Die Grünen (vgl. Teil 5) und vieles, wofür diese Partei steht, stellen auch einen zentralen Referenzpunkt für die in absoluten Zahlen wahrscheinlich größte Misstrauensgemeinschaft des politischen Spektrums in Deutschlands dar, die Alternative für Deutschland (AfD). Die AfD muss als die große Unsichtbare unter den pro-russischen Misstrauensgemeinschaften am 9. Mai gelten: Während meiner Anwesenheit war sie am Sowjetischen Ehrenmal in Treptow nicht anzutreffen. Auch bei der sorgfältigen Betrachtung der dargebrachten Blumengaben, Kränze, Porträts und sonstigen Devotionalien vier Tage nach der Veranstaltung fanden sich keinerlei AfD-Logos, was freilich mit innerparteilichen Stellungnahmen zum Stellenwert des 8. Mai in der deutschen Geschichte zu tun hat (und gleich noch genauer dargestellt wird). Wollte man sich in einem strengen Sinn also nur auf die physisch Anwesenden der Feierlichkeiten zum 8. / 9. Mai 2026 beschränken, so fände die AfD hier keine Berücksichtigung. Die AfD muss hier dennoch unbedingt erwähnt werden, und zwar gerade weil ihr Wirken in Treptow auch in absentia so subtil und widersprüchlich war.
Dafür gibt es mindestens vier zentrale, zusammenhängende Gründe. Erstens ist die AfD in der weiteren Assemblage der anderen Misstrauensgemeinschaften eine treibende Kraft: Schließlich ist sie momentan die stärkste populistische Partei Deutschlands, die laut Umfragen vielerorts sogar vor den großen Volksparteien liegt und als Siegerin aus den bevorstehenden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt im Herbst 2026 hervorgehen könnte.
Zweitens verwässert und instrumentalisiert sie, wie viele andere Akteure aus dem heterogenen Feld des (Pseudo-)Friedensaktivismus, den Begriff »Frieden«. Damit stellt sich die die AfD als abwesende Akteurin in dasselbe Cluster wie die im Anschluss zu betrachtenden, eindeutig pro-russischen Misstrauensgemeinschaften und Akteure, denn ihr Friedensbegriff bedeutet in allererster Linie, sich im Ukraine-Krieg auf die russische Seite zu stellen, indem sie den Stopp von Waffenlieferungen an Kyiv fordert.
Drittens adressiert die AfD durch die emotionalisierte Skandalisierung von Migration und Verwendung rassistischer Stereotype am expressivsten die demographischen und soziokulturellen Veränderungen Deutschlands, das (besonders im Westteil) stark von Superdiversität geprägt ist. Damit einhergehend bewirtschaftet sie das Spannungsfeld der deutschen West-Ost-Binarität, indem sie – wie bereits im Beitrag über Kosmopolitisierung und Superdiversität am Beispiel der „Russlanddeutschen“ dargestellt – eine desintegrierende, aber demagogisch gesehen profitable Dynamik unter vermeintlichen oder echten Underdogs der Gesellschaft befeuert.
Viertens ist die AfD die Partei der Klimawandelfolgenleugnung und des „Weiter so“, was auf eine verschlungene Weise auch erklärt, warum sich die Partei trotz ihrer geschichtsrevisionistischen Positionen zum 8. /9. Mai 1945 so eng an Putins fossilen Rentier-Staat bindet und dabei einen beträchtlichen Teil der ostdeutschen Wählerschaft mitnimmt. Diese vier Punkte sollen hier noch etwas genauer beleuchtet werden, um zu verstehen, wie die Demagogie der AfD auch über gröbste Widersprüche hinweg so erfolgreich sein kann.
