Die Geschichte der Baustoffe mag unter den großen Aufregern des öffentlichen Diskurses weniger prominent sein als Themen wie Digitalisierung und KI, fossile Brennstoffe und Energiewende, Mikroplastik oder Korallenbleiche. Ihre Relevanz mindert das nicht. Man muss bedenken, dass uns Zement und Beton auf Schritt und Tritt umgeben, sofern wir nicht zur verschwindend kleinen Gruppe von Menschen gehören, deren Leben sich tatsächlich noch hauptsächlich in Umgebungen und Gebäuden aus Holz-, Lehm-, oder Ziegelbauweise abspielen mag. Wie die vier Podcast-Beiträge und die vertiefte Auseinandersetzung mit der Geschichte von Baustoffen zeigen können, handelt es sich bei der Baustoffgeschichte um ein sehr weites und lohnendes — aber durch seine Ubiquität und Problematik auch sehr herausforderndes Feld für alle, denen am weiteren Geleit der Welt in der Polykrise der Gegenwart, an Umweltgeschichte und den global zu beobachtenden, sozialklimatischen Veränderungen gelegen ist.
Historiker führen gerne das Wort der Longue durée (lange Dauer) und beziehen sich dabei auf den französischen Historiker Fernand Braudel. Dieser hat mit dem Begriff eine Unterscheidung zur Ebene der mittleren Dauer (Moyenne durée) und der Ereignis-Ebene (événément) getroffen, wobei sich die longue durée durch besonders konstante, lang anhaltende Gegebenheiten oder Konstellationen von Akteuren im Zusammenspiel mit Landschaft, Umwelt, Klima und anderen Faktoren auszeichnet. Braudel hatte besonderen Wert auf Materialität und Alltagsgeschichte, aber auch auf die Wechselwirkung zwischen Naturraum und menschlicher Geschichte Wert gelegt. Ein besonders bekanntes Beispiel bieten das Zusammenwirken von Nil, dem fruchtbaren Niltal als außergewöhnlicher Lebenswelt inmitten einer ariden Zone, dem Zyklus der jährlichen Überschwemmungen und die damit korrelierende Stabilität der 3300-jährigen Pharaonenherrschaft.
Wer im Katalog einer Universitätsbibliothek den Begriff eingibt, findet schnell unterschiedlichste Adaptionen. Manchmal wirkt die Referenz eher wie ein eleganter Versuch, dem eigenen Untersuchungsgegenstand mehr historische Tiefe zu verleihen — während unter Umständen weiter unklar bleibt, was genau damit gemeint sein soll. Ich hatte mir in Bezug auf eigene Forschungsarbeiten in der Vergangenheit die Frage gestellt, ob man die Osmanische Herrschaft in Südosteuropa als longue durée erfassen könnte und bin eher wieder davon abgekommen. Andere Autoren wollen, wie die Desktoprecherche offenbart, gar in der Geschichte der früher staatstragenden Republikanischen Volkspartei (CHP) in der Türkei eine longue durée erkennen.
Doch wie sieht es mit der Baustoffgeschichte aus, die ja zweifellos und für sich genommen ein fester Faktor in der Menschheitsgeschichte seit der Sesshaftwerdung ist? Kann sie selbst als Phänomen der longue durée gelten, oder wäre dies auch hier ein unpassender Begriff? Und wenn man es auf ein praktisches Beispiel einschränken wollte: Sind 770 Jahre, um bei der ins Spätmittelalter und zu den Zisterziensern zurückreichenden Geschichte des Kalksteinabbaus in Rüdersdorf bei Berlin zu bleiben, lange genug für die lange Dauer? Oder ist die gesamte Angelegenheit nicht doch zu allgemein?
Klar: in rein zeitlichen Dimensionen und Vergleichen kann die Konstellation des Vorhandenseins eines Kalksteinaufschlusses und der Urbanisierung Berlins nicht mit den ägyptischen Pharaonen mithalten — denn was sind schon acht Jahrhunderte gegenüber 3300 Jahren? Trotzdem könnte man, sofern man den Betrachtungsgegenstand nicht auf den Berliner Raum beschränkte, sondern auf das Anthropozän insgesamt bezöge und den Betrachtungsort pars pro toto zum Verständnis der Entstehung der heutigen anthropogenen Masse heranzöge, das Zusammenspiel zwischen Kalksteinaufschlüssen und der irreversiblen Veränderung des Antlitzes der Erdoberfläche durchaus mit dem Begriff der longue durée erfassen. Es wäre dann auch ohne weiteres denkbar und höchst plausibel, den Standort Rüdersdorf als lieu de mémoire des Anthropozäns zu betrachten und ihn dahingehend auszubauen.
