Eines der Hauptcharakteristika in neopopulistischen Diskursen ist demagogische Rede, die das Volk adressiert und um Unterstützung wirbt. Um Unterstützung werben… aber tun das nicht alle politischen Parteien? Das stimmt: Wahlkampfwerbung etablierter Parteien arbeitet auch teilweise mit simplen, populistischen Inhalten, ohne deswegen reinen Populismus zu betreiben. Echte Populisten hingegen stellen Gefühle über Fakten. Sie machen grundsätzlich ein Fass auf zwischen „Wir“ und „Die“, arbeiten immer mit Spaltung und Konflikt. Über die „Sprache des Volkes“ versuchen sie, sich Zustimmung über Affekte zu erschaffen: die sogenannte vox populi.
Der Unterschied zwischen klassischen Populisten und Neopopulisten wiederum ist, dass sich letztere nicht mehr allein an „ein Volk“ in nationalstaatlichen Grenzen richten. Über Grenzen hinweg wollen sie Meinungen gestalten, Zustimmung erlangen: Das Volk hat sich gewissermaßen entgrenzt. Ihre Sprache ist wie bei klassischen Populisten von Demagogie geprägt. Genau diesem Phänomen nähert sich dieser Beitrag an.
Kommen wir zunächst zur Wortbedeutung. Das Wort Demagogie ist eine Entlehnung aus dem Griechischen:
δημαγωγός(dēmagōgós) = Führer des Volkes
δῆμος(dêmos) = Volk
ἀγωγός(agōgós) = Führung, Leitung
Wörtlich übersetzt lautet die Bedeutung also „Verführung des Volkes“, „Führung des Volkes“. Der Begriff ist nicht neutral, sondern negativ markiert. Das bekannteste Beispiel für Demagogie ist Adolf Hitler und die Nazibewegung mit dem massenhaften Rückhalt durch das deutsche Volk ab den 1920er Jahren. Die meisten Beispiele von Demagogie sind allerdings wesentlich weniger radikal als die Nazi-Bewegung, die hier nicht im Zentrum steht.
Demagogie ist zunächst als eine sprachliche und sozialpsychologische Strategie des Sprechens zu verstehen, die in den letzten Jahren oft zu beobachten ist. Acht Hauptmerkmale können das Skript demagogischer Sprache (unvollständig!) umreißen:
- Polarisierung in „Wir“ und „Die“;
- Identität, Geschichte, Religion als Stärkung des Selbst und Waffe gegen „Die“;
- Opfertum und historische Ungerechtigkeit zur Rechtfertigung der eigenen Mission;
- Der Staat wird ganz groß gedacht und wird an das Schicksal eines Führers gebunden;
- Krise, Krise, Krise – und nur die populistische Partei kann sie bewältigen!;
- Propaganda und Beherrschung von Medien und öffentlicher Meinungen;
- Große Emotionen ereignen sich auf großen Veranstaltungen, wo „sich das Volk ereignet“;
- Der Führer wirkt charismatisch.
Im Folgenden sollen die letzten beiden Punkte anhand je eines Beispiels aus Serbien und der Türkei kurz demonstriert werden.
Beispiel Serbien
Ein bekanntes Beispiel kommt aus Jugoslawien/Serbien ab den mittleren 1980er Jahren. Der Gesamtstaat befand sich in einer schweren Krise, zu der dann noch ein geopolitischer Umbruch hinzu kam. Einigen kam das gelegen, wie etwa dem Parteivorsitzenden des Bundes der Kommunisten Serbiens und späteren Präsidenten Serbiens, Slobodan Milošević.
In der Fachliteratur wird oft ein besonderer Moment im April des Jahres 1987 hervorgehoben, als bereits eine starke anti-albanische Stimmung betrieben wurde, nachdem sich jugoslawisch-serbische Intellektuelle mit einem „Memorandum“ gegen einen angeblich anti-serbischen Genozid im Kosovo an die Öffentlichkeit gewandt hatten. Milošević sprach zu einer aufgebrachten Menge in Priština/Prishtina (“Niemand darf euch schlagen!”), was ihm frenetischen Jubel und Zustimmung einbrachte.
Milošević hatte einen Nerv getroffen. Sein demagogisches Gespür wurde dadurch offenbar geschärft. In den Folgejahren fanden in ganz Kosovo und Serbien immer wieder riesige „Meetings“ statt, teils mit bis zu zwei Millionen Besuchern aus ganz Jugoslawien, auf denen sich Milošević als Führer feiern ließ. Diese Welle der Popularität nutzte er aus, um seine Macht zu festigen und störende Institutionen zu beseitigen: 1989 wurde der Autonomiestatus der Provinzen Kosovo und Vojvodina aufgehoben und die verhasste Verfassung von 1974 geändert. Der Rest der Geschichte steht auf einem anderen Blatt.
Beispiel Türkei
Jugoslawien und Serbien erscheinen aus heutiger Sicht fast wie Avantgarde für die spätere Autokratisierungswelle ab den 2010er Jahren, die bis heute anhält. Besonders bemerkenswert ist ein Wort, das in dieser Zeit geprägt wurde: das „Sich-Ereignen-des-Volkes (događanje naroda). Dieses „ereignete sich“ auf den genannten Meetings, aber auch an den Wahlurnen und anderswo.
Auch in der Türkei fanden massenhafte Meetings statt, insbesondere vor dem verfassungsändernden Referendum zur Einführung des Präsidialsystems 2017 – von Kritikern „Ein-Mann-System“ (Tek adam rejimi) bezeichnet. Der Führer in der Türkei heißt natürlich Recep Tayyip Erdoğan, und der sitzt bis heute (scheinbar) fest im Sattel.
Was an Erdoğan besonders interessant ist und ihn von Milošević unterscheidet, ist der transnationale Aspekt: Seine Meetings fanden vor dem Referendum sowohl in Deutschland statt, wo er nach Stimmen der Diaspora fischte, als auch in der bosnischen Hauptstadt Sarajevo 2018, wohin er enge Beziehungen pflegt. Weil Jubelbilder und -Stimmen aus der entgrenzten Öffentlichkeit essenziell für das AKP-Regime sind, kann es als mustergültiger Fall von Neopopulismus gelten.
Referenzen
Burić, Ahmed. „Erdoğan in Sarajevo: The Bosnians Will Pay the Price“. Osservatorio Balcani Caucaso Transeuropa, 05 / 2018.
Kaya, Ayhan. Ressentiment, Victimhood, and Revanchism. In: European Journal of Psychology Open, 2026.
Sailer-Wlasits, Paul. „Negatives Faszinosum: Hilflos gegen Demagogen?“ DER STANDARD, 25. September 2025.
Sailer-Wlasits, Paul. Verbalradikalismus: kritische Geistesgeschichte eines soziopolitisch-sprachphilosophischen Phänomens. 2. Auflage. Königshausen & Neumann, 2021.
Sundhaussen, Holm. Geschichte Serbiens : 19. – 21. Jahrhundert / Holm Sundhaussen. In Geschichte Serbiens : 19. – 21. Jahrhundert. Böhlau, 2007.
Yılmaz, İhsan. „Erdogan’s Winning Authoritarian Populist Formula and Turkey’s Future – ECPS“. Commentaries. European Center for Populism Studies (ECPS), 29. Mai 2023.