Eigentlich sollte dieser Beitrag über das Thema Bauen und Bullshit Buildings im Anthropozän schon im Mai 2026 erscheinen, als auf einem Panel der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Berlin die Studie Zementproduktion: Kosten, Schäden und Alternativen von Conrad Kunze, Nils Urbanus, Paulina Orozco, Tom Ackers und Prof. Matthias Schmelzer vorgestellt wurde.1 Die Studie ist in einer längeren Fassung auf englischer Sprache online (Link) und in einer kürzeren auf Deutsch online und gedruckt erschienen (Link).2 Neben den Hintergründen der Zementindustrie geht es darin um die globalen Auswirkungen einer nicht umweltfreundlichen Industrie, aber auch um mögliche Alternativen zum Bauen mit Zement.
Im ersten Teil dieser dreiteiligen Blog-Reihe komme ich noch einmal allgemein auf die Relevanz des Themas Bauens mit Zement im Kontext des Anthropozäns zurück, weil Bauen im Kontext des autokratischen Neopopulismus und des sogenannten „korrosiven Kapitals“ eine große, aber oft unterbelichtete Rolle spielt. Darauf weist besonders die Gruppe „End Cement“ mit drastischen Worten hin, und dazu finden sich weltweit zahlreiche Beispiele, die ich hier zumindest kurz und exemplarisch anreiße.
Sehr interessant und noch relativ neue ist der in der Studie verwendete Begriff »Bullshit Buildings« (bzw. »Bullshit-Abrisse«), der auf David Graebers „Bullshit-Jobs“ zurückgeht. Darauf gehe ich im zweiten Teil theoretisch und auch praktisch ein: Ich habe mir vier Standorte sogenannter Bullshit-Buildings in Berlin über mehrere Sozialraumbegehungen zu unterschiedlichen Tageszeiten genauer angeschaut, fotografiert und über weitere Recherchen vertieft.
Im dritten Teil thematisiere ich ein unscharfes Diskursfeld des Bauens und Abreißens, das man mit restaurativer Nostalgie übertiteln kann. Hier kommt es durch die allgegenwärtige „Instagramisierung“ zu Vermischungen von Kategorien wie Brutalismus, sozialistischer Realismus, restaurativer Nostalgie, Nostalgie und sogenannter „Ostalgie“. Weil hier große und mitreißende Emotionen im Spiel sind, werden diese Kategorien auf dem Markt der Affektökonomie im Neopopulismus erfolgreich bewirtschaftet, weshalb ich sie am Beispiel der deutschen West/Ost-Binarität genauer diskutiere. Berlin bietet dazu sehr konkrete Beispiel von Abrissen und Bauprojekten.
Warum Bauen von globaler und lokaler Relevanz ist
Und damit zum ersten Teil und der Frage, warum wir uns genauer mit Bauen und Zementbauweise beschäftigen müssen. Die Relevanz des Themas liegt auf der Hand: Bauen ist nicht nur in einer Stadt wie Berlin so aktuell und brisant wie kaum ein anderes. Bauen und vor allem die Zementproduktion erfordern deshalb sogar zwingend einen globalen Blick. Das zeigen schon die Wirkradien von Global Players wie Heidelberg Materials, um die es auch in der genannten Studie geht, oder CEMEX, einem für Berlin sehr relevanten Unternehmen. Beide rangieren unter den weltgrößten Unternehmen auf Platz vier (Heidelberg Materials) und Platz sechs (CEMEX). Zwar haben diese Akteure einen jeweils national eingrenzbaren Firmensitz – Heidelberg Materials in Deutschland, Cementos Mexicanos (CEMEX) in Mexico; doch beide operieren auf allen bewohnten Kontinenten.

