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Aladin El-Mafaalani: Misstrauensgemeinschaften

Misstrauensgemeinschaften ist ein Begriff, den der Soziologe Aladin El-Mafaalani jüngst geprägt hat. Besonders hochkomplexe Gesellschaften sind auf eine großes Maß von Vertrauen angewiesen, während dieses immer stärker vom Misstrauen verdrängt wird. Zunehmende Kontrollmaßnahmen können Vertrauen funktional nicht ersetzen, wie in einem Umkehrschluss zum Lenin zugeschriebenen Satz „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“. Eher verstärken sie das Misstrauen, dessen Zunahme insgesamt immer wahrscheinlicher werde. Neu an der aktuellen Misstrauenskonjunktur ist, dass sich unter den Misstrauischen Misstrauensgemeinschaften bilden, die durch den Wegfall alter Gatekeeper ein erhöhtes Gefühl von Selbstwirksamkeit spüren. Um diese problematische Entwicklung für demokratische Gemeinwesen geht es in El-Mafaalanis neuem Buch.

Bibliographische Angaben: El-Mafaalani, Aladin (2025): Misstrauensgemeinschaften. Köln: Kiepenheuer & Witsch.

Misstrauen – das Thema könnte nicht relevanter und aktueller sein, wenn man auf den politischen Diskurs blickt. Noch nie schienen sich Wähler und ihre Repräsentanten in der Geschichte des wiedervereinigten Deutschland nach 1990 mit mehr Misstrauen gegenüber gestanden zu haben als in der Gegenwart. Diese und andere Spaltungen sind von vielen Warten aus immer wieder thematisiert worden – etwa als Polarisierung, Folgen von Identitätspolitik oder der Digitalisierung. El-Mafaalani hingegen blickt von einer komplexen Gefühlslage ausgehend auf die Entwicklung – und nichts anderes ist Misstrauen, nämlich ein emotional-affektives Gefühl der Verunsicherung. Das Besondere an der Hochkonjunktur des Misstrauens sei die Bildung von Misstrauensgemeinschaften, denn misstrauische Menschen vertrauen verstärkt Menschen, die ebenfalls misstrauisch sind.

Aladin El-Mafaalani (geb. 1978 in Datteln) gehört zu den bekanntesten öffentlichen Intellektuellen Deutschlands. Der Soziologe aus dem Ruhrgebiet ist vor allem durch seine Bücher über die Schlagseiten der Bildungsexpansionen (Mythos Bildung) und zu den widersprüchlichen Folgen postmigrantischer Integration (Das Integrationsparadox) bekannt geworden.1 El-Mafaalani ist gern gesehener Gast in Talk Shows, da er dafür bekannt ist, seine Thesen prägnant und verständlich zu vermitteln.

Von Prägnanz ist auch sein neuestes, kurzes Buch Misstrauensgemeinschaften: Zur Anziehungskraft von Populismus und Verschwörungsideologien geprägt, das einschließlich Anmerkungen und Literaturverzeichnis in einem kleinen, handlichen Format gerade einmal 113 Seiten umfasst. Wie der Autor einleitend erklärt, sei das Buch auf persönlichen Erfahrungen als Wissenschaftler gewachsen. Er habe immer wieder erlebt, dass ihm in den letzten Jahren Menschen gesagt hätten, sie würden zwar ihm persönlich als Mensch vertrauen, nicht aber als Wissenschaftler. Wie geht man also als Wissenschaftler mit diesem pauschalen Misstrauen gegenüber hart erarbeiteter Professionalität um?

Vier Haupthesen zu den Misstrauensgemeinschaften

El-Mafaalani hat sich entschieden, es zu erforschen – und vertritt dabei vier Hauptthesen. Erstens (und wie bereits erwähnt) sei für die Bildung von Misstrauensgemeinschaften geteiltes Misstrauen grundlegend. Qualifikation, Expertenwissen, Fakten und hochkomplexe Zusammenhänge, die das eigene Wissensvermögen übersteigen, werden ausgeschlagen. Stattdessen wird einer anderen, wildfremden Person vertraut, die dem subjektiven Empfinden eher entgegenkommt.2 Darin zeigt sich, wie ich anfügen würde, eine klare Parallele zum Geschichtsrevisionismus nach Aviezer Tucker, wonach es bei der „richtigen Geschichte“ eben auch nicht um Fakten, sondern um die therapeutische Wirkung gehe.3

