Misstrauensgemeinschaften ist ein Begriff, den der Soziologe Aladin El-Mafaalani jüngst geprägt hat. Besonders hochkomplexe Gesellschaften sind demnach auf ein großes Maß von Vertrauen angewiesen: Komplexe Systeme wie das Gesundheitswesen, Verwaltungsstrukturen, die Forschung, die Politik könnten ohne das Wissen von Expertinnen und Experten nicht funktionieren. Zunehmende Kontrollmaßnahmen können Vertrauen funktional nicht ersetzen, wie in einem Umkehrschluss zum Lenin zugeschriebenen Satz „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“. Vielmehr verstärken Kontrollmaßnahmen das Misstrauen, dessen Zunahme auch dadurch insgesamt immer wahrscheinlicher werde. Auf Ebene des Individuums habe das auch mit Unklarheit zu tun, wem man in all der Komplexität überhaupt noch vertrauen kann. Digitalisierung und Social Media wirken als Diskurstreiber, wie so oft schon beschrieben in den letzten Jahren.1
Neu ist laut El-Mafaalani, dass sich heute verstärkt Misstrauensgemeinschaften bilden, die durch den Wegfall alter Gatekeeper ein erhöhtes Gefühl von Selbstwirksamkeit spüren. Alternativen zum bestehenden System, wie es in Deutschland der Name der populistischen Partei Alternative für Deutschland suggeriert, erscheinen jetzt greifbar.2 Während sich der Soziologe auf die Misstrauensdynamik der Gegenwart konzentriert, ließe sich aus einer historisch-anthropologischen Sicht ergänzen, dass Misstrauensgemeinschaften wie jene aus Berlin-Treptow, um die es in diesem Essay geht, über viele Jahre und sogar Jahrzehnte wachsen können. Dass das gegenwärtige Misstrauen unter Umständen eine lange akkumulierte Genese hat, die bis in die Zeit der Wende 1989/90 und ihre Versprechungen hat und in seiner rasanten Zunahme und Konzentration als Misstrauensgemeinschaften trotzdem neu ist, ist dabei kein Widerspruch.
Als unsichtbare Kraft bezeichnet El-Mafaalani das schwindende Vertrauen auch. Es lasse sich nicht direkt beobachten oder messen, obwohl seine Wirksamkeit bestimmbar ist – ähnlich der dunklen Materie in der Physik, die ebenfalls unsichtbar, aber nichtsdestotrotz höchst relevant ist.3 Folgt man diesem metaphorischen Vergleich, dann müsste dasselbe für Misstrauen gelten, bedeutet es doch zunächst einmal die Abwesenheit von Vertrauen. Dennoch kann Misstrauen in Gestalt organisierter Misstrauensgemeinschaften durchaus manifest und sichtbar werden.
Ein Paradebeispiel dafür ist die alljährliche Gedenkveranstaltung zum 9. Mai in Berlin-Treptow am dortigen Sowjetischen Ehrenmal. Wie in Moskau und anderen postsowjetischen Städten wird an diesem Tag in Treptow der extrem verlustreiche Sieg der Roten Armee in der Schlacht um Berlin über Nazideutschland, die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht in Berlin-Karlshorst und das Ende des 2. Weltkriegs auf europäischem Boden gefeiert. Zu den Feierlichkeiten erschienen auch in diesem Jahr hier wie an den anderen Ehrenmälern der Stadt Vertreter des offiziellen Russlands, der Botschaften anderer GUS-Staaten und eine breite Palette von individuellen, familiären und politisch organisierten Gruppen. Diese widersprüchliche Mischung aus Mensch und Ort steht in diesem Essay im Mittelpunkt.

Der Ukraine-Krieg, der unterdessen im Hintergrund stattfand, lieferte den Hauptgrund für das offizielle Russland, die Symbolik des 9. Mai massiv instrumentalisieren und zu Propagandazwecken zu nutzen – und der Krieg war auch in Berlin an diesem Tag eindeutig anwesend. Doch der Ukraine-Krieg war bei weitem nicht das alleinige Konfliktthema: Ob untereinander, ob gegen verfeindete Staaten, ob gegen System und Eliten – oder sogar in meiner eigenen, zunehmend misstrauischen Haltung als solitärer Besucher dieser großen Zusammenkunft organisierter Misstrauensgemeinschaften: Das Misstrauen war am 9. Mai im Treptower Park mit allen Sinnen wahrnehmbar und sichtbar. Das St. Georgs-Band beispielsweise kann als Insigne des Misstrauens gelten, das an diesem und am vorangegangenen Tag durch eine polizeiliche Allgemeinverfügung sogar in verschriftlichter Form zu einer Gefahr für die demokratische Gesellschaft deklariert worden und nur eingeschränkt vorzeigbar war.4
Der 9. Mai ist seit Jahren immer wieder Gegenstand der öffentlichen Debatte in Berlin, aber sowohl die Berichterstattung als auch Zugänge durch die Forschung haben sich mit dem fortschreitenden Krieg und der Zunahme neopopulistischer Diskursradikalisierungen verändert. Der Soziologe und Zeithistoriker Mischa Gabowitsch beklagte in seinem 2017 erschienenen Beitrag noch mangelndes Interesse der deutschen Presse an der Veranstaltung insgesamt, wenn man von der Skandalisierung der Teilnahme der »Nachtwölfe« durch die Boulevardpresse absehe – Mitglieder eines rechten, russischen Motorradclubs, der auch in diesem Jahr anzutreffen war. Trotz der hohen Teilnehmerzahlen an der 9. Mai-Veranstaltung schon im Jahr 2014 sei im Nachgang fast nur im Stile einer moralischen Panik berichtet worden.5 Seitdem hat sich vieles geändert, im letzten Jahr (2025) konizidierten die Feierlichkeiten und Propagandatätigkeiten außerdem mit dem 80-jährigen Jubiläum des Endes des Zweiten Weltkriegs.