Es geht mir nicht darum, diese oder andere Unternehmen „anzugreifen“, und es wird im weiteren Verlauf auch nicht mehr konkret um diese Firmen gehen. Wichtig ist die Tatsache, dass Bauen im Allgemeinen auf vielfältige Weise mit dem politischen Prozess verwoben ist, den Teile der Baubranche über Lobbies und Seilschaften in die öffentliche Verwaltung andererseits aber auch oft genug untergraben. Letzteres trifft besonders für autokratische Regime oder hybride (elektorale) Autokratien zu, wo Bauen nicht nur Mittel zum Zweck und für wirtschaftliche Profite, sondern auch ein wichtiges populistisches Instrument zur Herstellung von Zustimmung sein kann. Je genauer man sich mit Bauen in neopopulistischen Zusammenhängen im Anthropozän befasst, desto mehr Parallelen fallen auch zu Bauprojekten in Südosteuropa, in der Türkei und darüber hinaus auf.
Bewirtschaftung restaurativer Nostalgie durch das türkische AKP-Regime
Weil ich mich mit der sogenannten Holdingisierung der türkischen Wirtschaft und ihrem Wirken über die Landesgrenzen hinaus genauer beschäftigt habe, bleibe ich kurz bei diesem Beispiel. Ein neopopulistisches Regime wie jenes in der Türkei unter der herrschenden Partei AKP ist geradezu exemplarisch für die Verwobenheit von Bau und politischer Herrschaft: Dort diente der Bausektor über zwei Jahrzehnte hinweg als zentraler Motor des Wirtschaftswachstums, aber auch als Instrument für politische Patronage und Klientelismus. Sehr oft wurden Baumaßnahmen als sichtbare Prestigeprojekte und Symbole für den nationalen Aufstieg genutzt, etwa die großen Flughafenbauten, Brücken, Straßen und Wohnungsbaugesellschaften.3
Besonders kennzeichnend für den türkischen Bauboom ist die Besonderheit, dass es sich bei vielen Baumaßnahmen um Beispiele restaurativer Nostalgie handelt, was durch türkische Bauleiter auch auf ausländische Baustellen, insbesondere in Südosteuropa, ausgeweitet wurde. Während diese Seite des türkischen Baueifers in der kritischen, türkischen Sozialwissenschaft frühzeitig und detailliert beschrieben worden ist, wurde dieser Zusammenhang in Südosteuropa und in der Südosteuropaforschung lange ignoriert – vielleicht, weil der Populismus mit seinen starken, emotionalen Botschaften oft recht erfolgreich verfängt.4 Ich habe den Aspekt der baulichen Aufwertung des „osmanischen Hinterlands“ auf dem Balkan ausführlich in meiner Dissertation über Fortgang und Rückkehr der Türkei aus Südosteuropa behandelt, wo ich zeigen konnte, dass Gefühle kollektiver Abwertung, Angst und Schutzbedürfnis erfolgreich in Aufwertung und populistische Zustimmung gewendet werden konnten.5 Jüngst ist zum Thema restaurativer Nostalgie durch den Bau türkischer Moscheen auf dem Balkan als imperiale Projektionsfläche auch ein Beitrag von Kerem Öktem in den Südosteuropa Mitteilungen erschienen.6
Doch ganz so einfach und reibungslos ist das dem AKP-Regime und den mit ihm verbundenen Baufirmen nicht gelungen. Schon lange, bevor die herrschende Partei AKP in der Türkei durch internationale Kommentatoren als autokratisch eingestuft wurde, wurde zivilgesellschaftlicher Widerstand gegen Baumaßnahmen, die den Abriss jahrhundertealter Stadtteile beinhalteten, brutal unterdrückt. İmre Azems Dokumentarfilm Ekümenopolis über die Stadtentwicklung Istanbuls seit den 1950er Jahren aus dem Jahr 2011 zeigt dies eindrucksvoll.7 Die im Mai 2013 begonnenen Gezi-Proteste entzündeten sich ursprünglich an einem restaurativ-nostalgischen Bauprojekt, dessen Ziel die Errichtung (bzw. Wiederherstellung) einer osmanischen Kaserne auf einem der sehr wenigen öffentlichen Parks der Megacity war.8 Nachdem die Proteste das ganze Land erfassten und immer gefährlicher für die Herrschaft der AKP wurden, zog das Regime alle Register und unterdrückte die Demonstrationen mit brutaler Gewalt.