Mit seiner zweiten These unterstreicht der Autor, dass es Gründe gibt, die Menschen misstrauisch machen, die nicht nur an Ungleichheit oder anderen sozioökonomischen Faktoren hängen, sondern an „grundlegenden Aspekten der sozialen Realitäten“.4 Im Laufe des Buches wird klar, dass darunter vor allem die Rentabilität des Misstrauens auf dem Meinungsmarkt zu verstehen ist, aber auch das unterschätzte Momentum subjektiver Rationalität. In anderen Worten: es kommt auf Emotionen an. Auch hier lässt sich meines Erachtens eine ganz deutliche Parallele zum faktenabgewandten Prinzip des Geschichtsrevisionismus ziehen, wie es zuletzt Harald Welzer in seinem Haus der Gefühle so trefflich auf den Punkt gebracht hat.5

Den Aspekt des Meinungsmarktes baut er zur dritten These aus, indem er die Bedeutung und Möglichkeiten der digitalen Infrastrukturen in den Vergemeinschaftungen der Misstrauischen betont; ein Aspekt, der in anderen Thesen, etwa in Nils C. Kumkars Arbeit über Polarisierung, meines Erachtens zu kurz kommt.6 Zur Erklärung von Phänomenen wie der Bildung der Prepper-Szene, der Querdenker, Verschwörungsszenen rund um Corona und ähnlicher Szenen, die allesamt immer auf „Wissen aus dem Internet“ referieren und sich oft über Grenzen verbinden, sollten diese Infrastrukturen jedenfalls nicht unterschätzt werden.7

Die vierte These ist eine Warnung vor dem destruktiven Potenzial der Misstrauensgemeinschaften: Sie stellen eine Gefahr für die gesellschaftliche Stabilität und die liberale Demokratie dar. Mit dieser These kommt er zurück auf den unverzichtbaren Wert des Vertrauens für die Gesellschaft: Die Welt ist viel zu komplex, als dass es sich eine Gesellschaft leisten könnte, der Wissenschaft, den Medien und anderen Expertensystemen pauschal zu misstrauen. Sie sind nun mal von konstitutiver Bedeutung für die Demokratie.8

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in fünf Kapitel unterteilt, wovon das erste Kapitel Wem vertrauen Misstrauende (S. 11-16) von der Formulierung der bereits aufgeführten Thesen eingenommen wird.

Das zweite Kapitel Vertrauen macht handlungsfähig (S. 17-36) stellt die schiere Bedeutung von Vertrauen auf ganz unterschiedlichen Ebenen heraus: Vertrauen ist in persönlichen Beziehungen notwendig, wo beispielsweise partnerschaftlicher Betrug nicht über permanente Überwachung verhindert werden kann.9 Vertrauen muss aber auch unter völlig fremden Menschen gewährt werden, denn der Bekanntenkreis beschränkt sich immer auf eine überschaubare Zahl von Menschen, von denen nicht alle in der Lage sind, alles zu erklären; die Summe des menschlichen Wissens ist hingegen so umfangreich, dass niemand in der Lage ist, Expertenwissen zu ersetzen. Vertrauen kann auch nicht durch Kontrolle ersetzt werden, und alle Formen von Verrechtlichung sind problematisch. Der Lenin zugeschriebene Satz „Vertrauen ist gut, Kontrolle besser“ trifft also nur bedingt zu.10

Mit Referenz zu Francis Fukuyamas Arbeit über Vertrauen (Trust) aus den 1990er Jahren11 unterscheidet El-Mafaalani außerdem zwischen vertrauensarmen und vertrauensreichen Gesellschaften, was sich auf die Wohlstandsentwicklung von Gesellschaften auswirke: Vertrauensarmut bedeutet Wohlstandsverzicht, Vertrauensschwächung Wohlstandsverlust, denn „marktwirtschaftliche sowie liberal-demokratische Strukturen setzen geradezu auf Kontrollverzicht und basieren auf Vertrauen“.12 Er untermauert die Bedeutung von Vertrauen in der politischen Sphäre mit dem berühmten Beispiel der Weltfinanzkrise 2007-2008, als in Deutschland durch einen Vertrauensvorschuss von Anlegern und Wählern schlimmeres verhindert werden konnte: „Ein im Ernstfall nicht einhaltbares Versprechen hat den Ernstfall verhindert – durch Vertrauen.“13 Er meint damit Angela Merkels Versprechen, dass das Geld deutscher Privatanleger im Grunde sicher sei – ohne über Gewähr zu verfügen. Trotzdem vertrauten ihr die Menschen, was heute fast schon schwer vorstellbar erscheint.