Die AfD gilt in Deutschland zwar einerseits grundsätzlich als pro-russisch, obwohl sich dies andererseits auch nicht immer eindeutig oder widerspruchsfrei gestaltet. Beispiele für die pro-russische Positionierung der AfD finden sich in den in der Öffentlichkeit immer wieder thematisierten Reisen von AfD-Politikern nach Russland oder zu Veranstaltungen, die vom Kreml ausgerichtet werden und sich gegen die deutsche und europäische Politik richten. Anfang Juni 2026 hat beispielsweise eine hochrangige AfD-Delegation am jährlich stattfindenden russischen Wirtschaftsforum in Sankt Petersburg teilgenommen. Die AfD füllt damit eine Lücke in den Beziehungen zur Russländischen Föderation, die seit der Ächtung Russlands im restlichen politischen Spektrum Deutschlands entstanden ist. Bei der AfD weiß man um die Unsicherheiten, die durch das Wegbrechen eines „Normalzustands“ eines auskömmlichen Verhältnisses zum großen eurasischen Nachbarn eingetreten sein. Dabei geht es der AfD einerseits darum, Ängste vor einem schlechten Verhältnis zur ehemaligen Besatzungsmacht abzubauen, vor allem aber auch um die Wiederherstellung der billigen Gaszufuhr aus Russland.1
Die AfD positioniert sich in der Öffentlichkeit gerne als Friedenspartei. Studien führen dagegen jedoch Fakten auf, die das Friedensengagement der Partei als substanzlose Rhetorik bloßstellen. Die Informationsstelle Militarisierung e.V. zeigt in einer Studie auf Grundlage der Programmatik (d.h. des Grundsatzprogramms und aktuellen Europawahlprogramms der AfD), der Reden im Bundestag und des Abstimmungsverhaltens der AfD in diesen Politikfeldern, dass Deutschlands größte rechtspopulistische Partei höchst widersprüchlich auftritt. Die AfD Nordrheinwestfalen behauptete 2023 einerseits, sie sei im Deutschen Bundestag „die einzige Partei im Bundestag, die sich für Frieden einsetzt und ein Konzept vorgelegt hat, wie er zu erreichen ist und was Deutschland dazu beitragen kann.“2 Zwar spreche sich die AfD gegen Sanktionen Russlands und gegen Waffenlieferungen aus, sei aber deshalb keine Friedenspartei, nachdem sie die Aufrüstung der Bundeswehr klar befürworte, der Rüstungsindustrie nahestehe und die Wiedereinführung der Wehrpflicht befürworte.3 Besonders mit dem letzten Punkt steht sie in schroffem Gegensatz zu den zuvor porträtierten, kommunistischen pro-russischen Stimmen (vgl. Teil 5).
Die Position der AfD zum 8. und 9. Mai illustriert sehr gut, was darunter zu verstehen ist, wenn in der Fachliteratur über Populismus immer wieder festgestellt wird, dass Populisten meist keine starre, definierte Ideologie verfolgen, was sie von dogmatisch-ideologischen Regimen wie den deutschen Nationalsozialisten oder den iranischen Mullahs unterscheidet: Einerseits gilt die AfD zwar als russlandfreundlich und war in den vergangenen Jahren sogar anlässlich des 8. / 9. Mai Gast bei Empfängen in der Russischen Botschaft Unter den Linden anzutreffen; andererseits hat sich die AfD in Brandenburg aber in der letzten Zeit durch markante, revisionistische Aussagen zum 8. Mai hervorgetan. Die paradoxe Zugewandtheit gen Moskau bei gleichzeitiger Geringschätzung eines ideologischen Grundaxioms des Putin-Regimes entspricht dem generell widersprüchlichen, porösen, aber durchaus typischen Muster, dass sich rechtspopulistische Parteien und Gruppen über ihre selbst ausgehobenen Gräben hinwegsetzen können, sich mit anderen verbinden, bei Bedarf gegen die Verbündeten aber auch wieder opponieren, wenn es nur ihren eigenen Bedürfnissen entspricht.
