Der Begriff Anthropozän navigiert seit der Jahrtausendwende, ausgehend von der Geologie, durch die wissenschaftliche Öffentlichkeit. Obwohl es weder in seiner Herkuftsdomäne noch in anderen Disziplinen unumstritten ist, hat das Anthropozän inzwischen weite Verbreitung gefunden. Überall bietet es sich als neuer Epochenbegriff an, der endlich alles zu erfassen vermag, was mit dem menschengemachten Klimawandel zu tun hat. Interdisziplinäre Wissenschaftler:innen begegnen ihm mit Skepsis, gar Ablehnung: Wieder einmal wird der namensgebende Mensch (anthropos) zu stark ins Zentrum von Terra gerückt, so die Kritik. Wer diese gut nachvollziehbaren Einwände besser verstehen will und neugierig auf alternative Vorschläge ist, findet in Donna Haraways Buch »Unruhig bleiben: Die Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän« eine unverzichtbare Referenzquelle.WeiterlesenDonna Haraway: Unruhig bleiben. Die Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän
Autor: Thomas Schad
Das Kofferwort Anthropozän taucht immer wieder auf, wenn es um den besorgniserregenden Zustand des Planeten Erde als Ergebnis menschlichen Handelns geht: Klimawandel, Wasserbankrott, Artensterben, eine Kaskade von Umweltkatastrophen, aktuelle und drohende Klimakriege. Die Meinungen über den Begriff sind indes geteilt. Wie der Historiker Dipesh Chakrabarty resümiert, hat der Begriff Anthropozän „zwei Leben“: eines in den Erdsystemwissenschaften, ein anderes in den Sozialwissenschaften. Im ersten Teil dieser Diskursübersicht geht es um die Geowissenschaften, wo der Begriff zuletzt 2024 keinen Konsens fand – ohne die Argumente an sich zu diskreditieren. WeiterlesenDie zwei Leben des Anthropozäns (1)
Wo liegen Sinn und Potenziale – und wo Grenzen und Fallstricke von Popkultur und Social Media als Vehikel für Public History? Ähnliche Fragen habe ich mir am Beispiel des Srebrenica-Genozids und des Genres Film schon öfter gestellt. Heute, am Jahrestag des genozidalen Massakers von Halabja 1988, habe ich mich wieder an einen Hip-Hop-Song der Band Freundeskreis aus dem Jahr 1997 erinnert: »Leg dein Ohr auf die Schiene der Geschichte«. Ich hatte damals kaum Wissen über Kurdistan, hörte aber Freundeskreis rauf und runter. Die Band hat es geschafft, dass ich mich fragte, was deutsches Giftgas mit Halabja zu tun hatte.WeiterlesenHalabja 1988 und ein deutscher Hip Hop Song von 1997
Wählen benachteiligte Gruppen in demokratischen Gesellschaften ihren eigenen Henker? Sind Menschen fehlgeleitet, wenn sie in vermeintlichen oder echten Krisenzeiten für Populisten stimmen? Anlass gibt es genug, sich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen, auch wenn es in vielen Ländern längst nicht mehr um Wahlen geht, wie am eindrucksvollsten die Verheerungen des Populismus in den USA zeigen. Der Begriff der »fehlgeleiteten Ideologie« bietet sich als eine Möglichkeit an, Erklärungen für den Erfolg von Populisten zu bündeln. Quasi als Gegenteil der viel beschworenen Wissensgesellschaft basieren hohe Zustimmungswerte für Populisten auf der erfolgreichen Konstruktion von »Pseudo-Umwelten«. Das Erfolgsrezept ist ein Cocktail aus Wissenschaftsfeindlichkeit, Vermarktung von Gefühlen auf sozialen Medien und Streuung von populistischem Gegenwissen.WeiterlesenFehlgeleitete Ideologie (I): Wie wissenschaftsfeindliche Populisten mit viel Gefühl Pseudo-Umwelten herstellen
Dieser Text wurde im Open Source Format der »Berliner Zeitung« veröffentlicht und folgt einem vorher (26.02.2026) auf Englisch in »The Amargi« veröffentlichten Beitrag. Während die ganze Welt kurz vor den Luftangriffen der USA und Israels auf Iran über die Resilienz des dortigen Regimes spekulierte, erörterte ich die Frage, warum der besorgniserregende Grundwasserbankrott zwischen Zagros und Chorasan gar nicht in die Diskussionen einbezogen wird. Dabei ist die Grundwasserfrage eine der fundamentalsten Fragen für jedes politische Gemeinwesen, besonders in ariden Gebieten. Deswegen handelt es sich hierbei um einen »blinden Fleck« in der Resilienzdebatte, wie ich argumentiere. Ist das islamistische Regime im Iran reif für den Sturz? Ja, glauben die Frauen und Männer in der iranischen Diaspora. Trotz der unaussprechlichen Gräueltaten, die die Revolutionsgarde im Januar begangen hat, halten sie an dieser Hoffnung fest. WeiterlesenIran: Der mächtigste Feind des Mullah-Regimes sind nicht die USA