Im Vergleich zum Vorjahr könnte man sagen, dass es sich in 2026 um ein relativ unspektakuläres Event gehandelt hat, sofern diese Bezeichnung einer solchen Gedenkveranstaltung angemessen ist. In einer Gesamtschau zurück bis zum Jahr 2014 und der ersten russischen Invasion der Ukraine kann indes von einem geringen Medieninteresse keine Rede mehr sein, und ebenso wenig hat sich allein die Boulevardpressse auf das alljährliche Geschehen konzentriert. Das im Vergleich zum 80-jährigen Jubiläum des Endes des 2. Weltkriegs im vergangenen Jahr geringere Presseecho korrelierte wiederum mit Wladimir Putins Entscheidung, dass die sonst opulenten Feierlichkeiten in Moskau stark zu reduzieren seien – laut (westlichen) Pressemeldungen aus Angst vor möglichen ukrainischen Drohnenangriffen in Moskau. Man könnte also spekulieren, dass das Interesse der deutschen Presse an dieser Veranstaltung indirekt mit den Entscheidungen Putins und auch mit einer verringerten Teilnehmerzahl zusammenhängt. Auch die von der deutschen Presse gerne aufgegriffenen »Nachtwölfe« kündigten geringe Präsenz an. Das heimische Putin-Spektakel, wenn man so will, verhieß in diesem Jahr eben – wenig Spektakuläres.

Als teilnehmender Beobachter habe ich bei der diesjährigen Festteilnahme auch ethnographische Methoden angewandt, bin aber, anders als Gabowitsch, nicht in erster Linie den Gedenkpraktiken der postsowjetischen, postmigrantischen Besucher nachgegangen, wenn ich auch viele der von ihm beschriebenen Beobachtungen (Niederlegen von Blumen, singendes Gedenke, usw.) in einer ganz ähnlichen Form beobachten konnte. Meine Beobachtungen beruhen hauptsächlich auf fotografischen Beobachtungen und Feldnotizen meines Besuchs der Gedenkveranstaltung am 9. Mai 2026 im Treptower Park, obwohl auch regelmäßige Besuche des Orts seit 2002 sowie ein weiterer Besuch vier Tage danach dem Event in diesen Essay mit einfließen.6 Mit dem Begriff der Misstrauensgemeinschaften bin ich in diesem Essay auf der Spur einer äußerst widersprüchlichen Assemblage des Gedenkens, des Gegengedenkens, der Instrumentalisierung von Geschichte. Geschichte wurde darüber zu einem wichtigen Inventar von Propaganda, was über die in diesem Zusammenhang verwendeten Symbole und symbolischen Praktiken deutlich wurde. Nicht zuletzt der Ort selbst – von Peter Fibich zutrefflich als ein Gesamtkunstwerk verstanden – muss als höchst metaphernträchtiges Symbol einbezogen werden.7 Andererseits – und das gehört zu den Paradoxa der Gedenktätigkeiten am 9. Mai in Berlin – war hier auch sehr deutlich Widerspruch zur Instrumentalisierung von Geschichte zu vernehmen. Man könnte also sagen, dass hier Geschichtsrevisionisten auf Akteure getroffen sind, die zur Revision der Geschichte und des Geschichtsrevisionismus aufriefen.
Ich verfolge hauptsächlich neopopulistische Bezüge, die sich symbolisch, allegorisch, metaphorisch abbilden und dabei Sprachgrenzen und politische Grenzen überschreiten: So wurde das Symbol des St. Georgs-Bands aktiv von Teilnehmern verwendet, die biographische Bezüge in die postsowjetischen Staaten und zu Gefallenen des Zweiten Weltkriegs hatten – aber auch von solchen, die aus den Reihen der Nachkommen von Besiegten kamen und mit dem Symbol ein diffuses Russlandbild oder DDR-Nostalgien assoziierten. Zwischen russischen Dissidenten, Putin-Anhängern, ukrainischen Gruppen, deutschen Parteien von Grün bis Rot, Geschichtsrevisionisten und ihren Gegnern, Friedens- und Palästina-Aktivisten bis hin zu Verschwörungstheoretikern war die Bühne so gemischt, dass es gar nicht so einfach ist, einen Begriff für die Gesamtheit aller Anwesenden zu finden. Für das, was sich an diesem Tag darbot und öfter ein Gegeneinander als ein Miteinander bildete, hat sich deswegen der Begriff der Assemblage am besten angeboten, der noch genauerer Klärung bedarf.
