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Daniel Schreiber: Liebe! Ein Aufruf

Demagogen und Neopopulisten setzen auf Emotionen, Affekte, religiöse und spirituelle Bedürfnisse. Diese manipulieren und instrumentalisieren sie, um sich in Zeiten großer Verunsicherung Zustimmung zu sichern. Das scheint ihnen ganz gut zu gelingen. Doch wie sieht es mit Lösungen und Alternativen aus? Wer hat im demokratischen Lager Vorschläge, über die wir sprechen sollten, wenn uns auch in Zukunft an Freiheit in Verschiedenheit gelegen ist? In diesem Buchtipp geht es deshalb heute um Daniel Schreibers neuestes Buch „Liebe! Ein Aufruf.“

Daniel Schreiber hat es wieder einmal geschafft: In gewohntem Duktus und nur zwei Jahre nach seinem letzten Buch hat er seinen neuen Personal Essay »Liebe! Ein Aufruf« veröffentlicht. Er verfolgt damit ein großes Ziel: Er will Licht und Lösungen für Demokratien stiften, die auf verfahrene Weise in einer niedertriebigen Dynamik stecken. Man muss wohl kaum eigens begründen, warum dies gerade in diesen lichtarmen Tagen von besonders großem Wert ist. Ob es ihm gelingt, dem autokratischen Treiben ausgerechnet mit Liebe etwas entgegenzusetzen?

Das Buch ist durchtränkt von Aufnahmen und Reaktionen des gegenwärtigen Zeitgeists. Diesen erfasst der Autor auf globaler Ebene und vor der Haustür – ob in der Beschreibung der Nachrichten Fatigue, über die Wiedergabe der vorherrschenden Stimmung in Berlin-Neukölln, oder anhand der Gedanken, die ihm auf seinen Spaziergängen und rund um seine Schreibworkshops kommen.

Daniel Schreiber ist dadurch das ganze Buch hindurch immer wieder mit einem Stating the obvious beschäftigt, also mit der Beschreibung der Oligarchisierung, Autokratisierung, Demokratie- und Wissenschaftsfeindlichkeit, die sich vor unser aller Augen abspielen. Der Autor holt dabei in alle möglichen Richtungen aus. Es geht zum Beispiel um die zunehmende Ignoranz gegenüber der sich abspielenden Klima-Katastrophe, um die generelle Kultur der Empörung und Polarisierung, um den Abbau von Demokratie in einer rasant wachsenden Zahl von Ländern, um Wucher und Spekulation rund um Wohnbau, die fortschreitende Obdachlosigkeit und die Untätigkeit der Politik. Immer wieder kommt er auf die Zustände der ihm so am Herzen liegenden USA zu sprechen, auf den verbreiteten Zynismus, die seit langem wachsende Abneigung gegen „gute Menschen“, bis hin zur Ablehnung und Verächtlichmachung von Empathie, wie sie zuletzt bekanntlich auch der sogenannte Tech-Bro Elon Musk geäußert hatte.

Das Buch ist kompakt und beschränkt sich auf 132 Seiten Fließtext, der in drei inhaltlich differenzierte Teile gegliedert ist:

  • Teil I ist stärker von der Bestandsaufnahme der Gegenwartszustände charakterisiert und wirkt wie ein galoppierendes Crescendo mit vielen Referenzen;
  • Teil II beginnt gemächlicher: Hier geht der Autor stärker in die eigene Reflexion, vertieft aber bald auch die zentralen Begriffe von Liebe – darunter amor mundi; amor dei; amo: volo ut sis; Nächstenliebe; Feindesliebe; Altruismus;
  • In Teil III schließlich kondensiert Schreiber seine Befunde und will die Leser von seiner Mission überzeugen – nämlich einem ausführlich begründeten Aufruf zu einer allumfassenden Haltung der Liebe, wie schließlich auch der Untertitel des Buches lautet.