Im dritten Kapitel Vertrauen wird wichtiger, Misstrauen wird wahrscheinlicher (S. 37-56) werden Leser El-Mafaalanis früherer Schriften vielleicht eine Interesseneinstellung des Autors wiedererkennen, nämlich einen gesellschaftlich abgebildeten Befund – hier ist es die offensichtliche die Zunahme des Misstrauens – mitsamt der dahinter liegenden Paradoxa zu erkunden. Der Widerspruch liegt bei der Misstrauenszunahme darin, dass Vertrauen eigentlich immer wichtiger und notwendiger wird, aber trotzdem weiter schwindet. Die Komplexität hat ein nie erreichtes Ausmaß angenommen:

„Der Einzelne kann nicht nur kaum noch etwas kontrollieren und muss deshalb vertrauen, sondern er kann überhaupt nicht mehr überblicken, worauf er denn überhaupt vertrauen muss.“14

Das paradoxe Problem wächst auch aus „einer kritischen Haltung und mit im Internet recherchiertem Halbwissen“, was zu noch mehr Skepsis führt.15 Auf dieser Grundlage ist zumindest ein Teil der Anziehungskraft von Populismus und Verschwörungsideologien zu verstehen.16

„Charakteristisch für den Populismus ist, dass er eine Gegenposition darstellt und keine stabile Substanz bzw. Werteorientierung hat. Solche grundlegenden Gegenpositionen sind etwa Anti-Elitarismus und Anti-Intellektualismus. Der Populismus besitzt kein geschlossenes inhaltliches Programm, sondern kann sich flexibel mit unterschiedlichen politischen Strömungen – von links bis rechts – verbinden.“17

„Eliten“ sind nicht nur Politik-Vertreter, „sondern immer stärker auch gegen die etablierten bzw. »alten« Medien sowie die Wissenschaft, hier insbesondere die gesellschaftlich relevante Forschung.“18 Ähnlich, aber radikaler verhält es sich mit Verschwörungsideologien:

„Verschwörungsideologien beruhen auf einer sehr ähnlichen Grundstruktur des Misstrauens, allerdings mit einer stärker ausgeprägten Radikalität im Hinblick auf die Erklärung bestimmter Missstände. Sie sind umfassende Weltdeutungssysteme, die komplexe gesellschaftliche Zusammenhänge und politische Ereignisse auf das geheime Wirken kleiner (wiederum meist elitärer) Gruppen zurückführen. Diese Intentionalisierung von Entwicklungen kennt weder Zufall noch Kontingenz noch Komplexität. Während das Misstrauen des Populismus auf die Entfremdung der »Eliten« vom Volke, auf Fehlbarkeit von Wissenschaft und Journalismus sowie auf unterschiedliche Interessen oder Inkompetenz ausgerichtet ist, erklärt verschwörungsideologisches Denken die Zusammenhänge als absichtsvoll bösartig oder von geheimen Netzwerken gesteuert. Der Verschwörungsglaube versteht den öffentlichen Diskurs als von Täuschung durchdrungen. Demokratische Institutionen, Medien und Wissenschaft werden in Verschwörungsideologien nicht nur kritisch betrachtet, sondern grundlegend delegitimiert da sie als Teil der Verschwörung gelten.“19

Doch wo fängt Misstrauen eigentlich an, und wie lange sprechen wir von normaler Skepsis, Protest oder Widerstand? Die Ambiguität von Misstrauen, das zunächst etwas völlig normales ist und zur Demokratie dazugehört wie Proteste und Demonstrationen, ist Gegenstand des vierten Kapitels Misstrauen verbindet: Misstrauensgemeinschaften (S. 57-75). Hier erfolgt eine Auflistung dessen, was Gegenstand von Misstrauen ist – nämlich so gut wie alles, das sich auch mit dem Attribut „alternativ“ einkleiden lässt: Alternativmedizin, alternative Fakten, alternative Medien, alternatives Geld.20