Das Konzept Assemblage stammt aus der Kunst. Es böte sich daher schon in einem kunstwissenschaftlichen Sinn für eine Betrachtung des Sowjetischen Ehrenmals an, das sich als realsozialistisches Kunstwerk der stalinistischen Ära heute vielen Besuchern nicht mehr ohne weiteres selbst erschließt. Assemblage lässt sich unterschiedlich ins Deutsche übersetzen, vom Französischen aus eher als Verschnitt, Zusammenfügung, Gefüge, während es im Englischen neben dieser Bedeutung auch synonym für Rallye verwendet wird, Versammlung, Vereinigung, Menge. In den anthropologischen und sozialwissenschaftlichen Gebrauch wurde der Begriff durch Gilles Deleuze und Félix Guattari eingeführt8 und hat sich in den letzten Jahren besonders in anthropologischen Arbeiten zu mehr-als-menschlichen Zusammenhängen verbreitet, wie beispielsweise bei Donna Haraway oder Anna Lowenhaupt Tsing.9
Lowenhaupt Tsing vergleicht Gefüge mit polyfonem Gesang und Vielstimmigkeit / Polyphonie, was dem Ort des Treptower Ehrenmals zunächst völlig widerspricht, denn es war – wie ich noch genauer erläutere – als perfektes Requiem und damit als genauestens abgestimmte Symphonie konzipiert worden. Dennoch eignet sich die Verbindung von Ort (Ehrenmal) und polyfoner Gedenk- und Gegengedenkpraxis ebenso zu einem „landschaftsbasierten Gefüge“ wie Lowenhaupt Tsings gestörte Wälder Japans, Finnlands oder Yunnans, in denen sie mehr-als-menschlichen Zusammenhängen zwischen dem Matsutake-Pilz und Menschen nachgeht – auch wenn es hier um ein in seinem Requiem gestörtes, Sowjetisches Ehrenmal geht, das gewissermaßen aus der Zeit gefallen ist, aber gleichzeitig auf widersprüchliche Weise äußerst lebendig und umkämpft ist.10 George E. Marcus und Erkan Saka haben drei Haupteigenschaften einer Assemblage vorgeschlagen, die sich auch hier vorfinden lassen:
Erstens zeichnen sich Assemblagen durch Heterogenität aus. Darunter ist nicht nur Unterschiedlichkeit unter den Menschen zu verstehen, obwohl das unbedingt gegeben war, sondern auch, dass es nicht nur Menschen in einer Assemblage gibt, sondern auch Dinge, Diskurse, Materien, Substanzen, Tiere, Ideen, etc. Eine Rechtsvorschrift, ein Computeralgorithmus und ein menschliches Gefühl können Teil ein und derselben Assemblage sein. Im Fall des 9. Mai in Treptow spielen pflanzliche Metaphern, steinerne Skulpturen, die bauliche Dramaturgie, aber auch eine polizeiliche Allgemeinverfügungen, die deutsch-russische Zeitverschiebung, die Kosmopolitisierung und Superdiversität Berlins und oft genug schräg erscheinende Allianzen und widersprüchliche Schnippseleien von Symbolen entscheidende Rollen. Der Ort und seine Komposition ist schon aus dem simplen Grund deswegen von Gewicht, weil die Veranstaltung dort und an anderen, ähnlich symbolisch beladenen Orten in Berlin stattfand, und nicht einfach irgendwo auf der Straße, wo Demonstrationen stattfinden. Ort und Kompositionen des Gefüges verdienen besondere Aufmerksamkeit.
Zweitens sind nach Marcus und Saka Assemblagen emergent, was bedeutet, dass die Summe ihrer Teile ein anderes Ergebnis als die Teile selbst ergibt. So wie sich Wasserstoff und Sauerstoff zu Wasser verbinden, das eine völlig andere Substanz ist, entstehen beim Zusammentreffen sozialer Elemente unvorhersehbare neue Situationen. Am Beispiel des Treptower Gedenkens könnte man zum Beispiel sagen, dass das Zusammentreffen von religiösen Praktiken im Sinn traditioneller Glaubensgemeinschaften wie russisch-orthodoxer Kirche und Islam mit dem Zeremoniell eines sowjetischen Ehrenmals eine zwar ähnliche, aber andere Situation ergibt, als dies in der Ära der Sowjetunion und der DDR der Fall war. Man kann die im Berliner Landesarchiv und anderswo vorhandenen Bilder von Gedenkveranstaltungen zum 9. Mai in der DDR-Zeit zu Rate ziehen und wird feststellen, dass es sich um vergleichsweise homogene Veranstaltungen mit klarem Sinn und Zweck handelte. Keinesfalls waren diese Versammlungen der Vergangenheit Ort teils heftigster Auseinandersetzungen und Gegnerschaft unter den Besuchern, wo nicht nur Positionen zum Ukraine-Krieg, sondern radikale Systemfragen und Infragestellungen artikuliert wurden, und zwar nach Außen und nach Innen.