This text was originally published by The Amargi on 26 February 2026. In the text, I argue that freshwater bankruptcy is a missing variable in manifold forecasts about the Islamic Republic’s stability. Geopolitics and repression matter, but so do aquifers, seasons, and decades of water mismanagement that have turned potable water into a strategic limit on daily life. Is the Islamist regime of Iran ripe for fall? Many voices in the Iranian diaspora firmly stand to this prospect, despite the unspeakable atrocities committed by the IRGC in January. As a German-Iranian activist recently put it (shared in a video on Instagram), the regime “will not live to see next year”, pointing to the Iranian New Year (Nowruz) on March 20-21. Spring is an important reminder that the regime’s fate has more to do with weather and seasons than widespread (geo-)political forecasts may suggest. The impact of climate change on current developments is treated largely as a blind spot, yet climate distress and Iran’s water bankruptcy are the primary reasons why the Iranian regime is, in effect, unsustainable.WeiterlesenFreshwater Bankruptcy as the Blind Spot in Iran Forecasts
Normale Wissenschaft (normal science) ist ein analytischer Begriff, den Thomas S. Kuhn schon Anfang der 1960er Jahre geprägt hat, und zwar in der Prägung des größeren Überbegriffs Paradigma. Paradigmen (Paradigmata) beschreiben eine grundsätzliche Übereinkunft dessen, was sag- und denkbar ist, nachdem es sich in einem erprobten Rahmen bewährt hatte: Nicht umsonst sprechen wir von (Wissenschafts-)Disziplinen.…WeiterlesenNormale Wissenschaft und das iranische Geleit: Hier ist gar nichts mehr »normal«
Neopopulisten sind nicht in der Lage, Politik für die Zukunft zu gestalten: Das zeigt das US-Regime mit Donald Trumps absurder Haltung zum Klimawandel einmal mehr. Völlig neu ist diese Erkenntnis nicht: Klima und Klimawandel haben eine lange Geschichte, der Umgang von Obrigkeiten und öffentlicher Meinung war auch in der Frühen Neuzeit oft höchst irrational. Darum geht es in Wolfgang Behringers Buch »Kulturgeschichte des Klimas: Von der Eiszeit bis zur globalen Erwärmung«, das sich als gute und kompakte Einführung in die Thematik und zum besseren Verständnis des Zusammenhangs von naturräumlichem und sozialem Klimawandel im Anthropozän eignet.WeiterlesenWolfgang Behringer: Kulturgeschichte des Klimas
Kennen Sie das auch? Alle sprechen bei populistischen Autokratisierern von »Charisma« — und Sie können beim Gedanken an Trump, Orbán, Erdoğan, Netanyahu und wie sie alle heißen gar nichts damit anfangen? Wieso kann man diesen Leuten eigentlich überhaupt zuhören? Das Unverständnis könnte daran liegen, nicht empfänglich für demagogische Rede zu sein. Trotzdem sollten wir wissen, was die Kennzeichen von Demagogie sind, denn sie ist gefährlich. Sie kann Gesellschaften schwer schädigen und ihre Institutionen zerstören. Populisten kommen nämlich über Demagogie an die Macht. Und sie kommen, um zu bleiben – denn wenn sie gehen, müssen sie meistens ins Gefängnis. Wer ihre Machtergreifung verhindern will, muss also rechtzeitig handeln und bei Demagogie ansetzen. Dieser Beitrag fasst die Hauptmerkmale von Demagogie zusammen und zeigt zwei kurze Ausschnitte aus einem jugoslawisch-serbischen und einem türkischen Beispiel. WeiterlesenDemagogie
