Einleitend zu Teil 1 (Vom Pantheon zum Plattenbau) betonen die Podcaster zuerst die enorme Bedeutung von Gebäuden aus Beton und Zement, denn der künstliche Stein nimmt innerhalb der anthropogenen oder menschengemachten Masse eine besonders prominente Stellung ein. Oder, wie es im Teaser des Podcasts heißt: „Der Mensch hat eine zweite Welt aus Beton erschaffen“. Wie fast alles im Spektrum der menschlichen Wirtschaftsweise hat die Zementproduktion ihre Schattenseiten: Zirka acht Prozent aller Treibhausgase werden über die Zementproduktion emittiert.
Das Gesamtgewicht der anthropogenen Masse beschäftigt seit Jahren die Wissenschaft, ihre Dimension ist schwer fassbar. Vielleicht macht es ein simpler Vergleich einfacher, wie es in einem Radiobeitrag auf DLF zugespitzt wird: Wir wissen, dass der eiserne Eifelturm mehr wiegt als alle verbliebenen Nashörner der Erde zusammen. Zement hingegen kann in seinem Gesamtausmaß nicht in Nashörnern aufgewogen werden, denn es macht „den Löwenanteil“ der anthropogenen Masse aus, wie im selben Beitrag festgestellt wird. Auch aus diesem Grund erscheint es sinnvoll, sich an Standorten der Zementproduktion mit diesen Fragen zu beschäftigen, weil sie uns beispielhaft ermöglichen, das Große im Kleinen zu erfassen. Mir fällt dafür kein geeigneterer Standort als Rüdersdorf bei Berlin ein, weil es aufgrund der geologischen Singularität des dortigen Kalksteinaufschlusses zu einer einzigartigen Kontinuität von über 770 Jahren aktiven Bergbaus gekommen ist.

Will man die gesamte Geschichte des Zements begreifen, so muss man dafür zunächst in verschiedene Epochen des Erdmittelalters zurückgehen — als nämlich die riesigen Kalksteinlager entstanden sind, die mit dem (Muschel-)Kalk den Grundstoff jeder Zementproduktion liefern. Ohne verfügbaren Kalkstein, das ist die Faustregel, gibt es keinen Zement.
In Rüdersdorf bei Berlin, wo sich ein für das norddeutsche Tiefland einzigartiger geologischer Aufschluss von Muschelkalk inmitten der Weiten postglazialer Schichten aus dem Quartär befindet, stammt der Muschelkalk von den Sedimenten aus Muschelschalen und Überresten anderer Schalentiere des Urzeitmeeres Tethys der Trias ab. Andernorts, etwa in Solnhofen oder auf der Insel Rügen, gehen die Kalk- und Kreidevorkommen auf die spätere Jurazeit zurück. Während es moderne Transportmöglichkeiten seit der Eisenbahn erlauben, prinzipiell unabhängig von Kalksteinaufschlüssen Zement zu produzieren, waren Kalkvorkommen früher mindestens mitausschlaggebend für die Enwicklung so großer Städte wie Berlin, deren bauliche Entwicklung ohne das nahegelegene Kalkvorkommen mit Sicherheit einen anderen Verlauf genommen hätte. Freilich ist gerade im Fall Berlins auch die bereits vor der Eisenbahn genutzte Schifffahrt zu nennen, denn, wie es so oft heißt: Berlin wurde aus dem Kahn gebaut.
