Die französische Philosophin und Psychoanalytikerin Cynthia Fleury hat vor allem mit ihrem Buch über Ressentiment (Hier liegt Bitterkeit begraben: über Ressentiments und ihre Heilung) viel zum Verständnis negativer Emotionen und Affekte beigetragen, die demagogische Neopopulisten so viel Aufwind bescheren. Anfang des Jahres hat sie in einer französischen TV-Runde der Sendung En société auf eine wichtige Eigenschaft des Neofaschismus hingewiesen, die jedoch oft und lange hintergründig wirkt, bevor der Faschismus gewalttätig wird.
Der Faschismus ist zunächst etwas, das sich als Erleichterung anbietet. Man ist nie vor traurigen Leidenschaften gefeit, man ist nie … Man darf, wenn man so will, nicht vergessen (…), dass der Faschismus oder Neofaschismus sehr wohl weiß, dass ein politisches Regime immer ein politisches Regime ist, dass es ein Regime der Organisation von Affekten ist. Ein Regime der Organisation von Trieben. Immer.1
Wie Fleury erläutert, sei auch die Demokratie ein System zur Organisation von Affekten, und zwar als „eine besondere Matrix zur Bildung des Individuums“. Schon deswegen ist Bildung also eine politische, eine ernsthafte Angelegenheit. Der Bildungsprozess in der Demokratie sollte Menschen begleiten, „damit sie sich befähigen – in Anführungszeichen – frei zu werden.“2
Diese Aufgabe des Bildungssystems geht also weit darüber hinaus, „nur“ der Berufsausbildung zu dienen: Es muss vor allem auch negative Triebe einhegen. Was sie mit den traurigen Leidenschaften oder Trieben meint, die der Faschismus bediene und die ein demokratisches Bildungssystem einzudämmen habe, wird verständlicher, wenn man ihrer ausführlicheren Analyse des Ressentiments in Hier liegt Bitterkeit begraben: über Ressentiments und ihre Heilung folgt. Ressentiments müssten unbedingt „sublimiert“, also überwunden werden, wie man eine zentrale These ihres Buches zusammenfassen kann: Der Mensch des Ressentiments, der seine Kränkungen permanent „wiederkäut“, sei nämlich zutiefst unfrei.
Der Faschismus hat das sehr gut verstanden, so Fleury. Er spiele quasi das doppelte Spiel des Tricksters, indem er zunächst alles dafür tut, alle negativen Affekte zu aktivieren, wie Angst und Unsicherheit. Und dann wird der Spieß umgedreht:
Und es beginnt immer damit, was man leicht vergisst, dass er sich anbietet — das vergisst man leicht. Der Faschismus ist zunächst etwas, das sich als Erleichterung anbietet. Er ist in erster Linie eine Ausgleichsstruktur. Das vergisst man leicht, bevor man ihn als Mittel der Gewaltanwendung betrachtet. Er ist zunächst etwas, das uns beruhigt.3
Literatur
1 Fleury, Cynthia. (2026) 2026, La Grande Bascule, le village de la ségrégation, Maduro, le prisonnier de Trump en replay – En société, France.tv. Verfügbar unter: https://www.france.tv/france-5/en-societe/saison-3/8035128-2026-la-grande-bascule-le-village-de-la-segregation-maduro-le-prisonnier-de-trump.html (Zugegriffen: 14. Januar 2026).
2 Fleury, Cynthia. (2026) 2026, La Grande Bascule, le village de la ségrégation, Maduro, le prisonnier de Trump en replay – En société, France.tv. Verfügbar unter: https://www.france.tv/france-5/en-societe/saison-3/8035128-2026-la-grande-bascule-le-village-de-la-segregation-maduro-le-prisonnier-de-trump.html (Zugegriffen: 14. Januar 2026).
3 Fleury, Cynthia. (2026) 2026, La Grande Bascule, le village de la ségrégation, Maduro, le prisonnier de Trump en replay – En société, France.tv. Verfügbar unter: https://www.france.tv/france-5/en-societe/saison-3/8035128-2026-la-grande-bascule-le-village-de-la-segregation-maduro-le-prisonnier-de-trump.html (Zugegriffen: 14. Januar 2026).