Nachdem die „Gatekeeper“ durch die digitale Entgrenzung weggefallen sind, können sich jetzt mit wenig Mühe alle als Experten ausgeben. Doch diese „Alternativangebote kennen überhaupt keine fachliche bzw. spezialisierte Prüfung oder systematisierte Expertise“21. Zum Misstrauen und der wahrgenommenen Unterrepräsentiertheit der eigenen Perspektive kommt die Vermarktungslogik des digitalen Raums:

„Zum anderen schuf die digitale Infrastruktur einen Resonanzraum, in dem Misstrauen nicht nur artikuliert, sondern durch Kommunikation und Kooperation verstärkt und stabilisiert werden konnte. Die Dynamik sozialer Netzwerke, in denen Algorithmen Reichweite nach aufmerksamkeitsökonomischen Logiken verteilen, begünstigte den Erfolg alternativer Medien, die oft bewusst provokativ auftreten und eine Gegenöffentlichkeit konstituieren.“22

Jeder kennt mit Sicherheit solche Personen, die eine Followerschaft um sich scharen, die wiederum die Glaubwürdigkeit oft demagogisch formulierter Spitzen gegen das „etablierte“ Wissen durch Artikulation von Zustimmung untermauern – ob das nun eine selbsternannte Genozid-Expertin qua Identität ist, oder ein alternativmedizinischer Epidemiologe mit dem besseren Gegenwissen zu unerprobten Impfstoffen:

„Aufgrund der digitalen Vernetzung und Beschleunigung werden die Risiken dieser Entwicklungen regelmäßig unterschätzt. Ein Risiko besteht in der Legitimation durch Masse und Reichweite vieler Alternativen. Die Anziehungskraft von Alternativen funktioniert nicht anders als die Gravitation: Masse verstärkt die Anziehungskraft. Je größer die Reichweite, desto stärker die Anziehungskraft. Je charismatischer oder versierter oder verständlicher Personen ihre Vorstellungen von der Welt auf Social-Media-Plattformen oder in Podcasts darstellen, desto erfolgreicher. Der Erfolg ist hier aber nicht mehr gekoppelt an prüfbare Standards oder fachliche Expertise.“23

Durch diese Reichweiten und Rückmeldungen verstärkt sich auf der Seite derjenigen, die immer wieder darum rufen, dass „endlich jemand etwas tut“, das Gefühl der Selbstwirksamkeit, das nicht nur durch eigene Emotionen prämiert wird. Im Sinne eines Perpetuum Mobile schwellen die Threads immer weiter an:

„Zudem werden in diesen Gemeinschaften Polarisierung und destruktives Handeln prämiert. Der Begriff des »Polarisierungsunternehmers« steht symptomatisch dafür, also Akteure, die bewusst eine affektive Polarisierung auszulösen versuchen. Zudem darf die Wirkung aktiven Provozierens nicht unterschätzt werden. Positive Reaktionen ermöglichen Resonanzerfahrungen. Aber auch negative Reaktionen erzeugen Selbstwirksamkeit. Wer misstraut, erfährt sich also in jedem Fall als wirksam.“24

Im fünften und letzten Kapitel (S. 77.89) werden sehr knapp Auswege diskutiert.25 El-Mafaalani bleibt alles andere als eindeutig optimistisch oder pessimistisch und stellt zunächst fest, dass die Tendenz der Misstrauenszunahme zur Kenntnis zu nehmen sei. Man werde sie nicht einfach so beseitigen können, denn die Unsicherheiten und die genannten Faktoren sind zu gewichtig. Permanente Kommunikation zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit sei in jedem Fall sehr wichtig. Es entstehe nämlich auch wieder Misstrauen, wenn Kommunikation ausbleibe, asymmetrisch erfolge oder wenn Konflikte unterdrückt werden. Ich frage mich natürlich auch, wie eine gelungene Wissenschaftskommunikation aussehen kann und ob es nicht unter Umständen bestenfalls irrelevant, schlechtestenfalls verschlimmernd ist, Open Science Projekte wie Neopopulismus auf Social Media Formate auszuweiten – denn man muss sich ja auch selbstkritisch fragen, wie es mit der Qualitätskontrolle aussieht, wenn es sich um ein Ein-Mann-Unternehmen handelt.