Damit war aus Sicht vieler Kommentatoren ein Kulminationspunkt erreicht, an dem sich das durch einen Korruptionsskandal geschwächte Regime offenbar nicht mehr anders zu helfen wusste, als der Zivilgesellschaft einen langen, unerbittlichen und anhaltenden Kampf anzusagen. Seither ging es mit dem Ausbau der Autokratie und dem Abbau der Demokratie in der Türkei stetig voran: Über viele Regionen wurde der Ausnahmezustand ausgerufen, unzählige Bürgermeisterinnen, Bürgermeister und Parteiführungen wurden weggesperrt, Akademiker verfolgt. In Südosteuropa finden sich ähnliche Entwicklungen, wenn man nur an Großprojekte wie »Beograd na Vodi« und die Verwobenheit der involvierten Stakeholder mit dem Vučić-Regime denkt.9 Es würde den Rahmen sprengen, diesen und den türkischen Zusammenhang noch ausführlicher darzustellen. Auf einzelne Aspekte, besonders der restaurativen Nostalgie, werde ich bei den Berliner Bauwerken noch zurückkommen.
Konflikte um Bauprojekte in Berlin
Bei Bauen in Berlin fallen wahrscheinlich den meisten der Flughafen BER, die Wohnungsnot, der sinnlose Leerstand, die Mietpreisexplosionen sowie die um sich greifende Verarmung und Obdachlosigkeit ein. Mit Bauen gehen in Berlin aber auch große politische Konflikte einher – wie jener um das Tempelhofer Feld. Diese europaweit einzigartige, steppenhafte Freifläche inmitten der Stadt wurde nach Schließung des historischen Flughafens Tempelhof im Jahr 2010 öffentlich zugänglich gemacht. »Das Feld«, wie es die Anwohner nennen, hat sich nicht erst mit der Covid19-Pandemie als große Freifläche bewährt; es ist für viele Berliner inzwischen ein nicht mehr wegzudenkender Teil ihres Alltags.
Die Plebiszite für den Erhalt des Felds als unbebaute Freifläche zur Erholung, die außerdem wichtige Beiträge zum urbanen Klima und zur Artenvielfalt leistet, waren eindeutig. Trotzdem wird immer wieder neu darum gerungen, ob das Feld nun doch zu bebauen sei – oder ob dem ordentlichen, demokratischen Prozess mitsamt aller Elemente der Bürgerbeteiligung und direkter Demokratie Vorrang vor den Interessen einer gemischten Lobby aus Landespolitik und Baubranche eingeräumt wird.10 Wie die anhaltenden Konflikte um das RAW-Gelände im Stadtteil Friedrichshain zeigen (genauer in Teil 2), ist das Tempelhofer Feld nur eines von vielen Konfliktfeldern rund um Bauprojekte in Berlin. Bauen, Teilhabe und Beteiligungsverfahren, so kann vorerst festgehalten werden, sind auch ein Gradmesser für den Stand der Demokratie, Vertrauen und Misstrauen in politische Institutionen (zur Bedeutung von Misstrauensgemeinschaften vgl. die Serie Die Misstrauensgemeinschaften von Treptow 1-7).