Die stark vertretene, pro-russische Haltung ist auch innerhalb der AfD nicht unumstritten. Björn Höcke von der AfD kündigte in einer Rede aus dem April 2024 an, seine erste Auslandsreise – wäre er Bundeskanzler – führte ihn nach Moskau.4 In einem Beitrag vom ZDF aus dem November 2025 wird die Reise der sächsischen AfD-Spitze nach Sotschi zu einem Wirtschaftsgipfel kommentiert, wo der Kreml auch andere Staaten an sich zu binden versuchte (im Hintergrund ist das BRICS – Logo der Staaten Brasilien, Indien, China, Südafrika zu sehen). Während die sächsischen Kollegen der Sotschi-Delegation die Reise öffentlich guthießen, kam aus der bayerischen AfD der verächtliche Kommentar „Bückt euch tiefer“. Im Osten scheint man sich mehr zu Putin, im Westen mehr zu Trump hingezogen zu fühlen, so das ZDF-Team. Selbst Alice Weidel, die AfD-Vorsitzende mit westdeutschem Hintergrund und schweizerischem Wohnsitz, kritisierte die Reise nach Sotschi ausdrücklich und äußerte Unverständnis, während sich Tino Chrupalla, Ko-Vorsitzender mit ostdeutschem Hintergrund, eindeutig pro-russisch äußerste, als es um die Frage einer neuerlichen Luftraumverletzung durch eine russische Drohne über polnischem NATO-Gebiet ging.5
Bei der AfD bildet sich also, wie in vielen anderen Parteien und politischen Themenfeldern, eine Ost-West-Diskrepanz ab.6 Das zeigt auch eine Plenarsitzung des Deutschen Bundestags, als es im November 2025 um die Auswirkungen des Verhältnisses der AfD zu Russland auf Deutschlands Sicherheitsinteressen ging. Parteienübergreifend wurde dieses Verhältnis nicht als Ausdruck von Patriotismus, sondern als mögliche Gefährdung der deutschen Sicherheit diskutiert.7 Dass die AfD am 9. Mai 2026 in Treptow nicht anwesend war und auch keinen Kranz niedergelegt hat (wie etwa das BSW), lässt sich darauf zurückführen, dass sich Parteimitglieder immer wieder offen geschichtsrevisionistisch zum Zweiten Weltkrieg und den Verbrechen des Nationalsozialismus geäußert haben. Es dürfte vielen Parteigängern als äußerst widersprüchlich und wenig glaubwürdig erscheinen, wenn die Nazi-Zeit einmal als „Vogelschiss der Geschichte“ bezeichnet und relativiert wird, wie durch den ehemaligen Parteivorsitzenden Alexander Gauland (2018) – um ein anderes Mal dann dem Sieg der Roten Armee über die Wehrmacht zu gedenken. Die AfD hat sogar direkt dazu aufgerufen, den 8. Mai nicht als Tag der Befreiung zu feiern, sondern sich vom „Schuldkult“ der Deutschen abzuwenden.8 Sie betreibt weiterhin Geschichtsrevisionismus über Täter-Opfer-Umkehr, indem sie die alliierten Angriffe auf deutsche Städte wie Dresden im Zweiten Weltkrieg als „Bombenholocaust“ bezeichnet und dabei ausblendet, dass die Bombardements Reaktionen der nationalsozialistischen Angriffskriege und Zerstörungen waren.9
Rassistische Stereotypen und Hetze kombiniert die AfD für sich gewinnbringend mit dem Diskurs über die ostdeutsche Benachteiligung, wobei sie es versteht, Ressentiments zu verstärken und in politische Zustimmung zu übertragen. Die rassistische Rhetorik und die Abschottungs- und Abschiebungsrhetorik der AfD war von Anfang an eines der zentralen Themen der Partei. Der letzte, größere Skandal in diesem Zusammenhang war eine Potsdamer Konferenz, an der zahlreiche Parteimitglieder teilgenommen haben, von der das Wort »Remigration« – in der Migrationsforschung ursprünglich ein neutraler Begriff, der einfach nur »Rückwanderung« bezeichnet – eine neue Karriere im rechtspolitischen Wortschatz genommen hat.10 Russische Kräfte, das hat unter anderem der genannte „Fall Lisa“ gezeigt, wissen um das destabilisierende Potenzial des Rechtspopulismus und nutzen es gezielt aus, um Ängste zu potenzieren und die deutsche Gesellschaft zu destabilisieren, weshalb ihnen die Zusammenarbeit mit der AfD gelegen kommt.11 Dass man sich in der Lesart der Geschichte des Zweiten Weltkriegs diametral widerspricht, kann dabei beiden Seiten solange gleichgültig sein, wie man einander hinsichtlich der jeweiligen Wählerschaft nicht ins Gehege kommt.