Drittens berücksichtigt die Sichtweise der Assemblage Vergänglichkeit und Fluidität: Gefüge bestehen nicht ewig, auch wenn das Ehrenmal ganz explizit einen Ewigkeitsanspruch geltend macht und den Gefallenen verspricht, die Heimat werde sie niemals vergessen. Assemblagen dienen so gesehen einem bestimmten Zweck, existieren eine Zeit lang und lösen sich dann auf oder wandeln sich um, und genau das kann auch für die neue Assemblage seit Mitte der 1990er Jahre oder nach der nächsten Wegmarke, dem Ukraine-Krieg ab 2014, gesagt werden: Zwar vergisst die Heimat die Gefallenen nicht, doch was wurde damals und was wird heute unter Heimat (родина) verstanden? Wer kommt heute am 9. Mai um der Heimat willen – um welche, und wo liegt diese jeweilige Heimat, je nachdem, ob es sich um sogenannte Reichsbürger, postsowjetische Putin-Anhänger, deutsche Altkommunisten, Anhänger der Türkischen Kommunistischen Partei, ukrainischer Kriegsgegner, russische Dissidentinnen oder andere handelt?11
Durch ihre Fluidität sind Assemblagen eine Herausforderung für Gesellschaftstheorien. Das bedeutet bedeutet auch, dass feste Richtkoordinaten wie Rechts/Links, Außenpolitisch/Innenpolitisch etc. alles andere als stabil oder zuverlässig sind.Die Schwierigkeit bei der vorliegenden Betrachtung besteht schon in der simplen Frage, worum es eigentlich an diesem Tag zutiefst widersprüchlicher Akteure und ihrer Äußerungen ging. Schon so einfache Begriffe wie „Frieden“ oder „Antifaschismus“ bedeuteten unterschiedlichen Akteuren teilweise etwas völlig Gegensätzliches. Ich folgte den Praktiken, Sichtbarmachungen und Äußerungen solcher Bedeutungsschnippsel daher wie Momentaufnahmen, mit denen sich Misstrauensgemeinschaften symbolisch auszeichneten. In der Übersetzungs- und Metapherntheorie bedeutet das immer, dass diese Äußerungen als uneigentlich zu verstehen sind. Doch jede uneigentliche Übertragung lässt sich grundsätzlich (zumindest theoretisch) zu einem eigentlichen Ursprung zurückverfolgen – ob in die Geschichte des Gedenkortes oder in kollektiven und individuellen Gefühlswelten ihrer Erbauer und der von ihnen adressierten Besucher. Teilweise ließen sich Besucher zu ihrer Gedenkpraxis oder zu ihren Äußerungen befragen, oft genug war das aber auch nicht möglich, weil die symbolsprachigen Botschaften aus Kalkstein, Blumen, Bäumen, Kränzen oder anderen dinglichen Trägern bestanden; nicht zu vergessen das Misstrauen oder eine quasi-religiöse Numinosität von Gefühlen und Stimmungen.

Wie in Theorien des Übersetzens, (Fremd-)Verstehens und der Metaphorik ausführlich beschrieben worden ist, meinen und bezeichnen Diskursteilnehmer bei der Verwendung einer sprachlich-symbolischen Sendung in den meisten Fällen etwas unterschiedliches, auch wenn das Zeichen an sich identisch erscheint.12 Metaphorische und allegorisierte Bezeichnungen wie „Großer Vaterländischer Krieg“ (Великая Отечественная война) oder „Mutter Heimat“ (Родина-мать) u.v.m. mögen Insidern selbstverständlich, lexikalisiert und banal vorkommen; Außenseitern, die nicht postsowjetisch sozialisiert oder nach dem Kalten Krieg geboren wurden, werden sie womöglich antiquiert erscheinen.13 Das heißt aber nicht, dass Vegetations- und Familienmetaphorik obsolet geworden ist und ihre sprachliche Macht eingebüßt hätte. Es bedeutet auch nicht, dass politische Metaphern in der Gegenwart nicht mehr gebräuchlich wären und symbolische Sprache und ihr Verständnis überflüssig geworden wären.14

Wie ich nachzeichne, zeigt etwa die Neu-Adaption des St. Georgs-Bands durch nicht-russische Akteure nicht nur die Sichtbarwerdung entgrenzter Misstrauensgemeinschaften an, sondern stellt auch einen exemplarischen Fall von Neopopulismus dar, der im Sinn der Assemblage emergent und im Vergleich zu Vorgängerversionen etwas Neues ist. Neopopulismus unterscheidet sich von klassischen Populismen dadurch, dass seine Referenzen keineswegs mehr national eingegrenzt (oder eingrenzbar) sind, wie dies in klassischen, rechtspopulistischen Bewegungen zumindest teilweise typisch war, was wiederum mit neuen Technologien zusammenhängt: Neopopulisten und ihre Adressaten überschreiten nationale Grenzen auch aus dem einfachen Grund, weil sie es problemlos können.15 Das uneigentliche Symbol des St.-Georgs-Bands substitutiert hier etwas Eigentliches, das als uneigentliches Bild in „unser“ Denken Eingang findet, wobei es für ein wie auch immer verstandenes – etwa: deutsches, ukrainisches, russisches – »Wir« keine einheitliche Schablone gibt.