Demagogen und Neopopulisten setzen auf Emotionen, Affekte, religiöse und spirituelle Bedürfnisse. Diese manipulieren und instrumentalisieren sie, um sich in Zeiten großer Verunsicherung Zustimmung zu sichern. Das scheint ihnen ganz gut zu gelingen. Doch wie sieht es mit Lösungen und Alternativen aus? Wer hat im demokratischen Lager Vorschläge, über die wir sprechen sollten, wenn uns auch in Zukunft an Freiheit in Verschiedenheit gelegen ist? In diesem Buchtipp geht es deshalb heute um Daniel Schreibers neuestes Buch „Liebe! Ein Aufruf.“WeiterlesenDaniel Schreiber: Liebe! Ein Aufruf
Es gab immer antifaschistische Bewegungen, Gruppen, Stimmen und Grundhaltungen, doch seit einiger Zeit ist sehr viel häufiger von Faschismus die Rede als vor der fortgeschrittenen Oligarchisierung in den USA und dem weltweiten Progress der Autokratisierung. Es schwingt eine neue Ernsthaftigkeit mit, mit der sich zahlreiche Stimmen zu Wort melden, die uns helfen können, zu verstehen, was da gerade mit demokratischen Gesellschaften geschieht. Eine dieser Stimmen kommt von Cynthia Fleury, einer französischen Philosophin und Psychoanalytikerin, die sich besonders intensiv mit dem Phänomen des Ressentiments beschäftigt hat. In einem Fernsehauftritt spricht sie einen wichtigen sozialpsychologischen Aspekt an, der bei der Verbreitung und Annahme faschistischer Positionen eine bedeutsame Rolle spielt: Der Faschismus „bietet sich als Erleichterung an“, so Fleury — jedoch nicht ohne doppeltes Spiel. WeiterlesenCynthia Fleury: „Der Faschismus bietet sich zunächst als Erleichterung an“
The following text was originally published by The Amargi on 25 January 2026. I am grateful to the Amargi team for proofreading, copy-editing and the smooth cooperation. In my contribution, I approach a topic central to my research project on neopopulism in the anthropocene: We badly need a new concept of security, one that is both human-centred and embracing non-human life—or what I call »inter-specific security«. WeiterlesenHow Rojava Underscores the Need for a New Security Paradigm in Europe
Heute ist der 27. Januar, der Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz durch die Rote Armee. Zum Glück, so muss man angesichts der Absonderlichkeiten unserer Gegenwart hinzufügen, ist heute mit einer Kaskade von Wortmeldungen und Erinnerungsappellen an die Terrorherrschaft der Nazis und den ersten industriell verübten Völkermord der Geschichte zu rechnen. Ich vertraue darauf, dass…WeiterlesenVom Holocaust zu den Aporien der Außenpolitik: Warum Arendts »Recht, Rechte zu haben« heute Einspruch verlangt
Emotionen und Affekte bilden Triebfedern des neopopulistischen Progresses weltweit. Wie in der Logik des Geschichtsrevisionismus, wo Gefühle über Fakten herrschen, regiert der Populismus über ein niedertriebiges Affektregister. Ressentiment nimmt dabei eine prominente Stellung ein. Sowohl Eva Illouz als auch Cynthia Fleury tragen in ihren Arbeiten wichtige Erkenntnisse bei zum Verständnis darüber, warum gerade von Ungleichheit gebeutelte Demokratien so anfällig für kollektive Ressentiments sind.WeiterlesenRessentiment als protofaschistische Triebfeder bei Eva Illouz und Cynthia Fleury
Ist der »Rock Bottom« Moment für pluralistische Demokratien hinsichtlich ihrer digitalen Unmündigkeit und mangelnden Souveränität nun endgültig erreicht, auf gesamtgesellschaftlicher wie auf staatlicher Ebene? Wohin es führt, wenn ein Staat und seine Gesellschaft sich nicht effektiv gegen die Oligarchisierung von Big Tech-Plattformkapitalisten wehren und diese das Ruder in vormals staatlichen Domänen übernehmen, wird ausgerechnet am mächtigsten demokratischen Staat der Welt nun erschreckend klar. In der Diskussion schlage ich ein paar Ideen für konkrete Maßnahmen zur Demokratieförderung vor, die sich nicht auf Löscharbeiten und Symptomeindämmung beschränken.WeiterlesenBig Tech und Demokratieschädigung: Nehmen wir digitale Mündigkeit endlich ernst!