Eine besondere Verantwortung kommt staatlichen, demokratisch legitimierten Akteuren zu, wo auf jeden Fall von kuratiertem Wissen und vorhandenen Beraterstäben ausgegangen werden sollte; ein Schelm, wer bei dem, was im folgenden Zitat hinter „Wenn“ folgt, an die aktuelle deutsche Bundesregierung denkt:

„Wenn der Staat als überlastet, dysfunktional oder nicht reformfähig wahrgenommen wird, erodiert damit auch das Vertrauen in Politik und Demokratie insgesamt.“26

Auch zunehmende Verrechtlichung und immer feinere Regulierung kann das Vertrauen zwischen den Menschen schwächen.27 Dabei müssen unbedingt Prioritäten gesetzt werden, die Vertrauen schaffen oder wiederherstellen können:

„Während der Staat in kleineren, weniger relevanten Bereichen unnötig präsent ist, zeigen sich in den Kernbereichen staatlichen Handelns keine effektiven und effizienten Strukturen, sondern zum Teil massive Defizite: beispielsweise in innerer und äußerer Sicherheit, Bildung, Infrastruktur, digitaler und ökologischer Transformation.“28

Für den kosmopolitisierten Zusammenhang des Neopopulismus, wo es immer um grenzübergreifende Assemblagen von (Neo-)Populisten geht, die teilweise gegeneinander auftreten, aber gleichzeitig voneinander lernen, ist mit folgendem Zitat außerdem etwas ganz Wesentliches angesprochen:

„Ein Staat, der nicht verlässlich funktioniert, wirkt auch im internationalen Vergleich schwach. Dies steigert die Attraktivität konkurrierender Staatsmodelle wie etwa Chinas und Russlands, oder auch der Staatsumbau der USA.“29

Wo Misstrauensgemeinschaften manifest werden: Eine Frau bekreuzigt und verbeugt sich vor einem Kranz der Botschaft der Russländischen Föderation in Deutschland, Sowjetisches Ehrenmal in Berlin-Treptow, 9. Mai 2026. Bildquelle: Thomas Schad.

Ein weiterer wichtiger Punkt betrifft die zunehmende Diversität der Gesellschaft, zumindest in super-diversen Gesellschaften, wie sie für Berlin oder auch ganz Deutschland zunehmend der Normalfall ist.30 El-Mafaalani spricht hier etwas an, das unter liberalen, pro-demokratischen Akteuren kaum je von dieser Warte aus thematisiert wird: dass die zunehmende Diversität (er nennt es Pluralisierung der Gesellschaft) auch auf komplizierte Weise mit dem Wegbruch positiver Zukunftsvorstellungen und überlieferter Gewissheiten koinzidiert:

„Parallel zum Wegbrechen positiver Zukunftsvorstellungen hat sich die Pluralisierung liberaler Gesellschaften verstärkt. Dadurch erodierten auch die alten sozialen und kulturellen Bindekräfte, was eine Herausforderung für offene Gesellschaften darstellt.“31

Wenn eine Gesellschaft dermaßen instabil ist, steigt die Gefahr, bei einer der künftigen Krisen – etwa vergleichbar mit der genannten Finanzkrise von 2007-2008, als es durch Vertrauensgewinn möglich war, Schlimmeres zu verhindern. Die Gesellschaft könne sich durch den Vertrauensmangel nur noch weiter zu polarisieren, obwohl hier kein Worst Case Szenario genannt wird. Man möchte es sich andererseits gar nicht vorstellen, was das gegenwärtige Kabinett unter Friedrich Merz jeder weiteren Krise des Vertrauens überhaupt entgegenzusetzen hätte.

Würdigung und Kritik

Ich kann das gut geschriebene, zugängliche und kohärent aufgebaute Buch von El-Mafaalani unumschränkt empfehlen, sofern man berücksichtigt, dass es sich dabei um keine umfassende Analyse handelt, die auch noch für jedes Problem rund um Vertrauen und Misstrauen je eine perfekte Lösung bereit hielte. Das ist aber nicht der Anspruch des Buchs. Der Autor hat in Besprechungen selbst angemerkt, dass es sich um einen möglicherweise verkürzten, auf jeden Fall erweiterbaren Problembefund handelt, dass er aber aufgrund der Dringlichkeit des Gegenstands entschieden habe, es in diesem kurzen Format schon zu veröffentlichen. Meiner Meinung nach hat er gut daran getan. Wie schon eingangs festgestellt ist kaum ein Thema im Feld der Demokratiegefährdung relevanter als Vertrauensverlust. Vor diesem Hintergrund will ich trotzdem zwei Kritikpunkte anfügen.