Der ewige Streit um die Fakten
Das alles sind und bleiben wichtige Fragen. Was aber vielen Menschen noch immer weniger bewusst sein dürfte, wenn vom Bauen die Rede ist, ist die Umweltbilanz der Zementproduktion, die für die Art des gegenwärtigen Bauens grundlegend ist: Unter den CO₂-Emissionen schlägt die Zementproduktion direkt hinter den fossilen Brennstoffen als Nummer zwei zu Buche. Dieser problematische Aspekt des Bauens mit Zement wird in den letzten Jahren immer häufiger von Umweltschutzaktivisten aufgegriffen, etwa von der Gruppe End Cement, die mit dem Gründungsmitglied Nils Urbanus auch an der Studie beteiligt war: Mit dem Slogan »It’s time to end cement: Gemeinsam gegen die dreckigste Industrie, über die niemand spricht« greifen sie die Thematik als Teil der Klimaschutzbewegung auf. Doch wie der Slogan schon sagt: Die Zementindustrie ist vergleichsweise weit entfernt von der allgemein bekannten Problematisierung der Verbrennungstechnologie im Energiesektor. So etwas wie „Zementscham“ oder groß angelegte Kampagnen gegen die Baubranche durch Gruppen wie Fridays for Future sind unbekannt oder höchst selten. Auf diese geringe Aufmerksam bei großer Relevanz der Fakten will die oben genannte Studie hinweisen.
Bauen kennt neben dem Feld der bereits genannten, restaurativen Nostalgie noch einen zweiten Austragungsort populistischer Gefechte. Wer das Bauen mit Zement kritisiert, hat unbedingt mit irrationalen, emotionalen, faktenabgewandten und vehementen Reaktionen zu rechnen – wie bei allen anderen Diskussionen rund um Fragen der anthropogenen Klimawandelfolgen. Wer auch immer laut, faktenbasiert und aus konstruktiver, lösungsorientierter Perspektive nach Alternativen sucht, sollte sich auf heftigen Widerstand vorbereiten. Dieser ist nicht nur durch Lobbies hinter der Baubranche zu erwarten, sondern auch in der Stimme „des kleinen Mannes“ als der Vox populi. Wie die destruktiven Reflexe gegen Veränderungen im Bereich der Energiewende, von der Stromerzeugung über den Verbrennungsmotor immer größerer PKWs bis hin zum Heizungsgesetz gezeigt haben, spielen Fakten nicht unbedingt eine entscheidende Rolle.
Viel wichtiger scheint es oft zu sein, dass die Normalität wieder „zurück zu den Fabrikeinstellungen“ zu kehren hat, so scheint es. Im gesamten Feld der interessengebundenen Klimawandelfolgenleugnung sind zudem Lobbies darum bemüht, die reale Problematik der Emissionen durch irreführende Studien zu unterwandern und die öffentliche Meinung zu ihren Gunsten zu beeinflussen. Anthropogene Klimawandelfolgen, Resilienz der Demokratie und der Aufstieg des Neopopulismus hängen dadurch eng zusammen.
Verkompliziert wird das Ganze noch durch eine zweite Ebene, nämlich durch die auch in Berlin verbreitete Praxis der sogenannten Bullshit-Abrisse. Diese Abrisse sind durch die entstehenden „grauen Emissionen“ an und für sich problematisch. Sie werden aber im West/Ost-Kontext Berlins noch durch eine starke emotionale Komponente begleitet: Oft wird Bausubstanz aus der DDR-Ära auf unsensible Weise abgerissen, was kollektive Emotionen wie Kränkung und Ressentiment befeuern kann. Doch damit noch einmal zu den konkreten Schattenseiten der Zementproduktion und den Inhalten der Studie.
Die Schattenseiten der Zementproduktion
Auf dem Podium am 18. Mai 2026 wurden zuerst historische Hintergründe zur Geschichte der Zementproduktion seit der Antike sowie die wichtigsten Fakten der modernen Baustoffindustrie zusammengefasst.