Ostdeutschland ist für die AfD zwar eine Hochburg, was aber nicht ohne Widerspruch ist: Einflussreiche Vordenker der Partei, wie Götz Kubitscheck und Ellen Kositza, kommen aus Westdeutschland; Alice Weidel, ebenfalls aus Westdeutschland, wohnt sogar im westlichen Ausland (Schweiz) und weist eine akademische und berufliche Karriere auf, die ganz eindeutig vom Interesse am globalisierten Großkapital, Banken- und Finanzsektor geprägt ist. Trotzdem hat es die AfD geschafft, sich zum Sprachrohr der benachteiligten Ostdeutschen und des „kleinen Mannes“ zu stilisieren – denn ihr Parteipersonal rekrutiert sich in Ostdeutschland aus wesentlich volksnäheren Kreisen. Obwohl neben der Mobilisierung von Misstrauen und Ressentiment so gut wie nichts dafür spricht, die AfD als „ostdeutsche Partei“ zu verstehen, gelingt der Partei diese Finte offenbar gut, indem sie sich eine weitere demagogische Rhetorik des Geschichtsrevisionismus aneignet, wie in einem MDR-Beitrag von 2025 thematisiert wurde: Auf Wahlkampfplakaten von 2019 verwendete die AfD den Ausdruck „Wende 2.0“ und den Demonstrationsruf „Wir sind das Volk“. Wie in Deutschand allgemein bekannt ist, handelt es sich dabei um die zentrale Parole der großen Demonstrationen der Wendezeit gegen das DDR-System. Alexander Gauland – auch er ein Westdeutscher – behauptete in einer Rede sogar, die AfD sei das „aktuelle Neue Forum“, aus dem später unter anderem das Bündnis 90 und damit ein Teil der Partei Bündnis 90/Die Grünen hervorgegangen war.12
In pro-demokratischen Kreisen wird das zweifellos vorhandene und äußerst mobilisierende Momentum rassistischer Einstellungen so prominent behandelt, dass dahinter andere sozialpsychologische Dynamiken übersehen werden können. Gemeint ist damit die Wirklichkeitsflucht zugunsten einer angeblich wiederherstellbaren, alten Ordnung der Industriemoderne – und der Umgang der AfD sowie die Resonanz ihrer Wählerschaft mit dem anthropogenen Klimawandel, den Klimawandelfolgen, der Herausforderung der Energiewende und Deindustrialisierung.
In einem fatalen Anachronismus werden diese Themen nach wie vor als zentrales Themenfeld der Grünen Partei gesehen, obwohl sie alle Menschen gleichermaßen betreffen, wie beim Verfassen dieses Beitrags durch die beispiellose Hitzewelle in Europa auch über alle menschlichen Sinne wahrnehmbar war. Exemplarisch für die ignorante Haltung der AfD zu den Klimawandelfolgen und der aus ihnen resultierenden, notwendigen politischen Schritte stehen zwei Gesetzesentwürfe, die von der AfD-Fraktion Ende Juni 2025 dem Bundestag vorgelegt wurden: Erstens, der Entwurf eines Gesetzes zur Änderung des Grundgesetzes (Artikel 143h – Klimaschutzfolgenbereinigung) und zweitens, der Entwurf eines Gesetzes zur Beseitigung der Klimaschutzfolgen und Wiederherstellung der Energieinfrastruktur in Deutschland (Klimaschutzfolgenbereinigungsgesetz).13
Mit dem ersten Gesetzentwurf (21/575) strebte die AfD eine Grundgesetzänderung. Genauer gesagt forderte sie darin die Änderung des Artikels 143h im Grundgesetz (GG) einschließlich der Aufhebung des dort festgeschriebenen Ziels zur Erreichung der Klimaneutralität bis zum Jahr 2045. Der Artikel 143h des Grundgesetzes war zum Zeitpunkt der Vorlage des Gesetzesentwurfs erst wenige Wochen in Kraft; für ihn hatten im März 2025 Bundestag und Bundesrat weitreichende Änderungen der Haushalts- und Finanzverfassung beschlossen. Der Bund kann damit ein Sondervermögen mit eigener Kreditermächtigung für zusätzliche Investitionen in die Infrastruktur und für