Obwohl Zement und Beton zurecht als stilgebende, moderne Baustoffe gelten, bedeutet das nicht, dass es Zement nicht schon früher und an anderen Orten gegeben hätte: Bereits die Römer wussten, wie man durch die Herstellung und Verwendung des sogenannten Opus caementitium, des sogenannten römischen Betons, unter Zugabe vulkanischen Tuffsteins Gebäude besonders stabil und sogar unter Wasser haltbar machen konnte: Im Unterschied zum seit dem Neolithikum bekannten Kalkmörtel ist Zement in der Lage, unter Wasser abzubinden (zu erhärten). Dieser frühen Technologie ist auch die Kuppel des Pantheons zu Rom zu verdanken, wo sie nach fast 2000 Jahren noch immer als größte und intakte, je gebaute Struktur aus unbewehrtem Beton (d.h. ohne Stahlträger o.ä.) besichtigt werden kann. Und auch damals, so könnte man sagen, war Zement schon stilbildend — denn an die Kuppel des Pantheons lehnen sich zahlreiche weitere, weltbekannte Gebäude an. Der römische Beton ist in seiner Dauerhaftigkeit unübertroffen, was kurioserweise an der Grobheit der verwendeten Kalkklumpen liegt, die den Bauwerken die Möglichkeit bieten, sich quasi selbst zu „reparieren“.
Es geht in der ersten Podcast-Episode aber auch und besonders um die moderne Baustoffgeschichte rund um Zement und Beton in Europa, Deutschland und Berlin — von der Erfindung des Portlandzements in England über die ersten Fabriken in Rüdersdorf (1885) und den „Stoff, aus dem Berlin gemacht wurde“. Aus diesem Grund ist diese Folge vor allem interessant für Menschen, die besser verstehen möchten, wie sich die Stadt Berlin zwischen 1871 und 1914 in kürzerster Zeit vervierfachen konnte, oder auch, aus welchen Baustoffen einige der bekanntesten Gebäude der Stadt gebaut wurden. Sobald einem bewusst ist, wie viele und welche Gebäude in Berlin und Potsdam aus Rüdersdorfer Muschelkalk und seinen Derivaten bestehen, geht man vielleicht mit anderen Augen durch die Stadt; es leuchtet dann durchaus ein, warum der riesige, seit über 770 Jahren kontinuierlich aktive Kalksteintagebau in Rüdersdorf manchmal als „Negativabdruck der Stadt Berlin“ bezeichnet wird. Davon kann man sich am besten direkt vor Ort mit eigenen Augen überzeugen.

Referenzen und weiterführende Literatur
Coverbild: Bruno Rijsman, CC BY-SA 2.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0, via Wikimedia Commons
Podcast „Zurück zum Beton — das Bauen mit Zement“, ORF 2025, Autoren: Conrad Kunze und Alexandra Augustin, Teil 1: Vom Pantheon zum Plattenbau, URL: <https://sound.orf.at/podcast/oe1/oe1-radiokolleg/zurueck-zum-beton—das-bauen-mit-zement-1> (18.11.2025).
Podcast „Zurück zum Beton — das Bauen mit Zement“, ORF 2025, Autoren: Conrad Kunze und Alexandra Augustin, Teil 2: Ökologie und einstürzende Neubauten, URL: <https://sound.orf.at/podcast/oe1/oe1-radiokolleg/zurueck-zum-beton—das-bauen-mit-zement-2> (18.11.2025).
Podcast „Zurück zum Beton — das Bauen mit Zement“, ORF 2025, Autoren: Conrad Kunze und Alexandra Augustin, Teil 3: Neue Baustoffe und die Idee einer Bauwende, URL: <https://sound.orf.at/podcast/oe1/oe1-radiokolleg/zurueck-zum-beton—das-bauen-mit-zement-3> (18.11.2025).
Podcast „Zurück zum Beton — das Bauen mit Zement“, ORF 2025, Autoren: Conrad Kunze und Alexandra Augustin, Teil 4: Der Traum vom grünen Zement, URL: <https://sound.orf.at/podcast/oe1/oe1-radiokolleg/zurueck-zum-beton—das-bauen-mit-zement-4> (18.11.2025).
750 Jahre Kalksteinbergbau in Rüdersdorf: Kalksteingewinnung und -Verarbeitung prägen eine Region. Darstellung der Bergbaugeschichte sowie deren Grundlagen, Verflechtungen und Auswirkungen am Standort Rüdersdorf (Geologie / Bergbau / Infrastruktur / Ortsentwicklung / Rohstoffnutzung / Bergbaufolgelandschaft). Herausgegeben von der Rüdersdorfer Zement GmbH, 2004.
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