Bauwerke aus Zement haben sich aus gutem Grund durchgesetzt, denn die Zementbauweise ist äußerst effektiv, kreativ gestaltbar und vor allem kann mit dem „flüssigen Stein“ schnell gebaut werden. Das bekannteste antike Beispiel ist das Pantheon in Rom, das als Vertreter des sogenannten römischen Betons gilt. Der moderne Beton mit seinem Hauptbestandteil Zement ist aber erst mit der Industrialisierung entstanden. Man könnte sogar sagen, dass Beton – noch viel mehr als Ziegel und andere Baustoffe wie Glas und Verbundstoffe wie Stahl – der industrielle Baustoff schlechthin ist. Nicht nur ist der bis heute gängige Portlandzement in seinen vielen Untersorten in der Zeit der Industriellen Revolution entwickelt worden: Seine ganze Produktionsweise ist industriell, wobei aus Zement auch der Großteil der für die Industrie notwendigen Infrastruktur gebaut wurde, von der Straße, den Brücken, Teilen der Fabrikgebäude bis hin zu den Arbeitersiedlungen im 20. Jahrhundert. Beton ist praktisch überall. Eine Stadt wie Berlin hätte ohne entsprechende Baustoffe, großteils zementbasiert, gar nicht innerhalb kürzester Zeit (vier Jahrzehnte) um das Vierfache wachsen können.11 Wir verdanken Zement also sehr viel. Und daran hat sich bis heute nichts geändert.

Zement- bzw. Betonbauwerke müssen als eines der strukturellen Grundprobleme des Anthropozäns verstanden werden. Die Studie nennt sechs Hauptbereiche, die ich hier als Zusammenfassung direkt zitiere und die über einen Klick hier genauer nachgelesen werden können.
- „CO₂-Emissionen: Die Produktion von Beton und Zement verursacht 8 bis 9 Prozent der globalen menschengemachten CO₂-Emissionen. Diese stammen größtenteils aus der Verbrennung von fossilen Energien als auch der Kalzinierung von Kalkstein–Prozesse, die zurzeit bei der Herstellung von Portlandzement unvermeidbar sind.
- Umweltzerstörung: Die Industrie verschlingt allein mit ihrem Gebrauch von Kies, Sand und Kalkstein mehr Ressourcen (23 Milliarden Tonnen) als jeder andere industrielle Prozess. Für ihre Extraktion werden Landschaften massiv verändert, Wassersysteme beschädigt und Ökosysteme verwüstet – und damit letztlich das sechste Artensterben vorangetrieben.
- Luftverschmutzung: Zementwerke tragen erheblich zur Luftverschmutzung bei, insbesondere durch Stickoxide (8 Prozent der globalen Emissionen), Schwefeloxide (5 Prozent) und teils Schwermetalle wie Quecksilber (9 Prozent). Zusätzlich entsteht giftiger Staub (5 Prozent) entlang der gesamten Produktionskette von Beton – vom Kieswerk bis zur Baustelle – mit entsprechenden Folgen für Arbeiter*innen und Anwohner*innen.
- Hitze, Überflutungen und Städte, die sinken: Die massive Ansammlung von Beton verändert städtische Umgebungen. Städte erleben höhere Temperaturen, heftigere Sturzfluten und sinkende Böden – teils durch die Wärmespeicherfähigkeit des Baustoffs, seine versiegelnden Fähigkeiten sowie sein Gewicht.
- Auftürmender Müll: Betonbauten haben meist eine kurze Lebensdauer (typischerweise unter 50 Jahren), insbesondere wenn sie in «Wegwerfarchitektur» oder als Stahlbeton verwendet werden. Der resultierende Betonabfall (10 Milliarden Tonnen jährlich) wird entweder deponiert oder minderwertig wiederverwertet («downgecycled»).