Eine eindeutige Deutung ist nicht möglich, weil das Symbol, je nach Empfänger und deren jeweiliges Weltwissen, mehrdeutig ist und bleibt. Die Tatsache, dass zum Beispiel das St. Georgs-Band von völlig unterschiedlichen Akteuren aus dem postsowjetischen Raum bis in die deutsche Öffentlichkeit und in unterschiedlichen Altersgruppen verwendet wird, lässt dieses Symbol, das oft in Form einer Textilie auftaucht, wie den Artikel einer Bastelei (Bricolage) aus dem Repertoire des Bastlers (bricoleur) erscheinen, wie Lévi-Strauss im Wilden Denken beschrieben hat. Eine Bricolage kann das uneinheitliche Zusammenbasteln und Neukomponieren von symbolisch aufgeladenen Bedeutungsschnippsel sein, die neu verbastelt einen neuen Sinn ergeben können.16 Dies Assemblage ist also von verschiedenen Bricolagen geprägt, denen ich in einem Mehr-Methoden-Ansatz folge. Als primäre Quelle dienen mir die eigenen Beobachtungen in Form von Feldnotizen, geführten Gesprächen und Fotografien. Diese Momentaufnahmen trianguliere ich mit bestehender Sekundärliteratur zum Treptower Ehrenmal, zu historischer Propaganda, mit Pressebeiträgen der letzten Jahre, polizeilichen und behördlichen Dokumenten und weiteren Studien, Selbstdarstellungen und Publikationen der beobachteten Akteure und Vergleichen zu anderen neopopulistischen Assemblagen.17

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Die Herausforderung bei der Beschreibung einer solchen Assemblage, die ganz eindeutig und unübersehbar von politischer und propagandistischer Sendung durchdrungen ist,besteht darin, einerseits die Intentionen propagandistischer Sender und Empfänger nicht zu vernachlässigen. Andererseits ist eine überspezifische Deutung zu vermeiden, etwa in Beschreibungen und Einstufungen wie „russisches Volksfest“ oder „Propagandaveranstaltung der Russischen Botschaft“. Darüber könnten andere Aspekte verschatten, die ebenfalls mit Entgrenzung zu tun haben und mit dem Ziel, die Komplexität des Neopopulismus zu verstehen, gemeinsam gedacht werden sollten.Auch das Neue an der Assemblage ist zu den geschichtlichen Kontinuitäten und seiner Gewordenheit hin abzuwägen.Wie Jurij Murašov in einem Beitrag über das sowjetische Ethos und „radiofizierte Schrift“ medialer und literarischer Sendung in den frühen 1930er Jahren zeigt, ist Entgrenzung in einem sowjetische Kontext – der das Treptower Ehrenmal mitten in Berlin zweifellos ist – grundsätzlich gar nichts Neues. Allein die Anwesenheit großer, sogar stilgebender Baudenkmäler aus der Sowjetunion in Ostdeutschland und Mittel- und Ostmitteleuropa zeigen das.18
In der Sowjetunion und in der DDR wurden das Wissen und der Erfahrungsschatz an Propaganda, Desinformation, Unterwanderung über „aktive Maßnahmen“, die Manipulation öffentlicher Meinung im In- und Ausland sowie alle Arten von Spionage dermaßen auf die Spitze getrieben, dass sich dieses auch heute noch in weiter entwickelter Form zum Einsatz kommende Wissen nicht hinter dem feindlichen Pendant der USA oder anderer Länder zu verstecken braucht.19 Das Sendungsbewusstsein der Sowjetunion über die Grenzen des riesigen Imperiums hinaus exportierte sogar die eigenen Familienmetaphern recht erfolgreich, so dass die UdSSR in der offiziellen DDR-Sprechweise als „großer Bruder“ figurierte. Dennoch war auch die grenzüberschreitende, sowjetische Propaganda von einer relativ eindeutigen, durch kontrollierte und kontrollierende Gatekeeper stark eingehegt.20 Auch die Propositionen der sowjetischen Sendung, die im Grunde immer auf eine bipolare, systemische Machtpositionierung hinausliefen, waren relativ klar. Zwischen der Kremlogie und Feindbeforschung des Kalten Krieges einerseits und den algorithmisch verstärkten, vielstimmigen Diskursräumen der Gegenwart andererseits liegen scheinbar Welten.
