. H. Beck.
Srnicek, Nick (2018 [2017]): Plattform-Kapitalismus. Hamburg: Hamburger Edition.
Fußnoten
- Die Entfremdung der Arbeiter vom alltäglichen Gegenstand ihrer Arbeit wurde bezeichnenderweise fast immer von Nicht-Arbeitern konstatiert. Es erscheint mir fraglich, wie verallgemeinerbar diese Erfahrung ist oder je war. Ich habe als Schüler und Student selbst in unterschiedlichen Fabriken im Schichtbetrieb gearbeitet und konnte tatsächlich keine sehr enge Beziehung zum jeweiligen Produkt der Tätigkeit herstellen, zum Beispiel zu Kugellagern für die Automobilindustrie oder chinesische Windkraftanlagen. Allerdings ist mir bei Gesprächen mit Arbeitern oft aufgefallen, dass sie sich zu einem sehr hohen Grad mit dem Unternehmen, seinen Produkten und sogar mit den Rohstoffen identifizierten und ihre Tätigkeit durchaus als sinnstiftend wahrnahmen. Ähnliches gilt für die oft schwierigen Gespräche zwischen Eltern aus dem Arbeitermilieu und Kinder, die sich ihm entfremden. In Didier Eribons Worten begehen diese Kinder „Klassenverrat“, indem sie anstreben, sich eine Zukunft im Bildungsbürgertum aufzubauen, weshalb sie Abstand zum Herkunftsmilieu aufbauen müssen. Diese Gespräche und Verhältnisse offenbaren ebenso wie die Beobachtungen milieufremder Besucher einer Fabrik womöglich eher die eigene Fremdheit oder Entfremdung zum Arbeitermilieu. Viel interessanter wäre es, zu erfahren, was Arbeiter selbst von ihrer Tätigkeit halten, sofern eine Verallgemeinerung einer homogen vorgestellten Arbeiterklasse überhaupt sinnvoll ist. ↩︎