zusätzliche Investitionen zur Erreichung der Klimaneutralität bis zum Jahr 2045 mit einem Volumen von bis zu 500 Milliarden Euro errichten. Zudem steht damit ein Sondervermögen in Höhe von 100 Milliarden Euro für den Klima- und Transformationsfonds bereit.14 Mit dem zweiten Gesetzesentwurfs, des „Entwurfs eines Gesetzes zur Beseitigung der Klimaschutzfolgen und Wiederherstellung der Energieinfrastruktur in Deutschland – Klimaschutzfolgenbereinigungsgesetz“ (21/576), sollten das Atomgesetz geändert und 23 Gesetze – unter anderem der Klima- und Transformationsfonds, das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG), der Zertifikate-Handel, das Gebäudeenergiegesetz (GEG) sowie die Gesetze zum Atom- und Kohlestromausstieg – aufgehoben werden, die zum Erreichen der Klimaziele erlassen worden waren, so die Seite des Deutschen Bundestags.15
Die Sprache beider Gesetzesentwürfe ist klar: Die Deindustrialisierung Deutschlands soll aufgehalten, die Energiewende für „gescheitert“ erklärt und der Wiedereinstieg in die Kernenergie beschlossen werden. Nicht die Herausforderungen der Zukunft, sondern eine idealisierte Vergangenheit informieren das Denken der AfD-Politiker. Russland und eine pro-russische Haltung stehen dagegen für das „Weiter so“, für starke Positionierungen gegen das grüne „Gedöns“. Die Hinwendung zu Russland, wo Putin seine Bevölkerung auf Konservatismus jeder Spielart eingeschworen hat, sowie die Abscheu vor sozialen und wirtschaftlichen Veränderungen, so meine Behauptung, fungieren auch als symbolische Cluster und vermeintliche »Alternativen« für eine veränderungsbeunruhigte Bevölkerung, die durch den Klimawandel und seine immer deutlicheren Folgen immer weiter beunruhigt wird.
Diese Haltung ist nicht rational zu erklären. Wohl deswegen wird sie auch so selten diskutiert: Lösungsvorschläge gehen fast immer rationale, faktenbasierte Lösungswege und erkennen viel seltener an, wie wirkmächtig emotional-affektive Motivationen tatsächlich sind. Mir ist während der jahrelangen Beobachtung demagogischer Reden türkischer Neopopulisten auf dem Balkan, in Deutschland und in der Türkei immer wieder der Begriff der »Bauernschläue« in den Sinn gekommen, der eine Art »demagogischer Intelligenz« beschreibt. Auch bei der AfD gibt es mit Sicherheit versierte Berater, die sich bestens auf die Triggerpunkte der demagogischen Intelligenz verstehen: Es kommt auf die Gefühle der Menschen an, und wer weiß, wie man diese einfängt und versorgt, kann sich sicher sein, entsprechenden Rücklauf zu erhalten. Man darf aber bei aller Offensichtlichkeit der Demagogie der AfD nicht vergessen, dass demagogische Politik laut Pierre Bourdieu schon im 20. Jahrhundert Teil der Regierenden war:
Ich habe den Eindruck, dass die Bedingungen für eine nicht demagogische Politik immer schwerer herzustellen sind. Immer häufiger haben wir es mit politischen Demagogen zu tun, d.h. mit scheinbar Regierenden, die in Wirklichkeit regiert werden, weil sie abhängen von Kräften, die so tun, als regierten die Regierenden.16
Was sich in diesem Ausschnitt eines Interviews fast wie ein populistisches oder gar verschwörungsideologisch eingefärbtes Verdikt gegen die „scheinbar Regierenden“ liest, nimmt vor dem Hintergrund des heutigen Misstrauens und der Lobbyismus-Vorwürfe gegen die regierende Koalition in Deutschland eine beunruhigende Aktualität an. Auf die Gefährlichkeit von Demagogie und undemokratischer Emotionen (Eva Illouz) wird im späteren Verlauf des Essays noch ausführlicher zurückzukommen sein.
