Wie der Autor Peter Fibich 2005 hervorhebt, war das Ehrenmal von Treptow schon ursprünglich nicht nur zum stillen Gedenken, sondern zum Zweck massenhafter Veranstaltungen angelegt worden. Das erschließt sich Besuchern durch die schiere Dimension des Geländes sofort von selbst.1 Umso wichtiger wurde das großräumige, zudem noch zentral gelegene Ehrenmal in Treptow, wenn auch die Zahl der bestatteten Rotarmisten in der dritten sowjetischen Ehrenmal-Anlage, im Ostberliner Stadtteil Pankow gelegen, jene im zentraler gelegenen Treptow übersteigt. Die Wende 1989/1990 wiederum war in jeder Hinsicht eine disruptive Zäsur im Gedenken: Sowohl die DDR, die in Treptow Zeremonien der Dankesbekundungen inszeniert hat, als auch der „große Bruder“, die Sowjetunion, die hier den verlustreichen, heldenhaften Sieg feierte, hatten sich als mächtige staatliche Akteure desintegriert.

ADN-ZB-SNB-Malischew, 9. Mai 1949
Bundesarchiv, Bild 183-V08566 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 DE https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en, via Wikimedia Commons
Nach der Wende finden seit Mitte der 1990er Jahre am 9. Mai wieder Gedenkveranstaltungen auf dem Gelände statt. Dazu gibt es bereits Forschungsarbeiten: Mischa Gabowitsch und sein Team von Feldforscher:innen haben die Praktiken des Gedenkens für den bereits spannungsgeladenen Zeitraum 2013-2015 in einer ethnographischen Studie beschrieben, die auch die anderen Anlagen sowie Lutherstadt Wittenberg einschließt.2 Gabowitschs Studie zeigt, dass trotz der Wende sowjetische Traditionen des Gedenkens wiederaufgenommen, vor allem aber erweitert und verändert wurden.3
Eine dritte Wegmarke in der Art und Weise, wie am 9. Mai in Berlin-Treptow Gedenken praktiziert wird, ist mit dem Jahr 2014, spätestens aber 2022 mit den russischen Angriffskriegen gegen die Ukraine gesetzt.Das jährliche Zusammenkommen wird zum einen durch die alljährlichen Geschehnisse in Moskau direkt und indirekt beeinflusst, denn dort inszeniert Wladimir Putin den 9. Mai als große, neoimperiale und geschichtsrevisionistische Propagandaveranstaltung.4 Typisch für Neopopulismus-Bewegungen, die immer von grenzübergreifenden Dynamiken geprägt sind, nimmt die Aneignung und Instrumentalisierung des Gedenkens durch das Kreml-Regime unübersehbaren Einfluss auf das Geschehen in Berlin-Treptow. Dort wie an den anderen Ehrenmalen Berlins (sowie am Brandenburger Tor) zeigt die Russische Botschaft direkt Präsenz und organisiert einen Empfang in der Russischen Botschaft. Es sind neben und zusammen mit postsowjetischen Communities aber auch völlig unterschiedliche Gruppen anzutreffen: Entweder werden sie als „Putin-Versteher“ oder als „pro-russisch“ eingestuft, oder aber sie sind nicht eindeutig zuzuordnen, weil das Gedenken und die Familienbiographie im Vordergrund stehen; oder sie sind sogar explizit den Gegnern des pro-Putin-Spektrums zuzuordnen, so wie insbesondere die ukrainischen Gruppen, russische Dissidenten, die Parteivertreter der Grünen oder der ältestes Antifaschistenverband Deutschlands. Unabhängig davon, wie sich diese heterogenen Festteilnehmer zur russischen Einflussnahme und zum Ukraine-Krieg verhalten: All diese Akteure sind durch die entgrenzte, populistische Sendung aus Moskau informiert.

Bundesarchiv, Bild 183-1987-0727-24 / Uhlemann, Thomas / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 DE https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en, via Wikimedia Commons
Pro-russische Umtriebe mit offener Agitation für das revisionistische Putin-Regime haben die gesamte Veranstaltung in Verruf gebracht – was Gabowitsch in seiner Publikation von 2017 noch in allererster Linie der Skandalisierung deutscher Boulevardpresse anlastet. Heute müssen viele Aktivitäten als handfeste Angelegenheit professioneller Propagandatätigkeiten bezeichnet werden: Hier wird nicht nur Putin-Treue zelebriert, sondern das Andenken an den Zweiten Weltkrieg und selbst der Begriff Antifaschismus zu einer diskursiven Kriegswaffe gegen die Ukraine, aber auch gegen Deutschland gewendet. Das erzeugt wiederum neues Misstrauen, verstärkt Ressentiments und Ängste. Das wurde zum Beispiel auf einer Podiumsveranstaltung in der Berliner Gropiusstadt im April 2022 unter Teilnehmern eines Public History Panels thematisiert, die ich mitorganisiert habe: Bei der Veranstaltung ging es um Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Frage der Aufnahme von Flüchtlingen in den 1990er Jahren aus dem ehemaligen Jugoslawien und 2014-2022 aus der Ukraine. Im Vorfeld war es zu großen Auto-Korsos von Putin-Anhängern mit dem Zurschaustellen des Z-Symbols gekommen, was viele Ukrainer in Berlin in Angst und Schrecken versetzt hatte und maßgeblich zu den Demonstrationsverboten des Sankt-Georgs-Banners beigetragen hat.5
Die Misstrauensgemeinschaften von Treptow (2): Zwischen alten und neuen Kriegen
Die Misstrauensgemeinschaften von Treptow (3): Die zentrale Dramaturgie der Verdrängung des Todes
Fußnoten
1Fibich, Peter: „Der Triumph des Sieges über den Tod“, in: Zeitgesch. Online (2005), https://zeitgeschichte-online.de/themen/der-triumph-des-sieges-ueber-den-tod.