Wie schwer es den meisten Kommentatoren nach wie vor fällt, Eindeutigkeiten bei eindeutigem Namen zu nennen, aber auch ambivalente Komplizenschaften als solche zu dechiffrieren und zu erklären, das zeigt einmal mehr der Raubüberfall des US-Regimes auf das ressourcenreiche Venezuela. Das Land lag bis gestern jahrelang fest im Griff des populistischen Maduro-Regimes. „Frei“ ist Venezuela nun aber nicht — auch wenn willfährige Schönwetterkommentare eine solche Prognose mit geringster Überzeugungskraft zu lavieren versuchen.WeiterlesenReaktionen auf den Raubüberfall des US-Regimes auf Venezuela
Daniel Schreiber hat es wieder einmal geschafft: In gewohntem Duktus und nur zwei Jahre nach seinem letzten Buch »Allein« hat er seinen neuen Personal Essay »Liebe! Ein Aufruf« veröffentlicht. Er verfolgt damit ein großes Ziel: Er will Licht und Hoffnung für die auf verfahrene Weise niedertriebige Dynamik in liberalen Demokratien stiften. Ich muss wohl kaum eigens begründen, warum dies gerade in diesen lichtarmen Tagen von besonders großem Wert ist. Ob es ihm gelingt, diesem Treiben ausgerechnet mit Liebe etwas entgegenzusetzen?WeiterlesenResponse Paper: Liebe! Ein Aufruf (Daniel Schreiber)
Public Diplomacy erfährt gerade durch die Angriffe auf die ARD-Korrespondentin Sophie von der Tann neue Aufmerksamkeit, weil neben individuellen Meinungen orchestriert erscheinende Diffamierungsstrategien zum Einsatz kommen. Dabei geht es wenig darum, was die Journalistin tatsächlich gesagt oder gemeint hat. Die Auseinandersetzung auf Plattformen wie Instagram spiegelt auf Kosten der Journalistin vielmehr ein Kampffeld mit zwei Haupteinsätzen wieder: Zum einen geht es um identitätsgebundene, selektive Solidarität, wodurch Solidarität als Wert an sich verwässert wird. Zum anderen kämpfen identitäre Akteure unterschiedlicher Couleur, zwischen Pop-Islamisten und Hasbara-Aktivisten, um Aufmerksamkeit für sich selbst und ihre eingeengte Sicht. Die Herausforderung besteht darin, nicht aus Identitätsgründen an Kritik zu sparen und Solidarität von Identität zu entkoppeln. Unsere Gesellschaft braucht dringend Vertrauen, und das ist nur über die Verpflichtung auf die allgemeinen, universellen Menschenrechte zu erreichen. Eines von zahlreichen Plädoyers gegen Identitätspolitik.WeiterlesenZwischen Hasbara und Pop-Islamismus: Solidarität als diskursives Schlachtfeld
Historiker führen gerne das Wort der Longue durée (lange Dauer) und beziehen sich dabei auf den französischen Historiker Fernand Braudel. Dieser hat mit dem Begriff eine Unterscheidung zur Ebene der mittleren Dauer (Moyenne durée) und der Ereignis-Ebene (événément) getroffen, wobei sich die longue durée durch besonders konstante, lang anhaltende Gegebenheiten oder Konstellationen von Akteuren im Zusammenspiel mit Landschaft, Umwelt, Klima und anderen Faktoren auszeichnet. Kann die Baustoffgeschichte, die ein fester Faktor in der Menschheitsgeschichte seit der Sesshaftwerdung ist, auch als Phänomen der longue durée gelten?WeiterlesenDie vier Säulen der fossilen Zivilisation (5): Longue durée und Materialität der anthropogenen Masse
Teil 3 (Neue Baustoffe und die Idee einer Wende) befasst sich aus all diesen Gründen und angesichts der anthropogenen Klimakatastrophe — deren Teil das Bauwesen ebenso ist wie alle anderen emittierenden Produktionsweisen — mit bereits bestehenden, möglichen oder denkbaren Alternativen und Lösungsansätzen. So wäre es denkbar, nicht so viele bestehende Gebäude abzureißen, sondern stattdessen zu…WeiterlesenDie vier Säulen der fossilen Zivilisation (3): Neue Baustoffe und die Idee einer Bauwende



