Erstens fehlen mir Referenzen zur Emotionssoziologie und insbesondere zu Eva Illouz, die im Grunde sehr ähnlich argumentiert hat. El-Mafaalani hat absolut recht mit seiner Problematisierung der Polarisierungsunternehmer und ihrer Prämierungslogik durch „Social Media“, und ich persönlich kann es nicht nachvollziehen, wieso Nils C. Kumkars Buch über Polarisierung in dieser Hinsicht so nachsichtig ist bzw. dieses möglicherweise zentralste Problem überproportional untergewichtet (was aber einer verbreiteten Haltung in Deutschland entspricht). Allerdings wurden diese Probleme bereits ausführlich behandelt, was schon mit Jaron Laniers zugegebenermaßen recht hemdsärmlig formuliertem Buch rund um die erste Trump-Wahl in den USA gegeben war, um das es inzwischen recht still geworden ist.32 Eva Illouz, die sich um die Erforschung undemokratischer Emotionen verdient gemacht hat, hat außerdem mit der Kommodifizierung von Gefühlen die passenden Marktbegriffe für das Polarisierungsunternehmertum gefunden, die sich auf sehr fruchtbare Weise mit El-Mafaaladins Beobachtungen verbinden lassen.33

Zweitens bin ich mir zunehmend unsicher, was mit den eingeforderten, positiven Zukunftsideen und -Erwartungen anzufangen ist, deren Fehlen El-Mafaalani zum Schluss moniert. Für mich liest sich das fast wie ein Schluss, der ein guter Schluss sein möchte und so ähnlich immer wieder zu lesen ist. Gleich will man nicken und zustimmen – um sich dann aber zu fragen, was denn die positive Zukunftsidee sein könnte:

„Wichtig erscheinen positive Zukunftsideen und damit positive Zukunftserwartungen, die wie ein Kompass auch in krisenhaften Zeiten wirken und Vertrauen stärken.“34

El-Mafaalani ist natürlich ganz und gar nicht der einzige, der das Fehlen positiver Zukunftsaussichten moniert; auch Harald Welzer, der als einer der ersten vor den Klimakriegen gewarnt hatte, forderte 2008 dazu auf, erzählenswerte Zukunftsgeschichten zu formulieren.35 Eigentlich gibt es niemanden, der die Abwesenheit positiver Zukünfte nicht beklagt. Vielleicht wäre es eher an der Zeit, sich hinsichtlich der positiven Zukunftsideen etwas zurückzunehmen. Denn, wie El-Mafalani weiter völlig zurecht feststellt – und wie könnte es auch anders sein? – „[e]ine positive Zukunft besteht aus Versprechen.“36 Aber wer soll denn in der Lage sein, vor allem eingebettet in das gegenwärtige, nicht-nachhaltige Wirtschafts- und Wertschöpfungssystem des Kapitalismus, Versprechen für die Zukunft abzugeben? Wer hingegen allzu realistisch bleibt – man denke nur an Ulrike Herrmanns durch und durch fundierte Forderung nach „grünem Schrumpfen“ anstatt Wachstum – erntet keinen Erfolg.37

El-Mafaalani schreibt, die liberale Demokratie sei in den vergangenen Jahrzehnten von der Aussicht auf Wohlstand, Fortschritt und Sicherheit getragen gewesen und dass dies nicht mehr ohne weiteres gegeben zu sein scheint. Daraus resultiere, die Demokratie, sofern sie bestehen wolle, müsse wieder Vertrauen in die Zukunft und somit auch in sich selbst stiften. Ich bin mir nicht sicher, ob wir damit nicht einfach immer weiter in die gleiche Dynamik stolpern, die uns dorthin gebracht hat, wo wir uns heute befinden. Je mehr ich mich mit anthropologischen und feministischen Auseinandersetzungen mit dem sogenannten Anthropozän und seiner düsteren Zukunftsvorhersagen beschäftige, desto sicherer bin ich mir, dass wir uns vom Prinzip der Heldenreise entfernen müssen, die immer in eine lichte Zukunft führt.38 Vielleicht wäre ein Aufruf zu Tragetaschengeschichten aus dem Gegenwärtigen nach Ursula Le Guin eine passendere Losung für unser unheilvolles Durcheinander des Polarisierungsunternehmertums und dem Trend zu heroischen „Killergeschichten“.39 Aber das ist Gegenstand anderer Beiträge.