Mein zweiter Gedanke hängt ebenfalls mit Braudels Gewichtung des Materiellen und der Alltagsgeschichte zusammen. Wer sein Lebenswerk an den Produktionsbänken, Brenn- und Hochöfen, Sortierbändern und Transportrampen industrieller Fabriken verortet, mag weniger empfänglicher für die eigenartige Romantik sein, die für eine wachsende Szene von sogenannten Lost Places-Anhängern von den verbleichenden Insignien der Industriemoderne ausgeht. Das mag damit zusammenhängen, dass diesen ehemaligen Werktätigen, Arbeiterinnen und Arbeitern (zu denen ich auch meine Eltern sowie weite Teile meines Herkunftsmilieus und natürlich die meisten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Museumspark Rüdersdorf zähle) die Bedeutung der Materialität von Geschichte und der von ihnen erzeugten Produkte aus der eigenen, lebensweltlichen Erfahrung immer schon bewusst gewesen ist — trotz aller Entfremdungseffekte. Ganz anders kann das bei Menschen aussehen, die in bildungsbürgerlichen Milieus sozialisiert wurden und das Innere einer Fabrik immer mit einem distanzierten Blick wahrnehmen, sofern sie einen solchen Ort, ob vor oder nach seiner Musealisierung, je betreten haben.1
Doch auch die alte Unterscheidung zwischen Arbeitern und Bürgerlichen ist zunehmend hinfällig. Immer weniger Menschen haben direkten Bezug zur Materialität unserer Zivilisation, was natürlich nicht heißt, dass es keine Arbeiter mehr gäbe und keine industrielle Produktion mehr stattfände — wobei natürlich besonders fragwürdig ist, ob die Scharen von Influencern und Vloggern des Plattformkapitalismus nun eher zu den Unternehmern oder zu den Arbeitern zu rechnen wären. Die Gesellschaften der Staaten des Globalen Nordens und Westens erleben weiterhin eine anhaltende, tiefgreifende Veränderung der Arbeitswelt, was mit der Transformation des Kapitalismus hin zum Plattformkapitalismus zusammenhängt, wie ihn Nick Srnicek beschrieben hat. Die Welt der materiellen Dinge, auch wenn es sich dabei um tatsächlich um greifbare Dinge von Amazon oder einer anderen Marktplattform handelt, ist immer undinglicher, uneigentlicher, beliebiger geworden.
Man kann heute leicht den Eindruck gewinnen, alles drehe sich nur noch um Diskurse, öffentliche Meinungen, Influencertum, gutes oder schlechtes Story-telling; die Ausschreibungen und Stellenanzeigen sind voll von diesen „skills“, oft ausgeschmückt mit identitätspolitischen Statements und Codes. Die Zeit scheint inzwischen reif, hinsichtlich dieser Veränderungen Bilanz zu ziehen. Steve Jobs († 2011), eine der großen und früh verklärten Koryphäen des inzwischen hoffnungslos rechtsgedrehten Silicon Valleys war unter anderem für folgenden Satz bekannt: Real artists ship, zu Deutsch: „Echte Künstler liefern“. Geliefert hat das Silicon Valley bekanntlich — und zwar massenhaft Tech und Innovationen, die den Kapitalismus und das politische Getriebe grundlegend umgekrempelt haben. Man könnte Jobs Worte aber auch umkehren und fragen: Is the artist real? Die Begeisterung für allerlei Trends vom Touchscreen in ihren schillernden Farben, geschliffenen Sprechweisen und instagramablen Kostümen scheint mittlerweile von Ermüdung, Übersättigung, aber auch Vereinsamung und schwerwiegenden sozialen und politischen Problemen abgelöst zu werden. Von Erfolg und Optimismus scheinen nur noch Tech-Bros und ihre Jünger zu sprechen. Die Künstler, die früher auf sogenannten Ted-Bühnen (Technology, Entertainment, Design) umjubelt wurden, sind heute unansehnlich geworden. Sie treten mit Kettensägen auf und scharen sich um Autokraten — und solche, die es werden wollen.
Und damit schließe ich an meinen dritten und letzten Gedanken an: Die Beschäftigung mit Baustoffen sowie allen damit einhergehenden Fragen, Problemen und Lösungsansätzen kann helfen, den Blick zu verlagern oder immerhin zu schärfen: weg vom Uneigentlichen, hin zum Eigentlichen. Diese Unterscheidung ist natürlich eine Überspitzung und Übertreibung, da der Begriff Diskurs nie losgelöst von der nichtsprachlichen Welt gedacht werden sollte. Dennoch scheint die nichtdingliche Sphäre gerade Oberhand über das Eigentliche und das Verständnis dinglicher Zusammenhänge zu gewinnen, was sich nicht zuletzt in den Grabenkämpfen des politischen Felds eindeutig beobachten lässt. In der Welt der sich polarisierenden, gegeneinander anstreitenden öffentlichen Meinungen läuft es letztlich immer auf eine binäre Entscheidung zwischen Ja oder Nein hinaus — Dafür oder Dagegen, Gut oder Schlecht.