- Macht und Ausbeutung: Die Formbarkeit und Berechenbarkeit von Beton ermöglichen größere Ausbeutung von Arbeiter*innen, die Zentralisierung von Kontrolle und die Verankerung von Machthierarchien innerhalb der Industrie und der gebauten Umwelt. Seine einfache und schnelle Anwendbarkeit machen Beton zu einem wichtigen Instrument für Krieg und Vertreibung.“12
Wir können aus der Studie zwei Hauptaspekte herausgreifen, die zur Klärung des Begriffs der Bullshit Buildings und der Bullshit-Abrisse im nächsten Teil der Blog-Serie zentral sind:
Erstens ist Kalkstein ein natürlicher Speicher von CO₂, und Zement basiert immer auf der Nutzung und dem Brennen von Kalkstein. Der CO₂-Ausstoß, der während des Brennprozesses freigesetzt ist, kann zum gegenwärtigen Zeitpunkt durch keine bekannte Technologie effektiv verhindert werden, und auch für die mögliche Speicherung – etwa auf dem Grund der Nordsee – gibt es keine realistischen, CO₂-neutralen Szenarien. Noch viel mehr fällt ins Gewicht, dass sich dazu jener CO₂-Ausstoß addiert, der entsteht, wenn Zement durch den Brennprozess bei extrem hohen Temperaturen gewonnen wird, denn diese müssen über die Freisetzung von weiterem CO₂ erzeugt werden. Dazu kommen noch sogenannte graue Emissionen, die oft unsichtbar bleiben und beim Transport und über andere Begleiteffekte entstehen. Genauer können diese Zusammenhänge in der Studie oder auf der Seite von Architects for Future nachgelesen werden.13

Zweitens fällt das weiter unter Punkt 4 Hitze, Überflutungen und Städte, die sinken schon angesprochene Problem der anthropogenen Masse wortwörtlich ins Gewicht: Zement und Beton machen inzwischen den Hauptteil der sogenannten anthropogenen Masse der Erde aus. Zwar ist es nicht so, dass die Erde generell an Masse zugenommen hat, seit der Mensch als Terraformer in Erscheinung getreten ist und vieles von der ursprünglichen Masse der Erdoberfläche teilweise substanziell verändert hat. Doch das Gewicht dessen, was der Mensch umgeformt hat und was unter dem Stichwort anthropogene Masse immer häufiger diskutiert wird, ist erdrückend: So überwiegt das Gewicht des schmiedeeisernen Eiffelturms in Paris jenes aller lebenden Nashörner der Welt. Das Gewicht von Zement und Verbundstoffen wie Stahl drückt Städte wie New York City, Mexiko Stadt und Jakarta nachweislich mehrere Millimeter bis mehrere Zentimeter pro Jahr nach unten, was sich besonders im Zusammenspiel mit dem steigenden Meeresspiegel fatal auszuwirken droht.14
Aus diesen beiden Hauptproblemen mit Zement lassen sich vorerst zwei Schlüsse ziehen: Erstens sollten wir uns genau überlegen, was und aus welchem Material wir wirklich bauen müssen – und von welchen Projekten wir besser absehen, zum Beispiel von Bullshit-Buildings. Zweitens bedeutet das auch, dass Abrisse bestehender Gebäude auf das nötigste zu beschränken und insbesondere sinnlose Abrisse – sogenannte Bullshit-Abrisse – zu vermeiden sind. Und damit komme ich im nächsten Teil zur Diskussion über ältere und neuere städtebauliche Kritik und den Begriffen der Bullshit-Architektur und der Bullshit-Abrisse.
Fußnoten
1 Rosa-Luxemburg-Stiftung: Kosten, Schäden und Alternativen zur Zementproduktion. 2026. https://www.youtube.com/watch?v=FCzktuMc_mk (Stand: 18.08.2026).
2 Tom Ackers u. a.: „Concrete Destruction: Costs and Damages of the Concrete and Cement Industry and the Future of Construction“. In: Studies 5 (2026). https://www.rosalux.de/en/publication/id/54746/concrete-destruction; Nils Urbanus u. a.: „Zementproduktion: Kosten, Schäden und Alternativen“. In: Studien 4 (2026). https://www.rosalux.de/publikation/id/54746/zementproduktion-kosten-schaeden-und-alternativen.