Fußnoten
1 Tagesschau: „Kritik an Teilnahme der AfD am St. Petersburger Wirtschaftsforum“, in: tagesschau.de (03.06.2026), https://www.tagesschau.de/ausland/asien/st-petersburger-wirtschaftsforum-beginn-100.html (abgerufen am 02.07.2026).
2 AfD NRW, AfD: „Die AfD ist die Friedenspartei!“, in: AfD NRW (23.02.2023), https://afd.nrw/aktuelles/2023/02/85297/ (abgerufen am 01.06.2026); Kleiss, Alexander und Merle Weber: „Warum die AfD keine Friedenspartei ist“ (2024).
3 Kleiss/Weber: „Warum die AfD keine Friedenspartei ist“.
4 Straatmann, Lara und Silke Diettrich: „MONITOR am 25.04.2024 | Alternative für Russland? Die AfD und der Kreml“ (23.04.2024), https://www1.wdr.de/daserste/monitor/sendungen/alternative-fuer-russland-die-afd-und-der-kreml-100.html (abgerufen am 01.06.2026).
5 ZDFheute Nachrichten: Haltung zu Russland spaltet die AfD | heute-journal 2025.
6 Genauer dazu bei Mau, Steffen: Ungleich vereint: warum der Osten anders bleibt, Originalausgabe Aufl., Berlin: Suhrkamp 2024; Mau, Steffen: Lütten Klein: Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft, Berlin: Suhrkamp 2020 (suhrkamp taschenbuch 5092).
7 Arzheimer, Kai: „Im Osten nichts Neues? Die elektorale Unterstützung von AfD und Linkspartei in den alten und neuen Bundesländern bei der Bundestagswahl 2021“, in: Schoen, Harald und Bernhard Weßels (Hrsg.): Wahlen Wähler, Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden 2024, S. 139–178; Deutscher Bundestag: „Auswirkungen des Verhältnisses der AfD zu Russland auf Deutschlands Sicherheitsinteressen – Kein Patriotismus, sondern mögliche Gefährdung unserer Sicherheit“.
8 DPA: „Gauland: NS-Zeit nur ein ‚Vogelschiss in der Geschichte‘“, in: Zeit (2018), https://www.zeit.de/news/2018-06/02/gauland-ns-zeit-nur-ein-vogelschiss-in-der-geschichte-180601-99-549766 (abgerufen am 02.06.2026); MDR Investigativ: Nationalsozialismus und DDR – Wie die AfD die deutsche Geschichte politisch nutzt | Doku 2024.
9 Weinhold, Johanna: „Buchenwald, Dresden, ‚Schuldenbremse‘: Geschichtsrevisionismus bei AfD und Co.“, in: mdr.de , https://www.mdr.de/geschichte/zeitgeschichte-gegenwart/politik-gesellschaft/geschichtsrevisionismus-ende-zweiter-weltkrieg-buchenwald-kz-bombenholocaust-dresden-mythos-100.html (abgerufen am 02.06.2026).
10 deutschlandfunk.de: „Bundesparteitag in Riesa – AfD nimmt Begriff ‚Remigration‘ offiziell ins Wahlprogramm auf“, in: Nachrichten (12.01.2025), https://www.deutschlandfunk.de/afd-nimmt-begriff-remigration-offiziell-ins-wahlprogramm-auf-100.html (abgerufen am 02.06.2026).
11 tagesschau24: „Neue Beweise für gezielte russische Desinformation“, in: ARD (16.09.2024), https://www.ardmediathek.de/video/tagesschau24/neue-beweise-fuer-gezielte-russische-desinformation/tagesschau24/Y3JpZDovL3RhZ2Vzc2NoYXUuZGUvYjk2ZjRlZGMtYTg4OS00MjdkLTg4ODYtYzM3MTAyYzMwMjc5 (abgerufen am 02.06.2026).
