Vorbemerkung: Dieser Beitrag entsteht als Hintergrundarbeit zu einer kompakten Monographie über die eminent wichtige Rolle von Kalkstein und Zement im Anthropozän, weil die Zementproduktion Nummer Zwei unter den CO2-Emittenten ist, die für die (post-)industrielle Klimaveränderung durch den Menschen verantwortlich sind. Ich gliedere in fünf einzelne Blogposts, weil sich die Einzelbeiträge im Laufe der Recherchen womöglich noch erweitern werden. In diesem ersten Beitrag gebe ich ein paar einleitende Gedanken wieder, während sich die folgenden vier Beiträge an einer Podcast-Serie des ORF zum selben Thema entlang hangeln, an denen ich als damaliger Mitarbeiter des Museumsparks Rüdersdorf mitwirken durfte.
Wer heute die großen Probleme und Schieflagen unserer Zivilisation thematisiert landet schnell bei den Themen Digitalisierung, KI, Oligarchisierung und Demokratieverfall. Genauso schnell werden diese Auseinandersetzungen „uneigentlich“ — und uneigentlich ist hier in einem ganz wörtlichen Sinn zu verstehen: Haptisch kaum fassbare Backends, Algorithmen, Contents, die sozialpsychologischen Folgen digitaler Technologien stehen im Zentrum der Aufmerksamkeit — aber immer weniger sind es konkrete „Dinge“, Materialien, Stoffe. Das Uneigentliche scheint gewissermaßen über das Eigentliche zu triumphieren. Dass nicht nur die Masse digitaler Endgeräte, sondern besonders die immer größeren Rechenzentren gewaltige Energiemengen verbrauchen und durchaus materiell sind, das ist in den letzten Jahren glücklicherweise verstärkt ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Und doch ist damit das materielle Fundament unserer Zivilisation, das so eigentlich und mächtig ist wie noch nie zuvor, höchstens angekratzt.
Doch was soll das sein, das Fundament unserer Zivilisation? Aus Sicht des tschechisch-kanadischen Energie-Experten Vaclav Smil, Autor des Buches Wie die Welt wirklich funktioniert, setzt sich dieses aus vier Säulen zusammen: Ammoniak, Stahl, Kunststoffe, Zement. Alle vier Säulen, gerade das bodenverändernde Ammoniak und seine revolutionären Folgen für die Landwirtschaft, verdienen größte Aufmerksamkeit. Ich werde mich in diesem Beitrag und in Folge meiner zurückliegenden, jahrelangen Beschäftigung mit Baustoffen jedoch auf die Betrachtung letzterer Säule beschränken, wofür ich besagte Podcast-Serie des österreichischen Radiosenders ORF dankbarerweise zum Ausgangspunkt nehmen kann.

Und bevor ich ab dem nächsten Beitrag in die Inhalte der Podcasts einsteige, will ich noch ganz kurz etwas zum Hintergrund erklären — also, wie ich eigentlich auf Baustoffe komme, deren Rolle man in Fragen des Anthropozäns freilich als gar nicht relevant genug einstufen kann. Denn kaum etwas in meinem Südosteuropa und Türkei lastigen, an Migration und Zwangsmigrationen, Alltagskultur, Gewaltgeschichte und Sprachen interessierten Lebenslauf hatte zuvor darauf hingedeutet, dass ich mich einmal so ausführlich mit der tatsächlich faszinierenden Geschichte von Baustoffen wie Zement, Beton und dem Grundstoff Kalkstein auseinandersetzen würde.
Doch genau darum ging es bei mir in den letzten Jahren eigentlich täglich: Von 2022-2023 war ich damit beschäftigt, einen Masterplan des Museumsparks Rüdersdorf zu verfassen, was teilweise einem Aufbaustudium mit Modulen in Teildisziplinen wie Geologie, Chemie, Physik und Geschichte Ostdeutschlands gleich kam. Parallel dazu war ich als Gästeführer vor Ort tätig, nicht zuletzt, um mich selbst immer besser mit der Geschichte vertraut zu machen, was mir aber auch gezeigt hat, wie Wissenschaftsdidaktik zu Umweltthemen ganz praktisch funktionieren kann und wo Grenzen liegen. Schließlich (und parallel zur Tätigkeit als Gästeführer) war ich für eineinhalb Jahre als Historiker im Museumspark angestellt, und in dieser Funktion hatte ich im Frühjahr 2025 die Gelegenheit, den Wissenschaftsjournalisten Conrad Kunze zu einem langen Gespräch zu treffen und an zwei von vier Podcast-Beiträgen unter dem Titel Zurück zum Beton — das Bauen mit Zement des Programms Radiokolleg mitzuwirken. Die Beiträge wurden von Conrad Kunze und Alexandra Augustin erstellt und sind seit Ende August 2025 über die Mediathek von ORF sowie bei den üblichen Plattformen abrufbar.