3 Esra Çviker Gürakar, Tuba Bircan: „Political Connections and Public Procurement in Turkey: Evidence from Construction Work Contracts“. In: Gürakar, Esra Çviker, Tuba Bircan: Crony Capitalism in the Middle East. O. O.: Oxford University Press 2019, S. 236–262. DOI: https://doi.org/10.1093/oso/9780198799870.003.0009 (Stand: 18.08.2026); Ismail Doga Karatepe: The cultural political economy of the construction industry in Turkey: the case of public housing. Leiden Boston: Brill 2021 (= International comparative social studies, volume 48). DOI: https://doi.org/10.1163/9789004442320.
4 Burak Özçetin: „Tarihin kötüye kullanımları: Popülizm, nostalji ve yeni Türkiye’nin tarihi dizileri [Abuses of History. Populism, Nostalgia and the Historical TV-Series of New Turkey]“. İn: Toplum. Tar. (2019), H. 306, S. 36–42; Özlem Sert: „Türkiye’de Nostalji Politikası, Kentte Gigantomani, Ev Ekonomisinde Saray Hayali, Yeni Osmanlıcı Hatırlamanın Halleri“. In: Birikim 203 (2013); Ahmet Çiğdem, Bora Tanıl, Murat Belge: „Nostalji ve muhafazakârlık – Mazi Cenneti“. İn: O. Hg.: Muhafazakârlık. İstanbul: İletişim 2003 (= Modern Türkiye’de siyasi düşünce 5), S. 234–260.
5 Thomas Schad: Fortgang und Rückkehr der Türkei: Die Hidschra als historischer Basisnarrativ europäischer Muslime des Balkans und türkischer Kulturdiplomaten. O. O.: Humboldt-Universität zu Berlin 2024. https://edoc.hu-berlin.de/handle/18452/30165 (Stand: 15.11.2025).
6 Kerem Öktem: „Turkey’s Imperial Gaze on the Balkans: Grand Mosques as Restorative Nostalgia“. In: Südosteur.-Mitteilungen 66 (2026), H. 01–02, S. 21–32.
7 Ekümenopolis: Ucu Olmayan Şehir (2011). 2020. https://vimeo.com/387180646 (Stand: 21.08.2026).
8 Amnesty International Ltd: Gezi Park protests: Brutal denial of the right to peaceful assembly in Turkey. London: Amnesty International, International Secretariat 2013.
9 Tsypylma Darieva, Valentin Krüsmann, Julia Langbein: „Connectivity and the Entrenchment of Authoritarianism“; „Elements of State Capture in Serbia“. https://www.transparentnost.org.rs/images/dokumenti_uz_vesti/Elements_of_State_Capture_in_Serbia_executive_summary_eng.pdf (Stand: 18.08.2026); Slavka Zeković, Ana Perić, Miroljub Hadžić: „The financialization of “the urban” in the post-socialist Serbia: Evidence from the Belgrade Waterfront megaproject“. In: J. Urban Aff. 47 (2025), H. 5, S. 1579–1598. DOI: https://doi.org/10.1080/07352166.2023.2239962.
10 Miriam Brenck u. a.: Gesellschaftliche Wertigkeit des Tempelhofer Feldes. Qualitäten erfassen und sichtbar machen. Leipzig: UFZ Helmholtz Zentrum für Umweltforschung 2021 (= Studie für die Berliner Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz, Referat Freiraumplanung und Stadtgrün).