Das Setting der heutigen Assemblage ist in vielerlei Hinsicht völlig anders als vor den geopolitischen und digitalen Wenden:Auch wenn der Diskursraum heute von einer Angst vor Demokratieverlust geprägt ist und sich der Raum des öffentlich Sagbaren in den vergangenen Jahren in Deutschland immer wieder empfindlich verengt hat, herrscht im Vergleich zu den DDR-Jahrzehnten eine umfassende Demokratie, Meinungs- und Versammlungsfreiheit. Am 9. Mai 2026 wurde das auch an einem in der DDR-Ära undenkbaren Zurschaustellen radikaler Systemablehnung sichtbar, wie das Beispiel der Gruppe staatenlos.info zeigt. Zweitens haben die Digitalisierung und die sich daraus entwickelnden, neuen Medien dazu geführt, dass die Gates der medial eingehegten Diskursräume der Presse von den Gatekeepers verlassen wurden und weit geöffnet sind, was nicht nur hinsichtlich der stark eingeschränkten Pressefreiheit in der DDR und in der Sowjetunion zutrifft, sondern auch für den Vergleich mit der Presselandschaft der BRD und anderer Länder. Diese Entgrenzung und Öffnung hatte allerdings nicht die anfangs von vielen erhofften, demokratisierenden Folgen, wie auch El-Mafaalani betont. Vielmehr hatte die Entwicklung zur Folge, dass Misstrauen zu einem prämierten Asset geworden ist, das eine unüberschaubare, von Qualitätsprüfungen entbundene Masse von Influencerinnen und Influencern als „Polarisierungsunternehmer“ nutzen, wobei die Grenzen zu Propaganda schwer zu ziehen sind.21
In den folgenden beiden Abschnitten werde ich zuerst kurz auf die Gedenkpraxis seit der Wende 1990 sowie auf die wichtigsten Fakten rund um das Ehrenmal eingehen, was die von den Gestaltern beabsichtigte Dramaturgie des Geländes umfasst. Laut Peter Fibich, der die wahrscheinlich genaueste Analyse des Treptower Ehrenmals mit besonderer Gewichtung seiner pflanzlichen Metaphorik angefertigt hat, handelt es sich dabei um ein „Gesamtkunstwerk architektonischer, skulpturaler, textlicher sowie bild- und gartenkünstlerischer Elemente“.22 Für die historische Kontextualisierung des Gedenkortes, besonders aber um zu verstehen, wo und wie geschickte Polarisierungsunternehmer alte und neue Symbole und Ideen bis tief hinein ins Repertoire religiöser Sendung und Ewigkeitsvorstellungen heute zu neuen Bricolagen verbasteln, ist das Verständnis des Ortes mit seiner reichhaltigen Symbolik unerlässlich. In einer Assemblage kommt es schließlich auf das Zusammenspiel an – denn, wie George Lakoff einmal so treffend feststellte, „eine Metapher kommt selten allein“.23 Die mit der figürlichen Mutter Heimat bereits kurz hinter dem Eingang aufwartende, zentrale Familienmetaphorik muss im historischen Kontext zuerst geklärt werden, um die symbolische Logik der Gedenkpraxis, etwa der Blumendarbringung, aber auch ihrer Devianzen und Bricolagen offenlegen und verstehen zu können.
Die Misstrauensgemeinschaften von Treptow (2): Zwischen alten und neuen Kriegen
Die Misstrauensgemeinschaften von Treptow (3): Die zentrale Dramaturgie der Verdrängung des Todes
Fußnoten
1El-Mafaalani, Aladin: Misstrauensgemeinschaften: zur Anziehungskraft von Populismus und Verschwörungsideologien, Köln: Kiepenheuer & Witsch 2025.
2Ebd.
3Ebd.
4Polizei Berlin: „Allgemeinverfügung zum 8. und 9. Mai 2026“ (07.05.2026), https://www.berlin.de/polizei/polizeimeldungen/2026/pressemitteilung.1669044.php (abgerufen am 18.05.2026).
5Gabowitsch bezieht sich auf das Verständnis moralischer Panik, wie sie 1994 von Erich Goode und Nachman Ben-Yehuda beschrieben worden ist. Gabowitsch, Mischa: „Insel Treptow. Praktische Aneignung und mediale Kartographien sowjetischer Gedenkorte in Berlin und Wittenberg“, in: Gabowitsch, Mischa u. a.: Kriegsgedenken Als Event, hrsg. v. Cordula Gdaniec, Mischa Gabowitsch und Ekaterina Makhotina, Brill | Schöningh 2017, S. 203–277, hier S. 261-270.; Vgl. Goode, Erich und Nachman Ben‐Yehuda: Moral Panics: The Social Construction of Deviance, 1. Aufl., Wiley 2009.
6Neben dem Ehrenmal im Treptower Park hat der Autor bzw. sein anonymes Team das Sowjetische Ehrenmal in Tiergarten, das Ehrenmal in Berlin-Pankow (Volkspark Schönholzer Heide), das Deutsch-Russische Museum in Berlin-Karlshorst sowie Lutherstadt Wittenberge besucht. Gabowitsch: „Insel Treptow. Praktische Aneignung und mediale Kartographien sowjetischer Gedenkorte in Berlin und Wittenberg“.