Fußnoten

1 Vgl. El-Mafaalani, Aladin: Das Integrationsparadox: Warum gelungene Integration zu mehr Konflikten führt, 3. Aufl Aufl., Köln: Kiepenheuer & Witsch 2018; El-Mafaalani, Aladin: Mythos Bildung: die ungerechte Gesellschaft, ihr Bildungssystem und seine Zukunft: mit einem Zusatzkapitel zur Coronakrise, 5. aktualisierte Auflage Aufl., Köln: Kiepenheuer & Witsch 2023 (KiWi 1795).

2 El-Mafaalani, Aladin: Misstrauensgemeinschaften: zur Anziehungskraft von Populismus und Verschwörungsideologien, Köln: Kiepenheuer & Witsch 2025, S. 13.

3 Vgl. Tucker, Aviezer: „Historiographic Revision and Revisionism: The evidential difference“, in: Kopecek, Michal (Hrsg.): Past Mak., Bd. 1, 1. Aufl., Budapest: Central European University Press 2008, S. 1–14.

4 El-Mafaalani: Misstrauensgemeinschaften, S. 13-14.

5 „Der Versuch, Geschichte und Gesellschaft ohne Berücksichtigung der Gefühle zu verstehen, ist ungefähr so schlau, als würde man sagen, dass Raupen in der Schmetterlingsforschung nichts verloren haben.“ Welzer, Harald: Das Haus der Gefühle: warum Zukunft Herkunft braucht, Frankfurt am Main: S. Fischer 2025, S. 11.

6 Vgl. Kumkar, Nils C.: Polarisierung: über die Ordnung der Politik, 2. Auflage Aufl., Berlin: Suhrkamp 2025 (edition suhrkamp 2814).

7 El-Mafaalani: Misstrauensgemeinschaften, S. 14.

8 Ebd., S. 14-15.

9 Ebd., S. 18-22.

10 Ebd., S. 29.

11 Vgl. Fukuyama, Francis: Trust: the social virtues and the creation of prosperity, 1. Free Press paperback ed Aufl., New York, NY: Free Press Paperbacks [u.a.] 1996 (A Free Press paperbacks book).

12 El-Mafaalani: Misstrauensgemeinschaften, S. 31.

13 Ebd., S. 33.

14 Ebd., S. 45.

15 Ebd., S. 48.

16 Ebd., S. 49.

17 Ebd., S. 50.

18 Ebd.

19 Ebd., S. 50-51.

20 Ebd., S. 60.

21 Ebd., S. 60.

22 Ebd., S. 63.

23 Ebd., S. 68-69.

24 Ebd., S. 73.

25 Ebd., S. 77–89.

26 Ebd., S. 85.

27 Ebd., S. 86.

28 Ebd.

29 Ebd., S. 87.

30 Zum Begriff Superdiversität vgl. Vertovec, Steven: Superdiversität: Migration und soziale Komplexität, übers. von. Alexandra Berlina, Erste Auflage, deutsche Erstausgabe Aufl., Berlin: Suhrkamp 2024.

31 El-Mafaalani: Misstrauensgemeinschaften, S. 88.

32 Man wird schnell feststellen, dass sich am Grundproblem nichts verbessert hat, denn die Algorithmen der US-Oligarchen sind nach wie vor hermetisch geschlossen. Gleichwohl schätzt die deutsche Ministerin für Wissenschaft im Jahr 2026, das Hauptproblem liege nicht in den USA. Vgl. Lanier, Jaron: Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst, übers. von. Martin Bayer und Karsten Petersen, 1. Auflage Aufl., Hamburg: Atlantik 2019.

33 Illouz, Eva: Undemokratische Emotionen: das Beispiel Israel, übers. von. Michael Adrian, Deutsche Erstausgabe Aufl., Berlin: Suhrkamp 2023; Illouz, Eva: Gefühle in Zeiten des Kapitalismus, 10. Auflage Aufl., Frankfurt am Main: Suhrkamp 2024 (Frankfurter Adorno-Vorlesungen 2004); Illouz, Eva: Die Zukunft der Gefühle: Wie die Subjektivität die Technologie prägt, übers. von. Michael Adrian, 1. Auflage 2025 Aufl., Stuttgart: Klett-Cotta 2025.