11 Martin Jennrich: „Kalksteinbruch Rüdersdorf – Negativabdruck Berlins“. In: Hannegret Biesenbaum, Deutsche Gesellschaft, Kreuzberg-Museum (Hg.): Der Stoff, aus dem Berlin gemacht ist: Entdeckungsreisen zu den Industriedenkmalen Brandenburgs; [Ausstellung im Kreuzberg Museum (Juli bis Dezember 1994)]. Berlin: Stattbuch-Verl 1994, S. 48–65; Hannegret Biesenbaum, Deutsche Gesellschaft, Kreuzberg-Museum (Hg.): Der Stoff, aus dem Berlin gemacht ist: Entdeckungsreisen zu den Industriedenkmalen Brandenburgs; [Ausstellung im Kreuzberg Museum (Juli bis Dezember 1994)]. Berlin: Stattbuch-Verl 1994.
12 Urbanus u. a.: „Zementproduktion: Kosten, Schäden und Alternativen“, S. 7.
13 Architects for Future: „Forderung Nr. 2: Hinterfragt Abriss kritisch“. In: Architects for Future. https://www.architects4future.de/forderungen/02-hinterfragt-abriss-kritisch (Stand: 16.08.2026).
14 Tom Parsons u. a.: „The Weight of New York City: Possible Contributions to Subsidence From Anthropogenic Sources“. In: Earths Future 11 (2023), H. 5. DOI: https://doi.org/10.1029/2022EF003465; Laurie Winkless: „New York City Is Sinking Under The Weight Of Its Own Buildings“. In: Forbes vom 15.06.2023. https://www.forbes.com/sites/lauriewinkless/2023/06/15/new-york-city-is-sinking-under-the-weight-of-its-own-buildings/ (Stand: 18.08.2026).
Referenzen
- Ekümenopolis: Ucu Olmayan Şehir (2011). 2020. https://vimeo.com/387180646 (Stand: 21.08.2026).
- Tom Ackers u. a.: „Concrete Destruction: Costs and Damages of the Concrete and Cement Industry and the Future of Construction“. In: Studies 5 (2026). https://www.rosalux.de/en/publication/id/54746/concrete-destruction.
- Amnesty International Ltd: Gezi Park protests: Brutal denial of the right to peaceful assembly in Turkey. London: Amnesty International, International Secretariat 2013.
- Architects for Future: „Forderung Nr. 2: Hinterfragt Abriss kritisch“. In: Architects for Future. https://www.architects4future.de/forderungen/02-hinterfragt-abriss-kritisch (Stand: 16.08.2026).
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- Martin Jennrich: „Kalksteinbruch Rüdersdorf – Negativabdruck Berlins“. In: Hannegret Biesenbaum, Deutsche Gesellschaft, Kreuzberg-Museum (Hg.): Der Stoff, aus dem Berlin gemacht ist: Entdeckungsreisen zu den Industriedenkmalen Brandenburgs; [Ausstellung im Kreuzberg Museum (Juli bis Dezember 1994)]. Berlin: Stattbuch-Verl 1994, S. 48–65.
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- Özlem Sert: „Türkiye’de Nostalji Politikası, Kentte Gigantomani, Ev Ekonomisinde Saray Hayali, Yeni Osmanlıcı Hatırlamanın Halleri“. In: Birikim 203 (2013).
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- Laurie Winkless: „New York City Is Sinking Under The Weight Of Its Own Buildings“. In: Forbes vom 15.06.2023. https://www.forbes.com/sites/lauriewinkless/2023/06/15/new-york-city-is-sinking-under-the-weight-of-its-own-buildings/ (Stand: 18.08.2026).
- Slavka Zeković, Ana Perić, Miroljub Hadžić: „The financialization of “the urban” in the post-socialist Serbia: Evidence from the Belgrade Waterfront megaproject“. In: J. Urban Aff. 47 (2025), H. 5, S. 1579–1598. DOI: https://doi.org/10.1080/07352166.2023.2239962.
- „Elements of State Capture in Serbia“. https://www.transparentnost.org.rs/images/dokumenti_uz_vesti/Elements_of_State_Capture_in_Serbia_executive_summary_eng.pdf (Stand: 18.08.2026).