7Fibich, Peter: „Der Triumph des Sieges über den Tod“, in: Zeitgesch. Online (2005), https://zeitgeschichte-online.de/themen/der-triumph-des-sieges-ueber-den-tod.
8W.P. Phillips, John: „Agencement/Assemblage“, in: Theory Cult. Soc. 23/2–3 (2006), S. 108–109; De Landa, Manuel: Assemblage Theory, Edinburgh: Edinburgh University Press 2022 (Speculative Realism SPRE).
9Haraway, Donna: Unruhig bleiben: Die Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän, übers. von. Karin Harrasser, 1. Auflage Aufl., Weinheim: Campus Verlag 2018; Tsing, Anna Lowenhaupt: The mushroom at the end of the world: on the possibility of life in capitalist ruins, Princeton: Princeton University press 2015.
10Tsing, Anna Lowenhaupt: Der Pilz am Ende der Welt: über das Leben in den Ruinen des Kapitalismus, übers. von. Dirk Höfer, Fünfte Auflage dieser Ausgabe Aufl., Berlin: Matthes & Seitz Berlin 2021 (Matthes & Seitz Berlin Paperback 017), S. 211–212.
11Marcus, George E. und Erkan Saka: „Assemblage“, in: Theory Cult. Soc. 23/2–3 (2006), S. 101–106.
12Kruse, Jan, Kay Biesel und Christian Schmieder: Metaphernanalyse, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2011; Lakoff, George und Mark Johnson: Metaphors We Live By, [Nachdr.] Aufl., Chicago [u.a]: University of Chicago Press 2008; Lakoff, George, Mark Johnson und George Lakoff: Leben in Metaphern: Konstruktion und Gebrauch von Sprachbildern, 8. Aufl Aufl., Heidelberg: Carl-Auer-Verl 2014 (Systemische Horizonte); Lakoff, George und Elisabeth Wehling: Auf leisen Sohlen ins Gehirn: politische Sprache und ihre heimliche Macht, 3. Aufl Aufl., Heidelberg: Carl-Auer-Verl 2014 (Kommunikation, Gesellschaft).
13Vgl. Langenohl, Andreas: „Krieg und Geschichte im Russland der Transformation: Neuinstitutionalisierung und öffentliche Reformulierung“.
14Tanja Petrović hat dies am Beispiel des EU-Erweiterungsdiskurses aufgezeigt, der in seiner hochmetaphorischen Sprache permanent Metaphern der „Europäischen Familie“ und des „gemeinsamen Hauses“ produziert, während Nükhet Sirman in ihrer Nachzeichnung der historischen Genese türkischer Staatsbürgerschaftskonzepte ebenfalls ganz ähnliche Begriffe beschreibt, wenn auch das „gemeinsame Haus“ im Falle der Türkei im Sinne der Modernisierungspolitik der frühen türkischen Türkischen Republik unter dem Haushaltsvorsteher und „Türkenvater“ (Atatürk) Mustafa Kemal nicht zu durch Erweiterung, sondern über die Reduktion hin zum Ideal der europäischen Kernfamilie bilden sollte. Petrović, Tanja: Yuropa: jugoslovensko nasleđe i politike budućnosti u postjugoslovenskim društvima, Beograd: Fabrika knjiga 2012 (Edicija Reč, knjiga 72); Petrović, Tanja: „On the Way to Europe: EU Metaphors and Political Imagination of the Western Balkans“, in: Horvat, Srećko und Igor Štiks (Hrsg.): Welcome Desert Post-Social. Radic. Polit. Yugosl., London/New York: Verso 2015; Sirman, Nükhet: „Aile Yoluyla Vatandaşlığın Kuruluşu“, in: Keyman, Emin Fuat und Ahmet İçduygu (Hrsg.): Küreselleşme Avrupalışma Ve Türkiyede Vatandaşlıl, 1. baskı Aufl., İstanbul: İstanbul Bilgi Üniversitesi yayınları 2009 (İstanbul Bilgi Üniversitesi yayınları Siyaset Bilimi, 249 26); Sirman, Nükhet: „Die Familisierung der Staatsbürgerschaft in der Türkei“, in: Ataç, Ilker, Bülent Küçük und Şener Ulaş (Hrsg.): Perspekt. Auf Türk. Ökon. Ges. Disk. Im Kontext Eur., 1. Aufl. Aufl., Münster: Westfälisches Dampfboot 2008, S. 296–320.
15Rosanvallon, Pierre: Le siècle du populisme: histoire, théorie, critique, Paris: Éditions du Seuil 2020 (Les livres du nouveau monde); Stockemer, Daniel (Hrsg.): Populism Around the World: A Comparative Perspective, Cham: Springer International Publishing 2019; Kaltwasser, Cristobal Rovira: „Skizze einer vergleichenden Forschungsagenda zum Populismus“, in: Total. Democr. 8/2 (2011), S. 251–272; Mudde, Cas und Cristóbal Rovira Kaltwasser: Populism: a very short introduction, New York, NY: Oxford University press 2017 (Very short introductions); Mudde, Cas: „Populismus in Europa: Von den Rändern zum Mainstream“, in: Total. Democr. 17/1 (2020), S. 13–34.