12 MDR Investigativ: Nationalsozialismus und DDR – Wie die AfD die deutsche Geschichte politisch nutzt | Doku; ARD team.recherche: Wie die AfD das Holocaust-Gedenken angreift | team.recherche 2026.
13 AfD: Entwurf eines Gesetzes zur Beseitigung der Klimaschutzfolgen und Wiederherstellung der Energieinfrastruktur in Deutschland (Klimaschutzfolgenbereinigungsgesetz) 2025; AfD: Entwurf eines Gesetzes zur Änderung des Grundgesetzes (Artikel 143h – Klimaschutzfolgenbereinigung) 2025. Die Inhalte des folgenden Absatzes übernehme ich der Einfachheit halber (mit geringfügigen Veränderungen) der Seite des Deutschen Bundestags.
14 Deutscher Bundestag: „Deutscher Bundestag – Widerstand gegen AfD-Pläne zur Beseitigung der Klimaschutzfolgen“, in: Dtsch. Bundestag (26.06.2025), https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2025/kw26-de-klimaschutzfolgenbereinigung-1084784 (abgerufen am 02.07.2026).
15 Ebd.
16 Bourdieu, Pierre und Pierre Bourdieu: Der Tote packt den Lebenden, hrsg. v. Margareta Steinrücke, Neuaufl Aufl., Hamburg: VSA-Verl 2011 (Schriften zu Politik & Kultur / Pierre Bourdieu. Hrsg. von Margareta Steinrücke 2), S. 170.
Referenzen
AfD: Entwurf eines Gesetzes zur Änderung des Grundgesetzes (Artikel 143h – Klimaschutzfolgenbereinigung) 2025.
AfD: Entwurf eines Gesetzes zur Beseitigung der Klimaschutzfolgen und Wiederherstellung der Energieinfrastruktur in Deutschland (Klimaschutzfolgenbereinigungsgesetz) 2025.
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Bourdieu, Pierre: Der Tote packt den Lebenden, hrsg. v. Margareta Steinrücke, Neuaufl Aufl., Hamburg: VSA-Verl 2011 (Schriften zu Politik & Kultur / Pierre Bourdieu. Hrsg. von Margareta Steinrücke 2).
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Mau, Steffen: Lütten Klein: Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft, Berlin: Suhrkamp 2020 (suhrkamp taschenbuch 5092).
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Straatmann, Lara und Silke Diettrich: „MONITOR am 25.04.2024 | Alternative für Russland? Die AfD und der Kreml“ (23.04.2024), https://www1.wdr.de/daserste/monitor/sendungen/alternative-fuer-russland-die-afd-und-der-kreml-100.html (abgerufen am 01.06.2026).
Tagesschau: „Kritik an Teilnahme der AfD am St. Petersburger Wirtschaftsforum“, in: tagesschau.de (03.06.2026), https://www.tagesschau.de/ausland/asien/st-petersburger-wirtschaftsforum-beginn-100.html (abgerufen am 02.07.2026).
tagesschau24: „Neue Beweise für gezielte russische Desinformation“, in: ARD (16.09.2024), https://www.ardmediathek.de/video/tagesschau24/neue-beweise-fuer-gezielte-russische-desinformation/tagesschau24/Y3JpZDovL3RhZ2Vzc2NoYXUuZGUvYjk2ZjRlZGMtYTg4OS00MjdkLTg4ODYtYzM3MTAyYzMwMjc5 (abgerufen am 02.06.2026).
Weinhold, Johanna: „Buchenwald, Dresden, ‚Schuldenbremse‘: Geschichtsrevisionismus bei AfD und Co.“, in: mdr.de , https://www.mdr.de/geschichte/zeitgeschichte-gegenwart/politik-gesellschaft/geschichtsrevisionismus-ende-zweiter-weltkrieg-buchenwald-kz-bombenholocaust-dresden-mythos-100.html (abgerufen am 02.06.2026).
ZDFheute Nachrichten: Haltung zu Russland spaltet die AfD | heute-journal 2025.