Solch einfache Antworten aus dem binären Spektrum sind manchmal tatsächlich gefragt. Doch mit der Frage des Bauens, der Baustoffe und ihrer Verarbeitung verhält es sich sehr viel komplizierter und ambivalenter. Einfache Antworten verbitten sich schon allein angesichts des Stadtbilds, das heute so stark wie noch nie in den vergangenen Jahrzehnten von Armut und Obdachlosigkeit geprägt ist. Für Rechtspopulisten, ihre Nachahmer und Trittbrettfahrer mag es recht und billig erscheinen, mit ein paar gesottenen Sprüchen vom Stammtisch schnell von den eigentlichen Problemen abzulenken. Doch für das „liberal script“ stellt kaum ein Thema eine größere Herausforderung dar als das Thema Bauen, sofern ihre prodemokratischen, liberalen und umweltbewussten Vertreter in der sozialen, nicht aufschiebbaren Frage des Wohnraums ebenso kohärent bleiben wollen wie beim Kimaschutz.
Referenzen und weiterführende Literatur
Podcast „Zurück zum Beton — das Bauen mit Zement“, ORF 2025, Autoren: Conrad Kunze und Alexandra Augustin, Teil 1: Vom Pantheon zum Plattenbau, URL: <https://sound.orf.at/podcast/oe1/oe1-radiokolleg/zurueck-zum-beton—das-bauen-mit-zement-1> (18.11.2025).
Podcast „Zurück zum Beton — das Bauen mit Zement“, ORF 2025, Autoren: Conrad Kunze und Alexandra Augustin, Teil 2: Ökologie und einstürzende Neubauten, URL: <https://sound.orf.at/podcast/oe1/oe1-radiokolleg/zurueck-zum-beton—das-bauen-mit-zement-2> (18.11.2025).
Podcast „Zurück zum Beton — das Bauen mit Zement“, ORF 2025, Autoren: Conrad Kunze und Alexandra Augustin, Teil 3: Neue Baustoffe und die Idee einer Bauwende, URL: <https://sound.orf.at/podcast/oe1/oe1-radiokolleg/zurueck-zum-beton—das-bauen-mit-zement-3> (18.11.2025).
Podcast „Zurück zum Beton — das Bauen mit Zement“, ORF 2025, Autoren: Conrad Kunze und Alexandra Augustin, Teil 4: Der Traum vom grünen Zement, URL: <https://sound.orf.at/podcast/oe1/oe1-radiokolleg/zurueck-zum-beton—das-bauen-mit-zement-4> (18.11.2025).
750 Jahre Kalksteinbergbau in Rüdersdorf: Kalksteingewinnung und -Verarbeitung prägen eine Region. Darstellung der Bergbaugeschichte sowie deren Grundlagen, Verflechtungen und Auswirkungen am Standort Rüdersdorf (Geologie / Bergbau / Infrastruktur / Ortsentwicklung / Rohstoffnutzung / Bergbaufolgelandschaft). Herausgegeben von der Rüdersdorfer Zement GmbH, 2004.
Azem, İmre (2011): Ekümenopolis: ucu olmayan şehir (Ecumenopolis: City without limits).
Braudel, Fernand: La longue durée, in: Annales E.S.C., octobre-décembre 1958, rubrique : « Débats et Combats », pp. 725-753. Repris dans Écrits sur l’Histoire, 1969.
Braudel, Fernand (1997): Les ambitions de l’Histoire (Série Références). Paris: Éditions de Fallois, pp. 191-230.
Deutsche Gesellschaft / Kreuzberg Museum (Hg.) (1994): Der Stoff, aus dem Berlin gemacht ist. Berlin: Stattbuch Verlag.
Elhacham, E., Ben-Uri, L., Grozovski, J. et al. Global human-made mass exceeds all living biomass. Nature 588, 442–444 (2020). https://doi.org/10.1038/s41586-020-3010-5
Herrmann, Ulrike (2022): Das Ende des Kapitalismus. Warum Wachstum und Klimaschutz nicht vereinbar sind – und wie wir in Zukunft leben werden. Köln: Kiepenheuer & Witsch.
Herrmann, Ulrike: Schrumpfen statt Wachsen, in: taz vom 17.9.2022, URL: https://taz.de/Kapitalismus-und-Klimaschutz/!5879301/ (zuletzt abgerufen am 24.10.2022).
Herrmann, Ulrike / Spahn, Jens / Frenzel, Korbinian: Klimakrise und Kapitalismus: „Dummerweise geht es hier ums Überleben“ (Ulrike Herrmann und Jens Spahn im Gespräch mit Korbinian Frenzel, in: Deutschlandfunk Kultur vom 23.10.2022, URL: https://share.deutschlandradio.de/dlf-audiothek-audio-teilen.3265.de.html?mdm:audio_id=dira_DRK_6043bbd8 (zuletzt abgerufen am 24.10.2022).
Köhler, Eva (1994): Rüdersdorf: Die Kalkhauptstadt am Rande Berlins. Berlin: Stapp Verlag.
Müller, Katrin Bettina: Verschluckte Landschaft am Stadtrand, in: Taz vom 5.8.1994.
Smil, Vaclav (2023): Wie die Welt wirklich funktioniert. C. H. Beck.
Srnicek, Nick (2018 [2017]): Plattform-Kapitalismus. Hamburg: Hamburger Edition.