Zum Glück geht er auch auf die Dekadenzform von Liebe ein, nämlich die “undemokratische Liebe”, als welche sie von Autokraten instrumentalisiert wird – so auch in den Worten des US-Vizepräsidenten J. D. Vance:

Kurz nachdem er [J. D. Vance] sein Amt angetreten hatte, begann er, sich in rechtsextremen Medien auf das Konzept des ordo amoris zu beziehen, der »Ordnung der Liebe«, wie es unter anderem von Augustinus und von Thomas von Aquin entwickelt wurde. Sein Verständnis des ordo amoris diente ihm als Rechtfertigung für den Abbruch jeder Form von internationaler Entwicklungshilfe und für die Verfolgung und Deportation von Migrantinnen und Migranten. In einem Fernsehinterview erklärte er: »Erst liebt man seine Familie, danach seinen Nachbarn, und dann liebt man seine Gemeinschaft, und dann liebt man die Bürger des eigenen Landes. Und dann, erst dann, kann man sich auf den Rest der Welt konzentrieren und da seine Prioritäten setzen. Die radikale Linke hat das komplett auf den Kopf gestellt.«1

Schreiber selbst vertritt ein universelles Prinzip von Liebe, das vielleicht am sympathischsten in den Worten einer Freundin des Autors wiedergegeben wird:

Man muss nicht alle Menschen mögen, aber lieben muss man sie schon.2

Der Autor betont an mehreren Stellen, dass es ein solches Verständnis ermögliche, zwar von den Taten eines Menschen angewidert und entsetzt zu sein, ohne deshalb jedoch über der grundsätzlichen Menschlichkeit noch des ärgsten Feindes den Stab der Verdammnis brechen zu müssen. Auch den kryptischen, augustinischen Satz Amo: volo ut sis, zu Deutsch in etwa:

„Ich liebe [dich]: ich möchte, dass du seist, wer du bist“,

den er Hannah Arendts Dissertation und ihrer Auseinandersetzung mit dem Liebesbegriff der Weltliebe amor mundi entnimmt, könnte man so deuten, dass Andere in ihrem Sosein vollständig zu respektieren sind.

Nicht nur mit Arendts amor mundi, auch mit der „Ehrfurcht vor dem Leben“ (veneratio vitae) Albert Schweitzers öffnet sich der Autor für ein noch viel weiteres Verständnis von Liebe, das auch nicht-menschliche Spezies umfasst:

Die Grundidee zu dieser veneratio vitae, schildert Schweitzer in seinen Lebenserinnerungen, kam ihm während eines medizinischen Einsatzes in Lambaréné, für den er drei Tage lang mit einem Schleppkahn auf dem Ogooué flussaufwärts fahren musste. Am Abend des dritten Tages beobachtete er erschöpft, wie auf einer Sandbank vier Nilpferde mit ihren Jungen in dieselbe Richtung wanderten wie er. In der Anschauung dieser Tiere sei ihm aufgegangen, dass »die Ethik, die nur mit unserem Verhältnis zu den anderen Menschen zu tun hat, unvollständig ist und darum nicht die völlige Energie besitzen kann.« Denn eine vollumfängliche Erkenntnis der Welt sei uns schlicht nicht gegeben und alles Leben, das sich in ihr finde, müsse zwangsläufig ein »Geheimnis« für uns bleiben. Die von Menschen empfundene ethische Verbundenheit füreinander müsse daher auf alles Kreatürliche ausgeweitet werden, und die fundamentale Tatsache menschlichen Bewusstseins müsse lauten: »Ich bin das Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.«3

Reference
Schad, Thomas. (2026). Daniel Schreiber: Liebe! Ein Aufruf. NEOPOPULISMUS. https://www.neopopulismus.de/index.php/daniel-schreiber-liebe-ein-aufruf/ (Accessed on März 8, 2026 at 14:31)

Fußnoten

1 Schreiber: Liebe!, S. 65.

2 Schreiber: Liebe!, S. 91.

3 Schreiber: Liebe!, S. 37-38.

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