Ich übernehme die Podcast-Titel der Übersichtlichkeit halber als gliedernde Überschriften und verlinke sie. Am Ende ziehe ich ein paar Rückschlüsse zur Rolle von Baustoffen in der longue durée des Anthropozäns, zur Materialität und Dinglichkeit von Geschichte, sowie zur Problematik, angesichts von Klimabilanz und Wohnungsnot zu praktikablen Lösungen zu gelangen. Damit stelle ich den Bezug zum Neopopulismus-Projekt her, dessen Anspruch es schließlich ist, in größeren Kontexten zu denken — mindestens groß und tief genug, um die Genese dessen mitzudenken, was heute fast schon selbstverständlich Anthropozän genannt wird.
Wie die folgenden Abschnitte, besonders aber die vielen Stimmen in den einzelnen Podcast-Folgen und natürlich die Recherchen von Kunze/Augustin zeigen können, geht es dabei um sehr eigentliche Fragen, die uns in Zeiten aufgeheizter Meinungslager und Diskurse vermutlich sehr viel häufiger beschäftigen sollten. Dies böte uns (ähnlich wie die Beschäftigung mit dem Thema Dauernutzwald) auch die Gelegenheit, sich mehr Gedanken über ganz konkrete Lösungsmöglichkeiten und ihre Grenzen zu machen. Weil allzu einfache Ausstiegsszenarien schnell wohlfeil und unrealistisch wirken, kann diese Auseinandersetzung hoffentlich auch helfen, sich in einer gewissen Demut vor übereilten Schüssen der Kritik zu hüten.
Referenzen und weiterführende Literatur
Podcast „Zurück zum Beton — das Bauen mit Zement“, ORF 2025, Autoren: Conrad Kunze und Alexandra Augustin, Teil 1: Vom Pantheon zum Plattenbau, URL: <https://sound.orf.at/podcast/oe1/oe1-radiokolleg/zurueck-zum-beton—das-bauen-mit-zement-1> (18.11.2025).
Podcast „Zurück zum Beton — das Bauen mit Zement“, ORF 2025, Autoren: Conrad Kunze und Alexandra Augustin, Teil 2: Ökologie und einstürzende Neubauten, URL: <https://sound.orf.at/podcast/oe1/oe1-radiokolleg/zurueck-zum-beton—das-bauen-mit-zement-2> (18.11.2025).
Podcast „Zurück zum Beton — das Bauen mit Zement“, ORF 2025, Autoren: Conrad Kunze und Alexandra Augustin, Teil 3: Neue Baustoffe und die Idee einer Bauwende, URL: <https://sound.orf.at/podcast/oe1/oe1-radiokolleg/zurueck-zum-beton—das-bauen-mit-zement-3> (18.11.2025).
Podcast „Zurück zum Beton — das Bauen mit Zement“, ORF 2025, Autoren: Conrad Kunze und Alexandra Augustin, Teil 4: Der Traum vom grünen Zement, URL: <https://sound.orf.at/podcast/oe1/oe1-radiokolleg/zurueck-zum-beton—das-bauen-mit-zement-4> (18.11.2025).
750 Jahre Kalksteinbergbau in Rüdersdorf: Kalksteingewinnung und -Verarbeitung prägen eine Region. Darstellung der Bergbaugeschichte sowie deren Grundlagen, Verflechtungen und Auswirkungen am Standort Rüdersdorf (Geologie / Bergbau / Infrastruktur / Ortsentwicklung / Rohstoffnutzung / Bergbaufolgelandschaft). Herausgegeben von der Rüdersdorfer Zement GmbH, 2004.
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