16Lévi-Strauss, Claude: Das wilde Denken, übers. von. Hans Naumann, 20. Auflage Aufl., Frankfurt am Main: Suhrkamp 2022 (Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft 14); Auch für das Wiederaufgreifen und Neuverwerten bestehender Referenzen in der Popmusik lässt sich der Begriff der Bricolage anwenden, vgl. Wicki, Fabrizia-Romana: „Bricolage in der Popkultur als beständiges Stilmittel“, in: Werkstücke 7 (2016), S. 179–189.
17Baur, Nina und Stefanie Ernst: „Towards a Process-Oriented Methodology: Modern Social Science Research Methods and Norbert Elias’s Figurational Sociology“, in: Sociol. Rev. 59/1_suppl (2011), S. 117–139; Elias, Norbert: Was ist Soziologie?, 12. Aufl. Aufl., Bad Langensalza: Beltz Juventa 2014 (Grundfragen der Soziologie).
18„In der sowjetischen Kultur der dreißiger Jahre ist eine gegenläufige Entgrenzung des Politischen zu beobachten: Einerseits eine Familiarisierung des Politischen, bei der in dem Maße, wie das Politische thematisch wird, dieses aus dem Horizont kontingenter Handlungsoptionen herausgenommen erscheint. (…) Andererseits wird aber diese Familiarisierung des Politischen in der sowjetischen Kultur der dreißiger Jahre von einer entgegengesetzten Tendenz überlagert – nämlich einer eigentümlich emphatischen Politisierung als »unpolitisch« geltender Diskurse und Teilbereiche der Gesellschaft…“Murašov, Jurij: „Sowjetisches Ethos und radiofizierte Schrift: Radio, Literatur und die Entgrenzung des Politischen in den frühen dreißiger Jahren der sowjetischen Kultur“, in: Frevert, Ute und Wolfgang Braungart (Hrsg.): Sprachen Polit. Medien Medialität Gesch., Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2004, S. 217–245, hier S. 217.
19Vgl. Rid, Thomas: Active measures: the secret history of disinformation and political warfare, First edition Aufl., New York: Farrar, Straus and Giroux 2020; „Wie russische Einflussnehmer die deutsche Friedensbewegung unterwanderten“ (2025); Bussemer, Thymian: „Propaganda. Theoretisches Konzept und geschichtliche Bedeutung“, in: Docupedia-Zeitgesch. (2013), http://zeitgeschichte-digital.de/doks/239 (abgerufen am 27.05.2026); Bernhard, Patrick, Holger Nehring und Anne Rohstock: „Der Kalte Krieg im langen 20. Jahrhundert: Neue Ansätze, Befunde und Perspektiven“, in: Bernhard, Patrick und Holger Nehring (Hrsg.): Den Kalten Krieg Denk. Beitr. Zur Sozialen Ideengeschichte Seit 1945, Bd. 19, Essen: Klartext, S. 11–39; Becker-Schaum, Christoph u. a. (Hrsg.): The nuclear crisis: the arms race, Cold War anxiety, and the German peace movement of the 1980s, New York Oxford: Berghahn Books 2019 (Protest, culture and society, volume 19).
20Walter Lippmann hat den Begriff der »Gatekeeper« bereits in den 1920er Jahren geprägt, als er mit seiner Abhandlung »Public Opinion« wesentlich zur Entwicklung des medienwissenschaftlichen Felds und des Journalismus beigetragen hat (auf ihn geht auch u.a. der Begriff der »Stereotype« zurück). Allerdings war Lippmann auch ein Vordenker des Neoliberalismus und skeptisch gegen entgrenzte Diskurse. Seiner Ansicht nach waren Gatekeeper unabdingbar, um vor Chaos zu bewahren. Lippmann, Walter: Public Opinion, New Brunswick / London: Transaction Publishers 2009; Bjørkdahl, Kristian: The problematic public : Lippmann, Dewey, and democracy in the twenty-first century / edited by Kristian Bjørkdahl., University Park, Pennsylvania: The Pennsylvania State University Press 2024 (Rhetoric and democratic deliberation 30); Lippmann, Walter: Die öffentliche Meinung / Walter Lippmann., München: Rütten & Loening 1964.
21Wie El-Mafaalani weiterhin feststellt, dürfte Selbstwirksamkeit eine Rolle spielen: „Der Begriff des »Polarisierungsunternehmers« steht symptomatisch dafür, also Akteure, die bewusst eine affektive Polarisierung auszulösen versuchen. Zudem darf die Wirkung aktiven Provozierens nicht unterschätzt werden. Positive Reaktionen ermöglichen Resonanzerfahrungen. Aber auch negative Reaktionen erzeugen Selbstwirksamkeit. Wer misstraut, erfährt sich also in jedem Fall als wirksam.“ El-Mafaalani: Misstrauensgemeinschaften, S. 73.
22Fibich: „Der Triumph des Sieges über den Tod“, S. 137.
23Lakoff/Wehling: Auf leisen Sohlen ins Gehirn.
Referenzen
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