2Gabowitsch, Mischa: „Insel Treptow. Praktische Aneignung und mediale Kartographien sowjetischer Gedenkorte in Berlin und Wittenberg“, in: Gabowitsch, Mischa u. a.: Kriegsgedenken Als Event, hrsg. v. Cordula Gdaniec, Mischa Gabowitsch und Ekaterina Makhotina, Brill | Schöningh 2017, S. 203–277; Gabowitsch, Mischa, Cordula Gdaniec und Ekaterina Makhotina (Hrsg.): Kriegsgedenken als Event: der 9. Mai 2015 im postsozialistischen Europa, Paderborn: Verlag Ferdinand Schöningh 2017 (Schöningh and Fink Early Modern and Modern History E-Books Online, Collection 2013-2017, ISBN: 9783657100033) Für die Zeit vor der Wende sind mir keine vergleichbaren Studien bekannt, obwohl sie auf der Grundlage von Oral History Erhebungen unter noch lebenden Zeitzeugen, Bild-, Video- und Pressematerial sowie archivarischen Materials mit Sicherheit noch rekonstruierbar wären.
3Gabowitsch: „Insel Treptow. Praktische Aneignung und mediale Kartographien sowjetischer Gedenkorte in Berlin und Wittenberg“.
4Scherbakowa, Irina: „8. und 9. Mai-Gedenken in Russland: Die gestohlene Erinnerung“, in: Tagesztg. Taz (2025), https://taz.de/8-und-9-Mai-Gedenken-in-Russland/!6083514/ (abgerufen am 20.05.2026); Braden, Benjamin: „Russland am 9. Mai: Wie Wladimir Putin den »Tag des Sieges« kapert“, in: Spieg. (2022), https://www.spiegel.de/ausland/russland-am-9-mai-wie-wladimir-putin-den-tag-des-sieges-kapert-a-dca175b4-593a-40c7-bbe3-abe191959414 (abgerufen am 23.05.2026); Demmel, Vera: „Das Georgsband: Ruhmesorden, Erinnerungszeichen, Pro-Kreml-Symbol“, in: Osteuropa 66/3 (2016), S. 19–31; Gabowitsch/Gdaniec/Makhotina (Hrsg.): Kriegsgedenken als Event.
5Bosnien 1992 – Ukraine 2022: Zivilgesellschaftliche Reaktionen auf den Krieg, Gemeinschaftshaus Gropiusstadt 2022.
Referenzen
Bosnien 1992 – Ukraine 2022: Zivilgesellschaftliche Reaktionen auf den Krieg, Gemeinschaftshaus Gropiusstadt 2022.
Braden, Benjamin: „Russland am 9. Mai: Wie Wladimir Putin den »Tag des Sieges« kapert“, in: Spieg. (2022), https://www.spiegel.de/ausland/russland-am-9-mai-wie-wladimir-putin-den-tag-des-sieges-kapert-a-dca175b4-593a-40c7-bbe3-abe191959414 (abgerufen am 23.05.2026).
Demmel, Vera: „Das Georgsband: Ruhmesorden, Erinnerungszeichen, Pro-Kreml-Symbol“, in: Osteuropa 66/3 (2016), S. 19–31.
Fibich, Peter: „Der Triumph des Sieges über den Tod“, in: Zeitgesch. Online (2005), https://zeitgeschichte-online.de/themen/der-triumph-des-sieges-ueber-den-tod.
Gabowitsch, Mischa: „Insel Treptow. Praktische Aneignung und mediale Kartographien sowjetischer Gedenkorte in Berlin und Wittenberg“, in: Gabowitsch, Mischa u. a.: Kriegsgedenken Als Event, hrsg. v. Cordula Gdaniec, Mischa Gabowitsch und Ekaterina Makhotina, Brill | Schöningh 2017, S. 203–277.
Gabowitsch, Mischa, Cordula Gdaniec und Ekaterina Makhotina (Hrsg.): Kriegsgedenken als Event: der 9. Mai 2015 im postsozialistischen Europa, Paderborn: Verlag Ferdinand Schöningh 2017 (Schöningh and Fink Early Modern and Modern History E-Books Online, Collection 2013-2017, ISBN: 9783657100033).
Scherbakowa, Irina: „8. und 9. Mai-Gedenken in Russland: Die gestohlene Erinnerung“, in: Tagesztg. Taz (2025), https://taz.de/8-und-9-Mai-Gedenken-in-Russland/!6083514/ (abgerufen am 20.05.2026).