34 El-Mafaalani: Misstrauensgemeinschaften, S. 88.

35 Welzer, Harald: Klimakriege: wofür im 21. Jahrhundert getötet wird, Frankfurt am Main: S. Fischer 2008.

36 El-Mafaalani: Misstrauensgemeinschaften, S. 89.

37 Vgl. Herrmann, Ulrike: Das Ende des Kapitalismus: warum Wachstum und Klimaschutz nicht vereinbar sind – und wie wir in Zukunft leben werden, 5. Auflage Aufl., Köln: Verlag Kiepenheuer & Witsch 2022.

38 Vgl. El Ouassil, Samira und Friedemann Karig: Erzählende Affen: Mythen, Lügen, Utopien – wie Geschichten unser Leben bestimmen, Erweiterte Ausgabe Aufl., Berlin: Ullstein 2023.

39 Vgl. Le Guin, Ursula K.: Am Anfang war der Beutel: warum uns Fortschritts-Utopien an den Rand des Abgrunds führten und wie Denken in Rundungen die Grundlage für gutes Leben schafft: Essays, Reden und ein Gedicht, übers. von. Matthias Fersterer, 3., überarbeitete Auflage Aufl., Klein Jasedow: ThinkOya 2023 (Akt 10).

Bibliographie

El Ouassil, Samira und Friedemann Karig: Erzählende Affen: Mythen, Lügen, Utopien – wie Geschichten unser Leben bestimmen, Erweiterte Ausgabe Aufl., Berlin: Ullstein 2023.

El-Mafaalani, Aladin: Das Integrationsparadox: Warum gelungene Integration zu mehr Konflikten führt, 3. Aufl Aufl., Köln: Kiepenheuer & Witsch 2018.

El-Mafaalani, Aladin: Mythos Bildung: die ungerechte Gesellschaft, ihr Bildungssystem und seine Zukunft: mit einem Zusatzkapitel zur Coronakrise, 5. aktualisierte Auflage Aufl., Köln: Kiepenheuer & Witsch 2023 (KiWi 1795).

El-Mafaalani, Aladin: Misstrauensgemeinschaften: zur Anziehungskraft von Populismus und Verschwörungsideologien, Köln: Kiepenheuer & Witsch 2025.

Fukuyama, Francis: Trust: the social virtues and the creation of prosperity, 1. Free Press paperback ed Aufl., New York, NY: Free Press Paperbacks [u.a.] 1996 (A Free Press paperbacks book).

Herrmann, Ulrike: Das Ende des Kapitalismus: warum Wachstum und Klimaschutz nicht vereinbar sind – und wie wir in Zukunft leben werden, 5. Auflage Aufl., Köln: Verlag Kiepenheuer & Witsch 2022.

Illouz, Eva: Undemokratische Emotionen: das Beispiel Israel, übers. von. Michael Adrian, Deutsche Erstausgabe Aufl., Berlin: Suhrkamp 2023.

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Illouz, Eva: Die Zukunft der Gefühle: Wie die Subjektivität die Technologie prägt, übers. von. Michael Adrian, 1. Auflage 2025 Aufl., Stuttgart: Klett-Cotta 2025.

Kumkar, Nils C.: Polarisierung: über die Ordnung der Politik, 2. Auflage Aufl., Berlin: Suhrkamp 2025 (edition suhrkamp 2814).

Lanier, Jaron: Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst, übers. von. Martin Bayer und Karsten Petersen, 1. Auflage Aufl., Hamburg: Atlantik 2019.

Le Guin, Ursula K.: Am Anfang war der Beutel: warum uns Fortschritts-Utopien an den Rand des Abgrunds führten und wie Denken in Rundungen die Grundlage für gutes Leben schafft: Essays, Reden und ein Gedicht, übers. von. Matthias Fersterer, 3., überarbeitete Auflage Aufl., Klein Jasedow: ThinkOya 2023 (Akt 10).

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Vertovec, Steven: Superdiversität: Migration und soziale Komplexität, übers. von. Alexandra Berlina, Erste Auflage, deutsche Erstausgabe Aufl., Berlin: Suhrkamp 2024.

Welzer, Harald: Klimakriege: wofür im 21. Jahrhundert getötet wird, Frankfurt am Main: S. Fischer 2008.

Welzer, Harald: Das Haus der Gefühle: warum Zukunft Herkunft braucht, Frankfurt am Main: S. Fischer 2025.

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